Nr. 36/2018 vom 06.09.2018

Widmerwoche live aus Hinterwalden

Ruedi Widmer über Sachsen, Granaten und Karten

Von Ruedi Widmer

Chemnitz löst Chemtrail als meistgegoogelter Begriff ab.

Die AfD veranstaltete am Samstag einen Trauerzug für John McCain. (Nachprüfen!)

Die Annäherung zwischen DurchschnittsbürgerInnen und den Nazis in Deutschland ist ein weiteres Beispiel gelungener Integration. Fertig sind die Zeiten, als Nazis am Rand der Gesellschaft sassen und sich im Morast der misslungenen deutschen Geschichte wälzten. Integrationsmassnahmen wie frische Luft, Bewegung und Ausländerhatz oder das Hilfswerk AfD haben die Randständigen wieder in die Gesellschaft integriert, und wie im Fall Sarrazin sogar mitten in die SPD.

Überhaupt scheint es 2018 einfacher für das grunddeutsche Gemüt, statt einem Ball einem Flüchtling hinterherzurennen. Jogi Löw kann davon ein Lied singen. Vielleicht sollte das Alkoholausschankverbot im Fussball gelockert werden, damit in der Mannschaft wieder mal was geht. Alkohol lockert im Rumpf die Muskeln und im Kopf die Schrauben.

So wie jene vom Schweizer Nationaljournalist Köppel, der eigens nach Chemnitz reiste (und dort keine Nazis feststellte, sondern nur besorgte Bundesbürger), um in der kommenden «Weltwoche» garantiert ein geiles Interview mit Bernd Höcke drin zu haben, dem geborenen charismatischen AfD-Führer, der irgendwann in seiner Laufbahn Alexander Gauland und Alice Weidel aus dem Weg schaffen muss, um endlich an der Spitze von Partei und Staat zu stehen.

Der Bundesrat hält die Transparenzinitiative für «nicht vereinbar mit dem System der Schweiz». Besser hätte das niemand sagen können.

Beim IS, offenbar einem guten Kunden unserer Patrioten aus dem System Schweiz, sind nämlich Handgranaten aus einheimischer Produktion (Handarbeit, Berner Oberland) entdeckt worden. Womöglich stammen sie aus einer Lieferung von 225 000 Stück, die die Ruag 2003 Seco-bewilligt an die Vereinigten Arabischen Emirate verkaufte. Doch wir, die Ruag, Herr Schneider-Ammann, SVP, FDP und CVP, können aufatmen: Der IS ist keine extremistische islamistische Terrororganisation, sondern ein Forum von besorgten DurchschnittsbürgerInnen, die keine ChristInnen und keine fehlgläubigen MuslimInnen in ihren Ländern haben möchten.

Als Zeichen des guten Willens gegenüber den von diesen Granaten getöteten MuslimInnen lesen Bundesrat Schneider-Ammann und seine Mannen in der SVP jetzt wenigstens den Koran, und zwar in der Übersetzung von Thilo Sarrazin.

AfD-Politiker und Pro-Chemnitz-Kopf Martin Kohlmann empfiehlt in der FAZ, Ostdeutschland solle Schluss machen mit den Wessis und sich statt Westdeutschland lieber den Visegrad-Staaten Polen, Ungarn, Tschechien und Slowakei anschliessen. Etwas Ossigeres habe ich selten gelesen.

Visegrad klingt übrigens irgendwie nach Geld, nach Weltläufigkeit, was nicht unbedingt auf diese Staaten zutrifft. Wahrscheinlich bringe ich es mit der Visacard in Verbindung.

Das Gegenstück zu den Visacard-Staaten wären demnach die Eurocard-Staaten im Westteil des Kontinents. «Eurocard» kam soeben aus den Tiefen meiner Erinnerung an die Oberfläche, und beim Wiki-Googeln lese ich, dass die Eurocard 2003 eingestellt wurde. Das ist auch irgendwie logisch, denn damals kam der Euro auf, Helmut Kohls Katastrophenwährung. Eine Eurocard wäre dann so etwas wie eine Frankencard oder eine Dollarcard, was es ja nicht geben kann, denn man will ja mit einer Kreditkarte vor allem dort zahlen, wo man nicht herkommt (also ich, Ferien), und dort ist meist eine andere Währung, also zumindest, wenn man Schweizer ist.

Was tut eigentlich ein Sachse den ganzen Tag? Sachseln. Das klingt so obwaldnerisch, wie Sachsen hinterwaldnerisch klingt.

Ruedi Widmer ist Cartoonist im Gau Zürich (Winterthur).

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