Nr. 38/2018 vom 20.09.2018

Der Erforscher von allem

Bettina Dyttrich beneidet Alexander von Humboldt

Von Bettina Dyttrich

Mit 21 wollte ich Geografie studieren. Stattdessen landete ich bei der WOZ. Hin und wieder bereue ich, dass ich nicht Naturwissenschaftlerin geworden bin. Aber als Geografin sässe ich heute womöglich in einem kantonalen Planungsbüro und wäre todunglücklich. Als Journalistin jede Woche neuen Fragen nachzugehen, finde ich definitiv spannender. Und oft geht es dabei auch um Geografie.

Wie beeinflusst das Gestein die Pflanzenwelt? Wie unterscheidet sich das Klima an einem Nord- und an einem Südhang? Wie nutzen Menschen Räume? Ist diese Nutzung durchdacht, oder zerstört sie ihre eigenen Grundlagen? Geografie ist «von Natur aus» transdisziplinär, es geht gar nicht anders. GeografInnen schlagen sich mit Geologie, Botanik und dem Wetter genauso herum wie mit soziologischen Fragen: Wie organisiert sich eine Alpgenossenschaft? Wie geht eine Gemeinde mit ihrem Abwasser um? Oder mit einer Autobahn?

Inzwischen hat allerdings auch in der Geografie die Spezialisierung eingesetzt. Und ich wäre mit meinen romantischen Vorstellungen vom Universalgelehrtentum wohl fehl am Platz – mit meinen Träumen, die Welt zu erforschen wie der Naturwissenschaftler Alexander von Humboldt (1769–1859). 1834 schrieb er: «Ich habe den tollen Einfall, die ganze materielle Welt, alles, was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume und des Erdenlebens, von den Nebelsternen bis zur Geografie der Moose auf den Granitfelsen, wissen, alles in Einem Werke darzustellen …» Im 19. Jahrhundert war nicht nur die Sprache der WissenschaftlerInnen schöner – man konnte auch noch ernsthaft einen solchen Anspruch haben.

Humboldt reiste auf die Kanarischen Inseln, nach Südamerika und Russland. Als einer der Ersten sammelte er nicht nur Pflanzen, sondern versuchte sie im Zusammenhang ihrer Ökosysteme zu verstehen. Berühmt und wunderschön sind seine Gemälde der Anden, zugleich Kunst und Infografik: Er zeichnete die verschiedenen Arten auf ihren Höhenstufen in den Berg hinein. «Er begreift die Botanik als Migrationskunde, als soziale und historische Wissenschaft», schreibt der Botanische Garten Bern. Er hat dem deutschen Gelehrten eine ausgezeichnete Ausstellung gewidmet, die über das ganze Gartengelände verteilt ist. Sie geht nicht nur Humboldts Einfluss auf die Botanik, sondern auch auf die Kunst, die Populärkultur und die Geschichte nach.

Denn natürlich waren solche Forschungsreisen keine unschuldigen Unternehmen: Sie halfen bei der Kolonisierung Südamerikas – Humboldt beschrieb zum Beispiel als Erster den Vogelkot Guano an der pazifischen Küste, der danach im grossen Stil als Dünger für europäische Felder abgebaut wurde. Und natürlich braucht es für einen Universalgelehrten eine Klassengesellschaft: Wie privilegiert musste man sein, um vor 200 Jahren auf solche Ideen zu kommen!

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin. Die Ausstellung «Botanik in Bewegung» im Botanischen Garten Bern ist noch bis 30. September 2018 zu sehen. www.boga.unibe.ch

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