Nr. 39/2018 vom 27.09.2018

Im neuen Abenteuerland ganz rechts aussen

Von ganz links nach rechts aussen gekippt: Etliche Aktivisten der Subversiven Aktion um Rudi Dutschke, die 1968 stark geprägt haben, sind heute bekennende Neue Rechte. Woher rührt diese Lust am rechten Coming-out?

Von David Eugster

«Kritik muss in Aktion umschlagen»: Tumult um die Präsenz des rechten Antaios-Verlags von Verleger Götz Kubitschek (rechts im Bild) an der Frankfurter Buchmesse 2017. Foto: Frank Rumpenhorst, Keystone

Extreme Rechte in Deutschland spielen seit einer Weile schon böser Zwilling von 1968: Wie einst die Linke in den siebziger Jahren basteln rechte Verlage heute an einer publizistischen Gegenkultur, Gruppen wie die Identitären eignen sich Protestformen an, die Linke sich ihrerseits 1968 bei der Avantgarde abgeschaut hatten. Doch nicht nur Techniken wanderten nach rechts. Auch manches selbsternannte «subversive» Subjekt von 1968 ist nach rechts aussen gekippt.

Die Konservativ-Subversive Aktion, die sich im Jahr 2008 um den rechten Verleger Götz Kubitschek formierte, lehnt sich mit ihrem Namen explizit an eine Gruppe an, die für 1968 in Deutschland zentral war: die Subversive Aktion. Die Gruppe bildete sich 1963 in München. Ihre Gründer, zu denen auch Rudi Dutschke gehörte, waren überzeugt, dass Reden alleine nichts bringt. Gerade was Protesttechniken anbelangt, war die Subversive Aktion eine der treibenden Gruppen hinter dem deutschen 1968. Sie spielte eine entscheidende Rolle im Sozialistischen Studentenbund (SDS) und prägte die Aktionen und Haltungen entscheidend mit. Das Credo ihrer Gründer: «Kritik muss in Aktion umschlagen. Aktion entlarvt die Herrschaft der Unterdrückung.»

Im neurechten Echo von Kubitschek heisst das: Provokation dient dazu, «die Begriffe zuzuspitzen und den Gegner zu kennzeichnen». Zentral sei nicht das «miteinander reden», medial wahrgenommen werde nur «das Unerwartete, der Regelverstoss und die Verletzung der Tabus». Hier könne der Akteur «sein Ich spüren».

Man ist versucht, von einer unfreundlichen Übernahme von rechts zu sprechen, aber Kubitschek hat die Ideen einer politischen Ich-Werdung in der Subversion nicht von 1968 gestohlen oder kopiert – ehemalige Mitglieder der Subversiven Aktion haben sie ihm freundlichst ausgeliehen.

Im «Tumult» vereint

Einer davon ist Rudi Dutschkes enger Vertrauter Bernd Rabehl, heute ein rechtsextremer Autor: Er hält seinen toten Freund seit Jahren als Vordenker des nationalistischen Befreiungskampfs in die Runde. Ganz ähnlich auch Günter Maschke, Publizist der Neuen Rechten und einstiges Mitglied der Subversiven Aktion: Schon 1998 verkündete er, die 68er-Bewegung sei nicht für den Kommunismus eingetreten, sondern habe vielmehr für das «das Recht eines jeden Volkes auf nationalrevolutionäre und sozialrevolutionäre Selbstbefreiung» gekämpft. Keiner von den beiden sieht in seinem rechtsradikalen Twist einen Bruch: Trotzig sagen sie, dass sie ihren Idealen treu geblieben seien.

Ein anderes Gründungsmitglied der Subversiven Aktion hat sich erst in den letzten Jahren deutlich geoutet: Frank Böckelmann. Er war einer der Erstunterzeichner der «Erklärung 2018», die sich gegen die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel richtete und von Hunderten von Kunstschaffenden und Intellektuellen in einem grossen Bekenntnisritual im Frühling 2018 unterschrieben wurde. Böckelmann ist zudem Mitbegründer der Zeitschrift «Tumult», die sich als «Vierteljahresschrift für Konsensstörung» in den letzten fünf Jahren rasch zu einer Art Intellektuellenblatt für Rechte entwickelt hat.

