Nr. 38/2018 vom 20.09.2018

Nach dem Gig zurück ins Altersheim

Forever young? Jorge Elbrecht führt uns vor, wie man diesen Spiess umdreht. Der New Yorker schreibt reihenweise Pophits, die nie welche waren. Jetzt ist er vorzeitig vergreist.

Von Florian Keller

Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu entdecken. Es geht hier nur um ein geheimes Schlüsselwerk der Popgeschichte. Um einen Musiker, der seine Orientierung verliert und in geistiger Zerrüttung endet. Und um ein Album, so endgültig und bezaubernd wie ein Grabmal. Doch beginnen wir dort, wo alles anfing: beim unvollendeten Dreieck, «The Incomplete Triangle».

Dieses Album ist ein Mysterium. Schwarzes Cover, sehr spartanisch: ein seltsames kleines Signet mit zwei Tieren, darunter eine horizontale Linie und ganz diskret ein paar römische Ziffern. Songtitel sind nirgends vermerkt, die Band hat zwar einen Namen, aber sonst – so gut wie keine Angaben.

Vom Punk in die Disco

Der erste Song katapultiert uns retour, circa 1978. Mehrstimmiger Gesang zu nervösen Gitarren, die Soundmischung hat diese zeittypische, leicht metallische Kälte des britischen Postpunk. Du denkst: Könnte Wire sein, zur Zeit des Albums «Chairs Missing», vielleicht eine verschollene Aufnahme. Und so geht es weiter, Nummer drei schrammt an dir vorbei wie ein Hit, den die Buzzcocks seinerzeit im Studio vergessen haben: sehnig, zackig, auf den Punkt.

Aber nein, so geht es nicht weiter. Das Album wandelt sich, die Stilmittel werden fortlaufend erweitert und die Musik weitet sich ins Hypnotische: immer weniger Gitarre, immer mehr synthetisches Geflimmer, immer weniger von Hand, immer mehr programmiert. Und spätestens bei Song Nummer zehn sind wir im Jahr 1986 und in der Disco angekommen: Hallo, sind das hier die Pet Shop Boys, actually?

Nein, das sind Lansing-Dreiden. So lautet der Name dieser Band, die nie wirklich eine Band war, sondern ein obskures Kunstkollektiv um den New Yorker Musiker Jorge Elbrecht. Die Gruppe stellte in Galerien aus und gab drei Platten und eine Zeitschrift namens «Death Notice» heraus. Bis auf den Firmennamen Lansing-Dreiden lief das alles unter dem Deckmantel der Anonymität. «The Incomplete Triangle» hiess jenes erste Album, eingespielt haben sie es 2003, etwa zeitgleich wie Franz Ferdinand ihr Debütalbum.

Die Musikkritik konnte damals nicht viel damit anfangen: zu undurchsichtig, zu prätentiös der Kunstgestus des Kollektivs dahinter. Doch heute hört man viel besser, was an dieser Platte so verblüffend ist: Mit «The Incomplete Triangle» nahmen Lansing-Dreiden quasi die Thesen vorweg, die der britische Musikkritiker Simon Reynolds später in seinen viel beachteten Büchern über Postpunk und Retrofieber ausführen sollte.

Pop als Audioguide

Natürlich wird hier, einerseits, der Sound einer vergangenen Zeit fetischisiert, wie es Reynolds in «Retromania» (2009) beschreibt: Vom Songmaterial bis in die Mischung ist «The Incomplete Triangle» eine grosse revivalistische Stilübung. Aber eine, die nicht einfach passgenau zu wiederholen versucht, was einmal war, sondern die Ära des Postpunk geschärft auf den Punkt bringt. Denn zugleich verharrt dieses erste Album von Lansing-Dreiden gerade nicht in der von der Musik beschworenen Zeit. Es friert die Geschichte nicht ein, sondern vollzieht die pophistorische Entwicklung nach, von der Reynolds’ «Rip It Up and Start Again» (2005) erzählt: die Metamorphose von Punk und Postpunk zu Industrial und New Pop bis hinein in die Ravekultur.

