Nr. 38/2018 vom 20.09.2018

Musik aus der Work-out-Playlist

Bands wie Imagine Dragons, Kensington und The Script machen Musik, die Leistung besingt und nach Leistung klingt. Sie sind auch ein Symptom von digitalen Technologien, die Erfolg berechenbar machen sollen. Voraussehbar ist aber vor allem die Musik selbst.

Von Donat Kaufmann

Sänger Dan Reynolds verzerrt das Gesicht, als stemme er gerade Hundert-Kilo-Hanteln. Sein entblösster Spartanerkörper trieft vor Anspannung. «This is no place for politics, this is no place for religion», mault er ins Mikrofon und fährt mit seinen Armen durch die Luft, als wolle er die unliebsamen Themen so aus dem Weg räumen. In der Tat: Das Konzert, das Reynolds und seine Band Imagine Dragons am diesjährigen Open Air Zürich vom Stapel lassen, vertreibt jegliche Spiritualität. Man vergisst die transzendierende Kraft der Musik, man vergisst ihre Sinnlichkeit und ihr gemeinschaftsstiftendes Potenzial. Was zählt, ist Leistung. Davon zeugt Reynolds’ stählerner Körper, der uns von den Screens übergriffig entgegenleuchtet. Davon zeugt der aufgeputschte, bis ans Limit komprimierte Stadionrock, über den er Zeilen legt wie: «Yeah, take me to the top, I’m ready for whatever it takes.» Davon zeugt das Stroboskop der Lichtshow.

Imagine Dragons, 2008 in Las Vegas gegründet, sind das vielleicht prominenteste Beispiel einer ganzen Garde von Bands, die formal wie inhaltlich massgeblich auf Optimierung getrimmt sind. Von der Bühnenshow über die Texte bis zum eigenen Körper – alles spricht die Sprache des Wettbewerbs. Mit ihrem Unternehmerrock liefern diese Bands den Soundtrack zu einer Lebenswelt, in der Fortschritt zum Selbstzweck geworden ist und sich Relevanz einzig an Grösse zu messen scheint.

Zu ihnen lassen sich auch Kensington aus Holland zählen. Gegründet 2005, genoss die Band schon bald einen beachtlichen kommerziellen Erfolg. Ihre Songs werden millionenfach gestreamt, in ihrer Heimat füllen sie auch mal Stadien. Kensington, das sind vier gut aussehende Jungs in Röhrenjeans und Lederjacken, vom Typ her ein Hybrid aus Schwiegersohn und Sexsymbol. Kensington spielen Rock in seiner harmlosesten Form, gerade so rau, dass alles noch schön glänzt, mit gerade so viel Gitarre, dass noch eine Ahnung von Rock ’n’ Roll bleibt. «Wie Nickelback, aber eben mit einer ganz eigenen Note», wie es ein Moderator des «Morgenmagazins» der ARD ausdrückte.

Wenn die Mitglieder von Kensington über ihre eigene Band sprechen, dann klingt das eher nach Betriebswirtschaft als nach Kunst. Als Gitarrist Casper Starreveld in jener Sendung gefragt wurde, warum Kensington in Deutschland noch nicht ganz so gross wie in Holland seien, antwortete er wie der PR-Beauftragte eines Start-ups vor versammelter Investorenschaft: Man sei eben noch in der Aufbauphase. Köln, Berlin und Hamburg seien nun aber ausverkauft, und der Rest von Europa sehe auch ganz gut aus.

Nach Expansion klingt auch ihre Musik. Sie ist geschrieben für die ganz grosse Bühne, für Konfettiregen und Feuersäulen, für den Publikumschor und das Meer aus Smartphonelampen. Die Strophen sind gestutzt, die Refrains episch. Von der Liebe abgesehen, lässt sich das Gros der Songs inhaltlich unterteilen in zwei Themenfelder: einerseits in Beschreibungen eines Zustands, der gemeinhin als «running in circles» bezeichnet, aber nie wirklich adressiert wird und darum kaum Betroffenheit erkennbar macht. Und in Aufforderungen zur Flucht aus dem immer Wiederkehrenden andererseits. Diese Flucht aus dem Kreis führt bei Kensington zuverlässig in die Spirale, genauer: in die Leistungsspirale.

Für die nächsten dreissig Liegestütze

Anschauungsmaterial bietet hierfür das Video zum Song «War», in dem junge Gymnastiksportler, angepeitscht von Motivationsmusik, unermüdlich ihren Körper trainieren. Der Clip erinnert stark an eine Werbung für Sportartikelhersteller. «Deine Zeit hier ist schon beinahe abgelaufen, und du hast sie an andere verschwendet», heisst es drohend. Am Ende des Clips sehen wir einen der Athleten vor der riesigen O2-Arena in London, jener Spielstätte, in der er einst seine Gegner bezwingen will. Das ist wohl als Metapher für den Ehrgeiz der Band zu verstehen, die sich nun selbst bereit macht, die bedeutende Musikmetropole und ihre Arena zu erobern.

Die Beziehung von Musik und Sport, wie sie sich im Clip von Kensington präsentiert, ist weniger zufällig als symptomatisch. Mit dem Aufkommen der Streamingdienste näherten sich Musik- und Fitnessindustrie in den letzten Jahren schrittweise an. Spotify und Co. sind übervoll mit Playlists, die einem die nächsten dreissig Liegestütze schmackhaft machen wollen. Sie zählen teilweise Millionen FollowerInnen, und gerade Imagine Dragons sind prominent vertreten.

Musik aus der Kälte der Marktanalyse

Dass Musik und Sport sich heute so gut verweben lassen, hat auch technologische Gründe. Mit der Digitalisierung sind Trackingmethoden, mit denen Daten über unser Verhalten gesammelt werden, in sämtliche Lebensbereiche vorgedrungen. Kaum eine Tätigkeit, die sich nicht der Verwertungslogik unterwerfen liesse. 23 Schritte gestern, 28 Schritte heute – auch der Gang zur Kaffeemaschine führt jetzt über die Tartanbahn.

Spotify wiederum nutzt solche Technologien in unseren smarten Geräten, um Rhythmen mit Herzschlägen zu synchronisieren und den HörerInnen einen individuellen Mix für die morgendliche Joggingrunde zu liefern. Und natürlich ist auch die Musikindustrie an solchen intimen Datensätzen interessiert. Denn Bands und Labels können heute eruieren, welcher ihrer Songs wo, von wem und in welchem Kontext gehört wird. Dementsprechend effizient können sie ihre Lieder für eine Zielgruppe schreiben.

Ob und in welchem Mass sich Bands wie Kensington von solchen Daten leiten lassen, bleibt ihr Geheimnis. Man kann sich des Gefühls aber nicht erwehren, beim Hören dieser Musik mit dem Resultat einer kühlen Marktanalyse konfrontiert zu sein. Und mit jeder weiteren Motivationsfanfare schwindet die Zuversicht, auf eine Bedeutung jenseits des selbstreferenziellen Optimierungsgeballers zu stossen. So besingen sie zwar das grosse Ganze, verpassen es aber, auch nur ein einziges Mal aus sich selbst herauszutreten und den Blick für die Welt zu öffnen. Sie drapieren die ewig gleichen Akkordfolgen mit den ewig gleichen Zeilen – weil es eben funktioniert. Umso virtuoser bedienen sie dagegen die Marketinginstrumente, mit denen man sich des eigenen Erfolgs vergewissert.

Meister dieser Vermarktungsstrategie sind auch The Script, ein irisches Trio, das mit seinen Alben regelmässig die Spitze der Charts erklimmt: «Du kannst der Held sein, kannst Gold erobern, alle Rekorde brechen, die man für unerreichbar hielt», heisst es in ihrem Song «Hall of Fame». In den sozialen Medien postet die Band in höchster Kadenz epische Konzertfotos oder Tourvideos mit emotionalen Begleittexten, zwischendurch streut sie ein Songzitat zum Wochenstart ein: «Every day and every hour, turn the pain into power.» Dazu die Überschrift, man sei bereit, der neuen Woche entgegenzutreten. Gegen Ende derselben dann die Frage an die Fancommunity – #TheScriptFamily –, wer denn ebenfalls die freien Tage nutzen würde, um zu arbeiten.

Hin und wieder fragt man sich, ob die gewonnene Kraft unter dieser ständigen Anstrengung nicht irgendwann in Schmerz zurückfällt – oder zumindest in Taubheit übergeht. Denn The Script sind nicht nur die rhetorische, sondern auch die zynische Zuspitzung des Unternehmerrocks. Für den Clip zu ihrem sehr erfolgreichen Song «Superheroes» liessen sich The Script in die Townships von Johannesburg fliegen, um dort von einer kleinen Bühne herab ihre Botschaft in Form eines Refrains ins rund vierzigköpfige Publikum zu rufen: «Wenn du dein ganzes Leben lang gekämpft hast / Dich angestrengt hast, die Dinge richtig zu machen / So lernt ein Superheld zu fliegen.»

Man muss sich das vergegenwärtigen: Da fahren drei steinreiche Europäer an einem von Apartheid und europäischem Kolonialismus gezeichneten Ort ein und verkünden aufmunternd, sie alle könnten es schaffen, wenn sie sich nur genug anstrengten. Und markieren gleich noch die grossherzigen Zeitgenossen. Im Making-of zum Clip sagt Sänger Danny O’Donoghue, man habe den Menschen von Johannesburg etwas zurückgeben wollen. 20 000 von ihnen seien an ihr Konzert gekommen, nun sei es Zeit, sich zu revanchieren. Was da durchschimmert, ist kapitalistischer Zynismus vom Feinsten. Als wären es nicht sie selbst, die sowohl vom ausverkauften Konzert als auch vom Videoclip in der Township am meisten profitieren. Solidarität als Geschäftsmodell.

Exemplarisch für den Unternehmerrock stellt sich die Frage, ob The Script die klaffende Lücke zwischen ihrem Leistungsnarrativ und der vielfältigen Lebensrealität des Publikums tatsächlich nicht erkennen – oder ob sie sie verdrängen. Eilt ihnen vielleicht trotzdem eine spirituelle Kraft zu Hilfe, um jene Widersprüche zu überwinden? Der Glaube vielleicht an eine Gesellschaft, in der es keine strukturellen Benachteiligungen gibt, in der alle gegen alle antreten und auf wundersame Weise trotzdem alle gewinnen und Anstrengung automatisch zum Erfolg führt? Plausibler scheint, dass diese Leute schlicht zu beschäftigt sind, um sich damit auseinanderzusetzen. Schliesslich warten bereits wieder zwei Konzertfotos auf ihre Veröffentlichung.

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