Gründungsantrieb war gemäss Selbstbeschreibung die «auffällige Zurückhaltung der Intellektuellen angesichts der Konvulsion globaler Mächte und Märkte». Im Klartext formuliert, wollte man endlich wieder aufs Tapet bringen, was man angeblich nicht mehr sagen darf unter der Peitsche der Political Correctness. Die «Konvulsion der Märkte» meint nämlich vor allem: die Bewegung von Menschen über nationale Grenzen hinweg. In der letzten Ausgabe der Zeitschrift waren so akkurat gezimmerte Gedichtzeilen zu lesen wie «Gestern grüssten sie den Führer / Heut beschleimen sie die Syrer».

Was die AutorInnen im «Tumult» verbindet, sind ihre Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik und die Furcht vor dem Islam. Ein Beispiel ist der inzwischen verstorbene Rolf Peter Sieferle, ehemals Geschichtsprofessor an der Hochschule St. Gallen und Autor des posthum veröffentlichten Rechts-aussen-Bestsellers «Finis Germania» (2017). Sieferle war 1968 kurz im Vorstand des Heidelberger SDS, im «Tumult» klagte er dann über «eine Völkerwanderung, die der in der Spätantike vergleichbar ist». Böckelmann teilt Sieferles Ängste. Im aktuellen Editorial schreibt er: «Auch wir Widerständler haben den Untergang vor Augen – die Neubesiedlung des asiatischen Ausläufers Europa mit braunen, die Sanktionen des Islams fürchtenden Standardmenschen in Milliardenzahl. Und wir sagen nein. No pasarán!»

Dem Poststrukturalismus sei Dank

Böckelmanns Weg nach rechts ist etwas komplexer als jener seiner Buddies von der Subversiven Aktion. 1979 gründetet Böckelmann schon einmal eine Zeitschrift namens «Tumult», mit anderem Untertitel: «Zeitschrift für Verkehrswissenschaften». Der zweite «Tumult» entstand sozusagen als «Beiboot» zur alten, noch immer bestehenden Zeitschrift. Doch es lohnt sich, genauer anzusehen, was hier kopiert wurde.

Ende der siebziger Jahre sahen viele Linke Gründe für eine Abkehr von alten Positionen: Einige angesichts der Gräuel der Roten Khmer in Kambodscha und der Attentate der Roten Armee Fraktion, anderen wurde die Orthodoxie der kommunistischen Splitterfraktionen der SDS, der sogenannten K-Gruppen, zu viel. Wieder andere enervierten sich über eine linke Selbstfindungskultur, in der Strickkurse und Hodenbaden zu Ausdruck von Radikalität geworden waren. Im Rahmen dieses Abgrenzungsbedürfnisses wurde das Umbruchjahr 1968 mithilfe französischer Philosophie umgedeutet von einem Jahr der MaoistInnen und des Generalstreiks hin zu einem fröhlichen Mai anarchischer Fantasie und der Subversion.

So erschien 1979 beim Theorieverlag Merve das Bändchen «Das Schillern der Revolte». Der bunte Klappentext forderte auf, man solle «querdenken, Spielregeln brechen» und dazu «den Igel zu Tode hetzen (statt des Hasen)». Gesucht wurde eine «entgrenzte Theorie der Subversion». Diese Entgrenzung auf der Suche nach dem Subversiven und nach neuen Intensitäten ermöglichte auch eine freiere Suche nach dem verlorenen revolutionären Subjekt: Frank Böckelmann meinte damals, man könne gar nicht wissen, «ob nicht bereits revolutionäre Strömungen oder diskontinuierliche Subversionen ganz unvertrauter Art den Sozialkörper durchsetzen und aufsprengen». Die Suche, die für ihn 2014 an Pegida-Demos enden würde, begann zunächst mit der Arbeit am ersten «Tumult».

Die neuen Theorien des Poststrukturalismus versprachen damals neue Ausbrüche. In Thomas Wagners Buch «Die Angstmacher. Die neue Rechte und 1968» (2017) spricht Böckelmann über jene Zeit: Die Theorieexperimente bei «Tumult» hätten es möglich gemacht, sich «umstürzlerisch» zu gebärden und «intensiv» zu empfinden – «ohne die Existenz revolutionärer Proletarier». Für ihn jedoch hätten sich die Möglichkeiten, neue «Entgrenzungen» zu finden, zunehmend erschöpft: «Mich überkam eine Art von Langeweile, ein Gefühl von Ödnis. Diese Dinge, die man sich nehmen wollte oder genommen hat, haben keine neue Intensität des Erlebens und der Zugehörigkeit zueinander gebracht.»