Anders gesagt: Diese Platte weiss enorm viel. Ist das überhaupt noch Pop oder vor allem ein kulturhistorischer Exkurs durch die achtziger Jahre? Aber selbst wenn: Könnte es nicht beides zugleich sein? Popmusik als Audioguide!

Hier kommt der Waldschrat

Jetzt, fünfzehn Jahre später, erscheint von Jorge Elbrecht ein erstes Soloalbum. Lansing-Dreiden sind längst im Ruhemodus, und Elbrecht sieht mit vierzig schon aus wie ein zottiger Pensionär. So jedenfalls präsentiert er sich im selbstironischen Video zum Album: Sein Blick ist leer, ein aschgrauer Bart wuchert im Gesicht, seinen scheinbar vorzeitig gealterten Körper hat er in einen gepunkteten Umhang gehüllt. Diagnose: fortgeschrittene Zerrüttung. Was ist passiert?

Das musikalische Konzept, das er mit Lansing-Dreiden aussteckte, hat Elbrecht in der Zwischenzeit konsequent weitergetrieben. Mit seiner Folgeband Violens perfektioniert er zwei Alben lang einen kristallinen Gitarrenpop, der zu gleichen Teilen den Harmoniegesängen der Sixties wie dem verwaschenen Sound britischer Shoegaze-Bands verpflichtet war. Seither arbeitet er vermehrt als Produzent, ansonsten versteckt er sich hinter immer neuen Projektnamen, die er sich für jede seiner stilistischen Masken zulegt. Alben veröffentlicht er lange keine mehr, nur noch jeweils zwei, drei Songs unter immer anderen Namen: Als Gloss Coma macht er verträumten Elektropop, synthetisch funkelnd, als hätten wir 1983, als Coral Cross kanalisiert er seine Neigung zu Black Metal, unter dem Namen Jorge Elbrose spielt er zwei Songs mit seinem bekannteren Kollegen Ariel Pink ein.

New Wave, Black Metal, flauschige Balladen wie vom Kuschelrock-Sampler: Das alles hatten wir schon auf «The Dividing Island» (2006) gehört, dem zweiten Album von Lansing-Dreiden. Eine Platte, die klingt wie eine Blaupause für die heutige Poplandschaft: kuratiert aus einer breit gefächerten Plattensammlung, dabei ohne festgeschriebene Identität, die Stilgrenzen vollständig perforiert. Unter dem Banner von Lansing-Dreiden waren solche Stilsprünge noch konzeptuell geerdet. Nun aber sind Elbrechts fortschreitenden Verzettelungen keinerlei Grenzen mehr gesetzt.

Er macht schieren Blödsinn, als er Drynx erfindet, eine groteske Kunstfigur, die mit komplett verstrahltem Billigpop hausieren geht und klingt wie Ween auf schlechten synthetischen Drogen. Echo: gleich null. Dann wieder nennt er sich Presentable Corpse und schickt mal eben zwei luftige psychedelische Popsongs ins Netz, betörend wie die Sonne, die durch den kalifornischen Nebel schimmert. Wollte man diesen Output halbwegs sortieren, man wüsste bald nicht mehr, wo einem der Kopf steht. Und vielleicht kam irgendwann der Punkt, an dem Elbrecht das auch selber nicht mehr konnte. Also erklärte er diese obsessive Verzettelung zum Symptom einer geistigen Zerrüttung und zog die Reissleine: Soloalbum!

Blitzblanke Popfossilien

Aus der Zeit vor seinem angeblichen Verfall lagerten angeblich noch massenhaft Songs auf Elbrechts Festplatte: Restmaterial aus verschiedenen Projekten, das nun für dieses Album versammelt wurde. Es heisst «Here Lies» und ist Elbrechts erste Platte unter seinem richtigen Namen. Der Titel klingt wie eine Grabinschrift: Hier ruht Jorge Elbrecht.

