Nr. 37/2018 vom 13.09.2018

An der Unterwasserfront

Von Daniela Janser

Rosie the Riveter war als Nieterin in einer Rüstungsfabrik während der vierziger Jahre eine der bekanntesten fiktiven Ikonen der US-Kriegspropaganda. Ihre Markenzeichen: hochgekrempelte Bluse, verschränkte Arme, entschlossener Blick. Nun hat die US-Autorin Jennifer Egan für ihren neuen Roman «Manhattan Beach» eine ähnliche Figur erfunden, der aber jede propagandistische Plattheit abgeht: Anna Kerrigan, die Taucherin. Sie arbeitet in einer Fabrik, die Kriegsschiffe baut, und absolviert gegen immense Widerstände dort auch eine Taucherinnenausbildung. Obwohl der Roman genau recherchiert ist und streckenweise mit angelesenem historischem Wissen gar etwas überladen wirkt, hat sich Egan mit dieser Anna eine künstlerische Freiheit genommen: Die US-Navy hat während der Kriegsjahre nämlich noch gar keine Taucherinnen zugelassen.

«Manhattan Beach» will sowieso mehr sein als ein Roman über die erste Frau an der Unterwasserfront eines New Yorker Rüstungsbetriebs. Egan verschränkt Annas turbulente Familiengeschichte mit Abstechern in die mafiöse Unterwelt und kontrastiert Reichtum und Nachtclubglamour mit der harten sozialen Realität einer vaterlosen Familie, die sich durchschlagen muss. Das glückt nicht immer gleich gut. Das Buch ist dann am besten, wenn es nah an seiner geheimnisvollen Protagonistin dran ist: an deren einsamer Entschlossenheit und Unabhängigkeit. Andere Erzählstränge, etwa der von Annas Vater, der kurz nach Beginn der Geschichte spurlos verschwindet, überzeugen dagegen weniger.

Auch erstaunt es etwas, dass die Autorin, die sich in ihrem letzten Roman, «Der grössere Teil der Welt», auf allerlei frische und kühne narrative Experimente einliess, nun mit einem traditionell erzählten und etwas unausgeglichen komponierten Historienstück aufwartet. Aber als altmodischer Schmöker für die kälteren Tage ist «Manhattan Beach» auf jeden Fall empfehlenswert.

Lesung im Zürcher Kaufleuten am 13. September 2018 um 20 Uhr.

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