Nr. 38/2018 vom 20.09.2018

Doppelt belichtet

Michelle Steinbeck hat wenigstens keinen Filmriss im Heiligen Land

Von Michelle Steinbeck

Natürlich habe ich meine analoge Kamera mitgenommen auf die Reise. Das ist jeweils fast das Beste, wenn ich nach ein, zwei Wochen zurück zu Hause in die Migros gehe und da der Umschlag liegt. Diese 36 Bilder flashen mich, mitten auf der Güterstrasse im Gundeli, zurück an jene Orte und Momente, die schon wieder eine Ewigkeit her und fast vergessen sind. Was seither alles passiert ist! Und was schon wieder geplant! Aber in dem Augenblick, in dem das Glanzpapier die Sonne reflektiert, löst sich das rasende 21. Jahrhundert kurz auf in körnige, nostalgische Erinnerungen: Dort war ich so wütend, dieser Strand war mega dreckig, wo ist eigentlich diese Mütze?

In Israel war die Kamera kaputt. Der Transporter funktionierte nicht, und ich musste mich nach jedem Klicken im dunklen WC einsperren und am offenen Film rumfummeln. Falls aus diesem Film etwas wird, wird er wohl meine Erinnerungen ziemlich passend wiedergeben: Ein paar wenige Bilder werden drauf sein, über- und doppelbelichtet, ineinanderlappend, abgeschnitten, verwackelt, mit gespenstischen Fingerabdruckfiltern:

Die Fahrt durchs Jordantal – Mondhügel, Stacheldraht, Dattelplantagen – liegt nun vielleicht über den Salzinseln im Toten Meer, dem Londoner, der im schlammigen Wasser treibt und vor Freude nur noch quietscht: «It’s so weird!»

Die Klagemauer im Sonnenuntergang, davor fette Klüngel schwer bewaffneter MilitärpolizistInnen beim Sandwichessen, schiebt sich ins Bild der kleinen Klagemauer, auf der eine Katze sitzt und nach ihrem Kind miaut, das zwischen den Füssen einer schubsenden, lachenden, singenden Gruppe junger Orthodoxer kauert.

Jesus’ Grab, vor dem die Leute anstehen und sich fotografieren, ich, die denkt: Napoleons Grab ist grösser. Die Leute an Jesus’ Leichenstein, die vor lauter Heiligkeit die Augen verdrehen, während sie Taschentücher auf dem Stein reiben. In Betlehem verrammelte Läden, brennender Abfall im Niemandsland, Schutt und Siedlungen, die Mauer. Die Brasilianerin im Flüchtlingscamp, die Kinder anlockt mit Süssigkeiten, filmt, wie der grösste Junge alles an sich reisst und den Kleinen auf den Kopf haut, die Frau auslacht.

Der Partyhafen von Akkon, die arabischen Familien, die anstehen für die rasenden Schnellboote, die zu Chilbimusik über die Wellen hüpfen.

Der massige Fels in der Wüste, die beeindruckte amerikanische Reisegruppe, die wie beim Telefonspiel einmal durchraunt: «All rocks? All rocks!»

Der Tourguide in Jaffa, der zusammenfasst, wie sich das Christentum vom Judentum abspaltete: «Ein Traum von einem Stein, der vom Himmel fällt, darauf sitzen unkoschere Tiere, Gott sagt: Iss sie!»

Die zivilen Teens in Tel Aviv, die das Maschinengewehr beim Hummusessen umgehängt behalten; Kinder, die mit Spielzeuggewehren ihre Väter abschiessen.

Die Sicherheitsbeamtin am Flughafen, die am Rande eines Nervenzusammenbruchs die Leute anschreit: «Belt! Shoes! Computer!»

All das ist dilettantisch auf diesen verschrumpelten Film gebrannt, höchstwahrscheinlich nicht einmal entwickelbar. Richtig scharf bleibt schlussendlich nur die Werbetafel auf dem Easyjet-Sitz des Heimflugs: «Been there, done that».

Michelle Steinbeck ist Autorin und lebt in Basel. Nun, da die Ferien vorbei sind, ist sie dort wieder Studentin.

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