Nr. 37/2018 vom 13.09.2018

Ein Stück Wald und den Planeten retten

Die Situation im besetzten Hambacher Forst im Westen Deutschlands spitzt sich zu: Während die AktivistInnen den zivilen Ungehorsam planen, stellt sich die Polizei auf einen Kampf gegen «gewaltbereite Linksextreme» ein.

Von Raphael Albisser

Der Kampf um den Hambacher Forst, einen kleinen Flecken Wald am Rand der grössten Braunkohlegrube Deutschlands in Nordrhein-Westfalen, dürfte bald in die nächste Runde gehen. Tausende Hektaren Wald mussten dem Kohlerevier bereits weichen. Geht es nach dem Willen des Energiekonzerns RWE, soll in den kommenden Monaten rund die Hälfte der verbliebenen 200 Hektaren ebenfalls verschwinden. Die letzten Jahre haben jedoch gezeigt: Je kleiner die Waldfläche wird, desto stärker wird auch der Widerstand.

Räumungen und Razzien

Seit 2012 ist der Hambacher Forst wiederholt besetzt worden. Mittlerweile gibt es mehrere Baumhaussiedlungen, die von Dutzenden BesetzerInnen bewohnt – und, falls nötig, verteidigt werden. Im Dezember 2017 erzielte die Umweltschutzorganisation Bund einen kleinen Erfolg, als sie einen zeitweiligen Rodungsstopp erzwang. Die Schonfrist endet jedoch bald; ab Oktober darf der Konzern wieder Bäume fällen lassen, wobei ihn Polizei und Staatsanwaltschaft bereits im Vorfeld tatkräftig unterstützen. Ende August gab es Razzien und Räumungen, bei denen mehrere Personen verhaftet und über zwanzig vorübergehend in Gewahrsam genommen wurden. Einem Aktivisten brach man dabei den Arm. Unterstützt von Hundertschaften der Bereitschaftspolizei begannen RWE-Angestellte letzte Woche ausserdem damit, Barrikaden und Bodenstrukturen in den Baumhaussiedlungen abzureissen.

Weil dabei auch ein erster Baum gefällt und eine Plattform in mehreren Metern Höhe zerstört wurde, riefen die AktivistInnen der Aktion Unterholz für den vergangenen Samstag einen «Tag X» aus, um möglichst viele Menschen zur Unterstützung der BesetzerInnen zu mobilisieren. «Es war der Moment, in dem wir sagten: Jetzt müssen wir reagieren», sagt Anna Schönberg, die Sprecherin der Gruppe. Der grosse Showdown blieb schliesslich aus, weil RWE den Start der Rodungsarbeiten auf Mitte Oktober verschob und die Polizei sich daraufhin abrupt zurückzog. So hätten die BesetzerInnen etwas Zeit für den Wiederaufbau der Infrastruktur erhalten, sagt Schönberg. «Vielleicht beginnt die Polizei aber bereits in dieser Woche wieder mit grossen Räumungen.»

Sowohl die AktivistInnen als auch RWE und die Polizei stellen sich auf eine lang anhaltende, gewaltsame Konfrontation ein. Die Aktion Unterholz hat für die gesamte Rodungssaison, also bis Februar, «Aktionen zivilen Ungehorsams» angekündigt. Und für Ende Oktober ruft auch das international vernetzte Bündnis Ende Gelände zu einer Besetzungsaktion im Hambacher Kohlerevier auf.

Kohleausstieg?

Das kleine Stück Wald hat längst Symbolcharakter: Der Kampf dreht sich nicht mehr nur um Umwelt- und Artenschutz, lokale Feinstaubbelastung, CO2-Ausstoss oder die Zerstörung von Dörfern. Es geht vielmehr um globale Klimagerechtigkeit und – etwas konkreter – um deutsche Energiepolitik. «Der Kohleausstieg geniesst in der deutschen Bevölkerung breiten Rückhalt», sagt Schönberg. Weil die Landesregierung Nordrhein-Westfalens die wirtschaftlichen Interessen von RWE aber höher gewichte, sei Widerstand nötig: «Mit diesem symbolischen Kampf wollen wir einen politischen Wendepunkt herbeiführen. Denn der Erhalt des Hambacher Forsts ist eine notwendige Sofortmassnahme für den Klimaschutz.»

Die Behörden unternehmen derweil einiges, um der Öffentlichkeit das Bild gefährlicher LinksextremistInnen zu vermitteln, die im Hambacher Forst hausten. Gerne auch mit fragwürdigen Mitteln: Nach einer Razzia legte die Polizei Werkzeug und Haushaltsgegenstände als Waffen aus – und präsentierte tatsächliche Waffen als aktuelle Funde, obwohl sie bereits vor zwei Jahren beschlagnahmt wurden. Peinlicherweise berief sich eine Zeitung ausserdem auf eine Polizistenaussage, nach der die AktivistInnen «Tunnelsysteme» angelegt hätten, die «an die unterirdischen Anlagen während des Vietnamkriegs» erinnerten. Eine Falschinformation, wie sich rasch herausstellte. Aber solche Meldungen lassen erahnen, welches Szenario gewissen Beteiligten vorschwebt.

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