Von wegen Restmaterial eines Scheintoten: Elbrecht erweist sich weiterhin als begnadeter Pop-Emulator irgendwo zwischen Pet Shop und Beach Boys. Der Titelsong ist glitzernder Bombast aus dem Synthlabor, der Gesang hemmungslos verhallt und dekoriert mit Sirenen und Gewehrsalven. «I’m a copy of a copy», singt Elbrecht, und man weiss nicht recht: Ist das nun die Klage eines Unerlösten oder ungenierte Eigenwerbung?

«Guillotine» jedenfalls könnte gut und gern der verspätete zweite Hit sein, auf den The Human League damals nach «Don’t You Want Me» vergebens gewartet hatten. Und in der majestätischen Sterblichkeitshymne «Flesh to Ash» fährt Elbrecht eine ganze Palette zeittypischer Preset-Sounds auf: die künstlichen Streicher aus dem Synthesizer, den exotischen Vogel im Hintergrund, den dünnen Beat aus dem Drumcomputer Roland-TR-808 und die synthetischen Handclaps. Fast jedes Stück auf diesem Album klingt wie ein blitzblankes Popfossil aus den früheren Epochen: lange vergessen und gerade erst freigelegt aus den Tiefenschichten der Zeit.

Aber das Ableben ist schon vorprogrammiert – diese Hits, die nie welche waren, wissen um ihre Sterblichkeit. In «Flesh to Ash» beginnen die synthetischen Streicher fast unmerklich zu eiern, als würden wir es auf einem kaputten Kassettenrekorder hören. Das Band, das aus der Spur läuft: Das passiert später auch mit dem psychedelisch verpeilten Surfpop von «Rainbow Skies».

Nicht von ungefähr prangt auf dem Cover von «Here Lies» eine havarierte Totenmaske auf schwarzem Grund – die Nase weggebrochen, unter dem linken Auge ein klaffendes Loch. Auf den ersten Blick wirkt das etwas klassizistisch, aber präziser kann man eine Zeitdiagnose nicht ins Bild setzen: Popmusik heute, das ist letztlich Totenkult. Herausgeputzte Scherben einer gestrigen Kultur, Secondhandarchäologie fürs kollektive Kurzzeitgedächtnis.

Der Greis wird abgeführt

Das sind Ideen und Motive, die Elbrecht nun auch physisch auf der Bühne austrägt. An seinen seltenen Konzerten, wie jüngst auf einer Europatournee mit Ariel Pink, tritt er folgerichtig als greiser Patient mit angeklebtem Rauschebart auf. Gebückt und in seinen gepunkteten Umhang gehüllt hockt er da vor seinen Geräten. Für etwas Bewegung auf der Bühne sorgt eine maskierte Tänzerin vor der obligaten Videowand. Und hinter dem kauernden Elbrecht steht die ganze Zeit ein Aufseher, der seinen Patienten nicht aus den Augen lässt: Gekleidet wie ein Psychiatrie- oder Altenpfleger, führt er den früh vergreisten Popmusiker am Ende wieder von der Bühne.

Wo Pop immer noch mit Jugendkult und einer fiebrigen Suche nach dem Neuen assoziiert wird, dreht Elbrecht den Spiess um: Die Verheissung der Popmusik, dass du dich mit ihr und in ihr immer neu erfinden kannst, hat ihn nicht etwa jung gehalten, sondern vorzeitig altern lassen. Es ist ein verwirrendes Schauspiel über das Alte im Neuen und die paradoxen Wechselwirkungen des Retrofiebers. Forever young in die Zukunft? Lieber nicht, das bringt uns nur vorzeitig ins Altersheim.

Oder wie sang Elbrecht einst in «Violent Sensation Descends», einem bezaubernden, mit Dissonanzen vergifteten Popsong seiner früheren Band Violens: «When it’s forever you’re forever bored / I’d rather be confused.» Für immer ist langweilig, Konfusion ist beglückender.

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