Nr. 36/2018 vom 06.09.2018

Die zähe Falken-Mutter

Von Brigitte Matern

Mit siebzehn wäre sie aus Verzweiflung fast zur Mörderin geworden. Sie schwang die Axt bereits über dem Kopf, als die Mutter dazwischenging. Für einen Moment hatte sie geglaubt, wenn sie den Vater erschlüge, hätten Hunger und Not ein Ende. Doch das Leben bot mehr Ungerechtigkeiten als einen Vater, der prügelte und soff. Das wusste die 1894 in Basel geborene Arbeitertochter schon mit vierzehn. In einer Seidenspinnerei in Höngg bei Zürich, wo sie gegen miesen Lohn edle Jacquardtapeten für das englische Königshaus wob, verdienten Frauen weniger als Männer und verrichteten die schwierigere Arbeit. Umgehend war sie der Gewerkschaft beigetreten.

Vielleicht lag es auch an der Grossmutter, dass sich die «Aufwieglerin» so zäh für eine gerechte Welt einsetzte; immerhin hatte diese 1848 an der Revolution teilgenommen. Beim Zürcher Generalstreik 1912 sorgte die Enkelin jedenfalls dafür, dass die Trams im Depot blieben, und kämpfte so lange für bessere Bedingungen in den Textilfabriken, bis keiner sie mehr einstellen wollte. Sie schlug sich als Putzfrau, Bauarbeiterin, Schneidergehilfin durch, amtete daneben im Vorstand der Sozialistischen Jugend, warb Frauen für die Gewerkschaft, hielt Vorträge, Reden.

Dann bat Ernst Toller, 1918 Mitorganisator der Münchner Räterepublik, die zuverlässige Arbeiterin, in Bayern das Büro der Roten Armee zu verstärken. Revolution! Doch das Demokratieexperiment wurde in Blut ertränkt, die GenossInnen eingekerkert oder erschossen. Sie selbst schob man nach monatelanger Haft in die Schweiz ab. Deprimiert ging sie als Zimmermädchen nach Italien und landete dort, weil sie vor den Faschisten den Mund nicht halten konnte, erneut im Gefängnis.

1922 aber fand sie in Bern ihre grosse Liebe, heiratete und hatte endlich Zeit für Matur, Universität und – eine weitere Herzenssache – die Gründung der Berner Roten Falken, eine der ersten sozialistischen Kinderorganisationen der Schweiz. Dass sie neben deren Leitung die Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit mit organisierte, Unterschriften für AHV und Frauenstimmrecht sammelte, später die Berner Spanienhilfe auf die Beine stellte, im Krieg Flüchtlinge versteckte und sich beim Roten Kreuz engagierte, war für sie selbstverständlich. Nach dem Tod ihres Mannes stand sie jedoch mit 56 Franken Rente da und musste, 62-jährig, wieder putzen gehen.

Wer war die SP-Frauenagitationskommissionsvorsitzende, die in vielen Kindern den Sinn für Solidarität weckte, bevor sie mit 99 Jahren starb?

Wir fragten nach der Schweizer Sozialistin und Frauenrechtlerin Anny Klawa-Morf (1894–1993). Sie war mit dem lettischen Typografen und Sozialisten Janis Klawa verheiratet. Als er 1956 starb, arbeitete sie zunächst als Putz- und Waschfrau. Dann besorgte ihr ein Gewerkschaftskollege einen Bürojob bei der Krankenkasse des Metall- und Uhrenarbeiterverbands SMUV, für die sie bis ins 85. Lebensjahr tätig war. 2010 benannte man in Zürich einen Platz nach ihr. Empfohlene Lektüre: Annette Frei, «Die Welt ist mein Haus. Das Leben der Anny Klawa-Morf», Limmatverlag, 1991.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch