Nr. 38/2018 vom 20.09.2018

Ich ist ein Zerrbild

Von David Hunziker

Was ist denn hier los? Junge Rapper flirten mit dem Selbstmord und inszenieren ihre Sucht nach Tabletten und Hustensirup auf Instagram. Die angesagteste Rapperin Deutschlands macht aus der Sprache Gurkensalat und möchte sein wie Audrey Hepburn mit Grills – die Diamanten auf dem Gebiss statt um den Hals, eine Glamourikone mit Gangsterinnenchic. Ein Konzeptkünstler im Poppelz veröffentlicht Audioguides durch die Musikgeschichte und zelebriert Pop als Totenkult. Die US-amerikanische Politik hat die wüstesten Freaks der Rockmusik in ihrer Selbstinszenierung längst übertroffen, während die Frauen, Queere und People of Color die Wirklichkeit kurzerhand zur Utopie verzerren. Wenn Rock auf die Joggingplaylist von Spotify zugeschnitten wird, klingt er auch so: wie ein praller, überdehnter Muskel. Und ein Soulsänger entdeckt mit 76 Jahren den Autotune-Effekt und pulverisiert damit jede Möglichkeit von Altersnostalgie. Das ist doch grotesk! Die Groteske zeigt die Wirklichkeit als Fratze. Und sie lässt uns in einem Zustand zurück, in dem wir nicht mehr wissen, ob wir erschauern oder uns kaputtlachen sollen.

Manchmal kippt sie auch in tödlichen Ernst, wie bei den jungen Rappern, deren Porträts wir in dieser Beilage zeigen. Lil Peep, dessen Musik wie eine Mischung aus depressivem Neunzigerjahrerock und Trap klingt, starb Ende 2017 mit 21 Jahren in seinem Tourbus an einer Überdosis – grosse Mengen des Beruhigungsmittels Xanax, Cannabis, Kokain, Schmerzmittel und zahlreiche Opiate wurden in seinem Blut gefunden. Stunden zuvor war auf seinem Instagram-Profil zu sehen, wie er sich all das in den Mund steckte, und dazu der Satz: «Wenn ich sterbe, werdet ihr mich lieben.» Tot ist auch XXXTentacion, allerdings wurde er bei einem Raubüberfall erschossen. Lil Xan und Yung Lean leben zwar, doch benannt sind sie nach betäubenden Medikamenten: Xanax und Codein. Auch Trippie Redd spricht mit dem Titel seines aktuellen Albums Klartext: «Life’s a Trip». Und Lil Skies hat sich ein zerbrochenes Herz mitten auf seine Brust tätowiert. Der Nihilismus ist diesen schwächlich wirkenden jungen Männern in Form von krakelig gestochenen Tattoos auch ganz wörtlich ins Gesicht geschrieben. Elendsvoyeurismus auf Instagram, die Opiatkrise in den USA und männliche Autoaggression – eine tödliche Mischung.

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