Nr. 36/2018 vom 06.09.2018

Freiheit oder Tod auf US-Amerikanisch

Sie lebte bereits früher in den USA, jetzt hat sich WOZ-Autorin Lotta Suter entschieden: Sie will US-Bürgerin werden. Diesen Prozess dokumentiert sie mit Tagebucheinträgen, die dieser Tage als Buch erscheinen. Zwei Auszüge.

Von Lotta Suter (Text und Foto)

«Als wärs ein Stück von mir»: Frühsommer in Vermont.

5. Juli

Der Sommer ist endlich da, selbst in Vermont. Ich verbringe lange Stunden mit Jäten, Ausdünnen, neu Bepflanzen im Gemüse- und Kräutergarten. Ich gehe fast täglich im nahen Weiher schwimmen. Ich sitze mit Freundinnen und Freunden in der lauen Abendbrise … Und ich frage mich ständig, ob ich in meiner heiteren Sommerstimmung nicht mein Projekt «Amerikanerin werden» vernachlässige. Andererseits: Sind es nicht gerade auch die weiten Landschaften, die eher herbe Naturschönheit, die im feuchtwarmen Sommer so intensive Vegetation und der grosszügige Umschwung um mein eher kleines Haus, die mich zum Umzug in den Nordosten der USA verleitet haben?

«Ah, die Farm in den grünen Bergen», sagen meine europäischen Bekannten, wenn sie von meinem Umzug nach Vermont hören. Oder sie bemerken lächelnd: «Als wärs ein Stück von mir.» Offenbar haben sie die Memoiren des Schriftstellerpaars Carl und Alice Zuckmayer gelesen, die während des Zweiten Weltkriegs nach Vermont auswanderten, in die etwa vierzig Autominuten südlich von unserem Wohnort gelegene Gemeinde Barnard. Meine Schweizer FreundInnen stellen sich aufgrund ihrer Lektüre die Landschaft hier sehr romantisch vor. Und das ist sie auch.

Doch Zuckmayers Landleben war keine reine Idylle. Die unerfahrene Bauernfamilie erlitt auch lange, schneidend kalte Winter in schlecht isolierten Gebäuden, kaum passierbare Strassen und manche Notsituationen, die nur dank der Unterstützung von eher bärbeissigen NachbarInnen gemeistert werden konnten. Etwas von dieser Strenge des Vermonter Lebens ist auch heute noch spürbar. Auch unsere NachbarInnen wirken bei der ersten Begegnung etwas schroff, sind aber äusserst hilfsbereit. Zwar gibt es heutzutage überall Elektrizität – doch auch häufige Stromausfälle. Die Zufahrtswege werden alle gepflügt, bei grossen Schneestürmen jedoch oft erst nach Stunden oder sogar Tagen. Und gegen den Frühjahrsschlamm auf den vorwiegend ungeteerten Strassen kommen auch moderne Fahrzeuge mit Vierradantrieb nicht immer an.

Zum Glück ist aber auch die prächtige Natur aus Zuckmayers Schilderung noch sehr präsent: die ersten gelbgrünen Blattspitzen, die spät im Frühling in der langen, kahlen Blösse leuchten; das tiefe, satte Grün des Sommers, das sich für eine Weile selbst genügt; die intensiven Gelb- und Rottöne des Herbstes, ein fantastisches Schlussbouquet; und dann der Winter still und weiss und eisig kalt. Das Beeindruckende am hiesigen Schauspiel der Jahreszeiten: Es sind nicht einzelne Bäume, Wäldchen oder Wiesenflecken, die dieses Bild zeichnen, sondern es ist die ganze Umgebung, so weit das Auge reicht. Und diese Umwelt reduziert uns und unsere Städte und Strassen, unser Denken und Tun – vorläufig noch – auf ein menschliches Mass.

Wo dieses Mass aus dem Gleichgewicht gebracht wird, regt sich Widerstand. Ganz in der Nähe, in der Gemeinde Randolph, Vermont, hat eine BürgerInnengruppe innert weniger Wochen eine Million Dollar gesammelt. Mit diesem Geld und in Zusammenarbeit mit anderen Umweltschutzorganisationen konnte ein zusammenhängendes Stück von insgesamt dreissig Hektaren Agrarland der kommerziellen Nutzung und Bodenspekulation entzogen werden. Die Gruppe nennt sich «Exit 4 Open Space», nach der nahe gelegenen Autobahnausfahrt. Die «gerettete» Landschaft ist spektakulär, weit sieht man über die Hügelkette der Green Mountains hinweg, wobei nur die ersten Hügelketten grün sind, dann wechseln die Kuppen zu Grünblau, bis sie Blau gegen Blau den fernen Horizont bezeichnen. Nun wird beim «Exit 4 Open Space» nicht ein weiteres unrentables Shoppingcenter im Grünen gebaut, sondern das Land wird vorab zur Geissenzucht an BäuerInnen verpachtet. Es gibt Vermonterinnen und Vermonter, die den von SpekulantInnen versprochenen Steuereinnahmen und Jobs nachtrauern, denn dieser kleine Bundesstaat ist finanzschwach, und immer weniger Menschen können und wollen da wohnen und arbeiten. Doch der Grossteil der lokalen Bevölkerung begrüsst den «open space», die unverbaute Grünfläche. Ein alter Bauer, der für die Kampagne Geld spendete, sagte: «Es braucht hier Felder, verdammt noch mal.»

(…)

8. August

Mit meinem jüngsten Sohn und seiner Freundin K. führe ich heute ein langes Gespräch. Ich will wissen, wie diese zwei Millennials – sie sind beide Mitte zwanzig und studieren in Washington D. C. Geografie beziehungsweise Logopädie – die USA und ihre eigene Stellung in diesem Land sehen.

Die junge Amerikanerin aus der Washington-Baltimore-Metropole macht den Anfang: «Als Kind besuchte ich die lokale Montessori-Schule, die grosses Gewicht auf Vielfalt legte. Meine beste Freundin war die Tochter von Einwanderern aus Indien. Ich dachte, ganz Amerika sei ein Melting Pot, ein Schmelztiegel mit verschiedensten Kulturen. Dieses schöne Bild hat sich für mich mit der Wahl von Donald Trump verändert. Ich habe erfahren, wie andere Leute Amerika definieren, nämlich als ‹wir gegen die anderen›. Dieser weisse Nationalismus stösst mich ab. Vielleicht sollte ich für eine Weile woanders leben. Das gegenwärtige hässliche Amerika ist nicht meins.»

Mein Sohn wohnte die ersten vier Jahre seines Lebens im Zürcher Oberland und lebt bis heute als Schweizer mit Greencard, also als ständiger Aufenthalter, in den USA. Doch er sagt: «Ich sehe mich heute praktisch als Amerikaner, obwohl ich das Bürgerrecht nicht besitze. Amerikanisch sein heisst für mich vor allem, den Fokus mehr auf das Individuum zu legen als auf die Gruppe. Diesen Unterschied sah ich auch auf Reisen durch Europa und Russland. Zum Beispiel ist es an diesen Orten ganz klar: Man bedient zuerst alle andern, bevor man an sich selbst denkt. In den USA steht die eigene Person im Vordergrund. Das kann gut sein oder auch schlecht. Diese individualistische Sicht ist sicher auch durch meine Kindheit in New Hampshire geprägt. ‹Live free or die›, Freiheit oder Tod, war dort sogar das offizielle Staatsmotto. Und von meinen Highschoolkollegen weiss ich, dass manche von ihnen Trump wählten, nicht aus politischer Überzeugung, sondern als individualistischer Protestakt. Wir können immer noch miteinander reden. Ich bin für sie der superlinke Typ, der in D. C. wohnt und europäische Eltern hat, doch sie respektieren mich weiterhin. Auf der persönlichen Ebene gab es bei uns nie diesen unversöhnlichen Hass, den man nun überall zwischen verschiedenen politischen Lagern wahrnimmt.»

K. fügt hinzu, die individualistische Perspektive der Amerikanerinnen und Amerikaner sei auch deshalb gut, weil sie die Menschen darin bestärke, dass sie alles erreichen könnten, was sie wollten, wenn sie nur hart dafür arbeiteten. Und sie erzählt die Geschichte ihrer eigenen Mutter, die sich aus ärmlichen Verhältnissen hochgearbeitet, ihr Studium selbst finanziert und schliesslich eine eigene Zahnarztpraxis eröffnet hat. Ich kenne diese Frau und weiss, wie stolz sie – zu Recht – auf ihre individuelle Leistung ist. Ist sie ein Musterbeispiel für den amerikanischen Traum? Die Tochter meint: «Das schon, doch, meine Mutter wurde auch unterstützt, nicht so sehr von der eigenen Familie, aber von der Kirchgemeinde. Deshalb wohl findet sie bis heute Community Service, gemeinnützige Arbeit, so wichtig. Sie leistet regelmässig zahnmedizinische Einsätze in Lateinamerika oder setzt sich in ihrer Kirche ein. Menschen, die wirklich denken, sie hätten es ganz alleine geschafft, sind in der Regel ziemlich egoistisch. Meine Mutter hingegen gibt etwas an die Gesellschaft zurück.» Worauf mein Sohn einwirft: «Ja, aber es ist – typisch amerikanisch – wieder ein individualistisches Engagement, das sich eher an ideologischen Grössen wie Kirche und Mission denn an räumlichen Verhältnissen, etwa Quartier, Gemeinde oder Bundesstaat, orientiert.»

Wir sind uns einig: Die Kehrseite dieser individualistischen Wohltätigkeit ist die weitverbreitete Zurückhaltung, ja die Abneigung, soziale Aufgaben mit regulären Steuergeldern zu finanzieren. Die angehende Logopädin sagt: «Die Leute können nicht sehen, dass hungrige Kinder Unterstützung oder zumindest ausreichende Ernährung brauchen, um den individualistischen amerikanischen Traum leben zu können.» Auch mein Sohn weist darauf hin, dass der individualistische amerikanische Traum stets auf verborgenen Leistungen eines Kollektivs basiert. Am extremsten sieht er das beim Verhältnis zur Armee: «Das zivile Amerika feiert den Individualismus, sichert aber seine Macht durch eine Institution, die den Individualismus nach Möglichkeit ausrottet: das Militär.» Die Millennials meinen, ihre Generation glaube nicht mehr wirklich an diesen Traum, sie seien diesbezüglich etwas abgestumpft.

Zum Schluss frage ich die beiden, was für sie an der US-amerikanischen Identität das Schönste und was das Schwierigste sei. K. sagt: «Ich bin mit meiner Mutter und deren Werten aufgewachsen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man seine Gemeinschaft und Familie selbst wählen und gestalten kann, und ich bin sehr dankbar dafür. Amerikanisch sein heisst für mich, dass ich mit Menschen zusammen sein kann, die meine Werte teilen und mich unterstützen. Ich muss sie bloss finden! Auch dass ich in alle Welt reisen und wieder in mein Land zurückkehren kann, ist ein riesiger Luxus. Ich kann das alles zuweilen sogar ablehnen – ich habe es trotzdem noch.»

Mein Sohn denkt konkret über die Frage der US-Staatsangehörigkeit nach: «Amerikanischer Staatsbürger werden – das würde mir wohl ein noch etwas stärkeres Zugehörigkeitsgefühl geben. Es wäre ein letzter Schritt zur Integration in eine Gemeinschaft, die bereits die meine ist. Ich möchte das einerseits gerne tun. Andererseits zögere ich, Bürger dieses Landes zu werden, weil ich nicht alles unterschreiben kann, was dieses Land ausmacht, weil ich nicht mit allem in diesem politischen System einverstanden bin. Und diese Weigerung zeigt gerade, wie sehr ich bereits ein individualistischer Amerikaner geworden bin. Es ist eine vertrackte Angelegenheit.»

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