Anfang der siebziger Jahre ging Böckelmann viel wandern, die Erfahrung des deutschen Mittelgebirges habe ihm, sagt er in Wagners Buch, ein Gefühl für die Herkunft der Deutschen gegeben. Er beginnt, bayerische Volkslieder zu hören, und erfährt dabei «das Alte, das lange Zeit gewesen und in uns gemündet ist». Die verlorene Intensität von Demos, Aktionismus und Provokation wird wieder in der Heimat gefunden. Böckelmann spricht von einer Sehnsucht nach «Rückverortung, Anwesenheit und Wirklichkeit», die in ihm gewachsen sei.

An der Scholle schnüffeln

Schon im «Tumult» war es zu Verschiebungen nach rechts gekommen. Sie gründeten in der Schnittmenge zwischen linker Entfremdungs- und Konsumkritik und rechtem Gedankengut: Antiamerikanismus, Kritik der Massen- beziehungsweise Popkultur und antitechnologische Tendenzen. Gewisse Autoren begeisterten sich für die literarische Kriegsgurgel Ernst Jünger und den nationalsozialistischen Staatsrechtler Carl Schmitt. Bei Schmitt faszinierten die Guerillatheorien und sein rigides Feind-Freund-Schema, bei Jünger fand man eine mannhaft-kämpferische und zugleich spielerische Rhetorik. Diese liess sich durchaus mit dem Schreiben über «Kriegsmaschinen» und «Tier-Werden» bei Gilles Deleuze und Felix Guattari verpanschen, und Martin Heidegger wurde durch Jacques Derridas Hilfe auch wieder lesbar.

So wurden die neuen Freiheiten poststrukturalistischer Theorie bei «Tumult» dazu benutzt, um wieder etwas an der Scholle zu schnüffeln. Poststrukturalistische Metaphernstärke und rationalitätskritischer Furor wurden mit Holz aus dem dunklen deutschen Wald vertäfert. Hier findet sich die Grundlage für ein politisches Subjekt, das sich als solitären Kritiker sah, weder Links noch Rechts verpflichtet, gekleidet in undurchsichtiges Vokabular, das sich unpolitisch und freidenkerisch gibt.

Die Geschichte von «Tumult» steht damit stellvertretend für einen geistigen Experimentalraum rechten Denkens Anfang der achtziger Jahre. Dieser Raum ist es, aus dem heute auch das Raunen eines Peter Sloterdijk ergeht, wenn er in der NZZ von der «Auflösung der Völker» spricht, worin AfD-affine WunschleserInnen ruckzuck ein Argument über die Bedrohung durch die «Umvolkung» erkennen dürfen. Die Art des rechten Schwadronierens, wie es der «Tumult» praktiziert, wird längst nicht nur jenseits des Rheins geschätzt: So durfte Heribert Seifert, Publizist der libertären Plattform «eigentümlich frei», den «Tumult» in der NZZ als willkommenen «Angriff auf den neuen Konformismus» loben.

Die Suche nach dem Kick

Der Philosoph Sloterdijk hatte sich einst im Bhagwan-Ashram in Indien von den Siebzigern gereinigt, Böckelmann ging wandern, andere frassen Schmitt und Jünger in sich rein. Leute wie der Literaturwissenschaftler und Exmaoist Rüdiger Safranski stürzten sich in die deutsche Romantik – auch er beklagt heute die «Flutung» Deutschlands. Es sind Geschichten von revoltierenden Senioren, die sich nach dem Auslaufen von 1968 auf die Suche nach neuen Intensitäten gemacht haben, nach neuen Kicks. Das neue politische Abenteuerland liegt rechts aussen.

Die Lust, mit der in den letzten Jahren immer mehr Intellektuelle jener Generation ihr rechtes Coming-out feierten, ist ein Symptom von Entzugserscheinungen. Noch einmal ganz vorne dabei sein, dann sterben.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch