Nr. 37/2018 vom 13.09.2018

Wer genau hinschaut, wird belohnt

Im neuen Roman des Österreichers Thomas Stangl macht sich ein Architekt zum Spielball seiner selbst und droht sich dabei gänzlich abhandenzukommen.

Von Heinrich Vogler

Der Protagonist versucht auf seiner Westafrikareise erfolglos, «die Welt wiederzufinden». Stattdessen tritt er in so manches postkoloniale Fettnäpfchen. Foto: Nicolas Marino, Alamy

«Ich ist ein anderer», bekannte Arthur Rimbaud 1870. Es war die Initialzündung für eine Literatur, die weniger konkretes Leben darstellte als über die menschliche Existenz an sich nachdachte. Der Österreicher Thomas Stangl stellt sich seit seinen schriftstellerischen Anfängen in diese Tradition. Dazu braucht er keinen linearen Plot – auch nicht für seinen neuen Roman: In «Fremde Verwandtschaften» probiert er einem Wiener Architekten namens Hiesl unzählige Episoden an. Alles scheint offen, im Fluss zu sein. Vielleicht spielt sich sogar alles im Hirn des Protagonisten ab, als unkontrollierter Strom des Diversen, scheinbar Unzusammenhängenden?

Stangl umgibt seinen Protagonisten mit verschiedenen Handlungssträngen und Figuren, die durch die Hauptfigur zusammengehalten und so gemeinsam zu seinem Untersuchungsobjekt werden. Wer handelt gerade, wer analysiert, was ist worauf zu beziehen? Diese Fragen, die Stangl unablässig im Kopf der Lesenden provoziert, sind der Motor des Romans.

Labyrinth mit fingierten Ausgängen

Ergiebiger Schauplatz und Angelpunkt von «Fremde Verwandtschaften» ist eine Afrikareise: Der unauffällige Wiener Architekt und Familienvater Hiesl reist mit BerufskollegInnen zu einem Fachkongress in einer westafrikanischen Stadt, die der Autor Belleville nennt. Dort spricht der afrikanische Rektor einer Architekturhochschule davon, dass die «Zeit der Träume und der Utopien» vorbei sei, derweil sich für Hiesl die Reise schwieriger gestaltet als erwartet. Er tritt in viele postkoloniale Fettnäpfchen, kennt er doch die Codes nicht im Umgang mit dem Taxifahrer, der Bedienung im Restaurant. Zusätzlich kreuzen sich seine Wege mit einer Frau, die ebenfalls der Delegation angehört. Es bleibt in der Schwebe, ob diese Affäre nicht schon älteren Datums ist und ihr Ende nicht überfällig wäre. Noch unruhiger machen Hiesl zudem Tag- und Nachtträume, in denen ihm sein toter Vater sowie der schon als Kind verstorbene Bruder erscheinen. Unter diesen Umständen ist es dem Protagonisten unmöglich, in Afrika «die Welt wiederzufinden», wie er es sich insgeheim erhofft hatte.

Thomas Stangl führt uns durch ein Labyrinth, das nur aus fingierten Ausgängen zu bestehen scheint. Mal weist uns ein Er-, dann wieder ein Ich-Erzähler den Weg, der zeitgleich eine Parisreise macht – oder hat er sie schon hinter sich? Stangl schreibt so, wie ein Komponist serielle Musik schafft. Mit Endlosschlaufen, die ihrerseits wieder Endlosschlaufen generieren. Doch wer genau hinschaut, wird reichlich belohnt.

Der Architekt erinnert sich an eine tagträumerische Episode in der Pariser Metro. Er beobachtet eine ihm gegenübersitzende Frau. Dabei touchiert ihn der Gedanke: «(…) nur in einer anderen Welt als der wirklichen wäre eine Liebesgeschichte überhaupt möglich.» Doch der Zugang zu «einer anderen Welt» in Afrika bleibt Hiesl verwehrt, weil er dermassen selbstbezogen ist und nicht aus sich herauszutreten vermag.

Viele Wirklichkeiten

Eine Poetik des Vieldeutigen und der absoluten Offenheit kennzeichnet Stangls Werk von bislang sechs Romanen. Im vorletzten Buch, «Regeln des Tanzes» (2013), wirft er Sprache und Wirklichkeit arg durcheinander. Der Ball liegt bei den Lesenden, die das Spiel um das Verborgene annehmen müssen, um den Widerspruch zwischen klar und unklar zu überwinden. Weil der Autor aber stets ein eindeutiges Herzstück in seine Romane einpflanzt, herrscht dennoch Gewissheit über das Fundament. In «Fremde Verwandtschaften» ist es die Afrikareise, die um Fragen der kulturellen Identität in einer postkolonialen Gegenwart kreist; in «Regeln des Tanzes» ist es eine junge Demonstrantin, die gegen die rechtslastige Regierung protestiert. Sie und zwei weitere Figuren bilden ein Trio, das zu verschiedenen Zeiten durch Wien flaniert.

Aus der unterschiedlichen Wahrnehmung des scheinbar Diffusen kommen Stangls Charaktere zu ihren je eigenen Vorstellungen von Wirklichkeit – und die Lesenden zu einer farbigen Sicht auf diese. Der Autor versteht es, das Ungestüme und Ungeordnete so aufs Papier zu bringen, dass die Fülle zahlloser Episoden im Schwebezustand auf wundersame Weise in einer Hauptgeschichte aufgehen. Er schreibt die Partituren dieser Dissonanzen, die sozusagen erst durch die Lesenden zu Ende komponiert werden. Wer sich auf die scheinbar banale Geschichte einlässt, erlebt, wie provokative literarische Monotonie überraschend viele Saiten zum Klingen bringen kann.

Der Autor liest im Rahmen der Brugger Literaturtage am Samstag, 15. September 2018, um 13.30 Uhr im Kulturhaus Odeon. www.brugger-literaturtage.ch

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch