Nr. 38/2018 vom 20.09.2018

Ein «Glanz» mit spitzer Feder

Von Alice Galizia

Im Berlin der Weimarer Republik wurde die junge Stenotypistin aus Köln auf einen Schlag berühmt, als sie 1931 im Alter von 26 Jahren ihren ersten Roman veröffentlichte. 1932 folgte der nächste, beide waren Publikumserfolge. Die Autorin verblüffte mit ihrer bissigen Direktheit, ihrer launigen Sprache und einem genauen Blick. Auch Kurt Tucholsky war begeistert und meinte, etwas von oben herab: «Eine schreibende Frau mit Humor, sieh mal an!»

Als Vertreterin der Neuen Sachlichkeit erzählte sie aus dem Leben von jungen Frauen, die sich auf verschiedene Weise und sehr hartnäckig durchsetzen wollen. Während die eine mit fast furchterregender Disziplin arbeitet, will die andere vor allem eines: ein «Glanz» werden. Die Autorin selbst war in dieser Zeit auch ein wenig ein «Glanz». Dazu hielt sie sich gern in Kneipen auf und war für ihre Trinkfestigkeit bekannt. Über sie und Joseph Roth, mit dem sie zwei Jahre in einer Beziehung war, sagte ein Freund einmal: «Die beiden saufen wie die Löcher.»

Die Glanzzeit war bereits 1933 vorbei: Ihre Werke wurden von den Nazis als «Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz» verboten. 1936 ging die Autorin ins Exil in die Niederlande. Dort wurde sie nicht leise: Vier weitere Romane erschienen, in denen sie unter anderem das Leben in Nazideutschland während der dreissiger Jahre beschrieb – die zunehmende Unsicherheit, das Misstrauen und die Denunziation selbst unter FreundInnen. Als die Nazis in die Niederlande einmarschierten, ging sie unter falschem Namen zurück nach Köln zu ihren Eltern. Eine Falschmeldung über ihren Selbstmord half ihr dabei, unentdeckt zu bleiben. Nach Kriegsende schrieb sie vor allem Hörspiele für das Radio, immer noch mit einigem Erfolg. Doch wollte ihr das nicht gefallen: «Jetzt macht mir die ganze Arbeit keinen Spass mehr, weil mich der Gedanke quält, zur Aufheiterung von Nazis und Schiebern zu dienen.»

1950 erschien ihr letzter, wenig beachteter Roman, danach verfiel sie zunehmend dem Alkoholismus. Sie verarmte und wurde in den sechziger Jahren in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Ab 1972 lebte sie zurückgezogen in Bonn, wo sie 1982 an Lungenkrebs starb. Wer war die Autorin mit der spitzen Feder, die 1979 von der feministischen Literaturforschung wiederentdeckt wurde (womit sie allerdings nicht sonderlich viel anfangen konnte)?

Sie wollte kein «Sonnenstrählchen» für die Nazis sein und war es zum Glück auch nie: Gesucht war die Schriftstellerin Irmgard Keun. Zum Wieder- und Weiterlesen: Heinrich Detering, Beate Kennedy (Hrsg.): Irmgard Keun. Das Werk. Göttingen 2017.

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