Nr. 39/2018 vom 27.09.2018

Endlos in der Empörungsschlaufe

Thomas Hürlimanns «Heimkehr» ist ein üppiger Roman, mit skurrilen Figuren, satirischen Porträts und philosophischen Reflexionen über das Leben zum Tod. Aber was soll das mit den «Jugos» und den «Nutten»?

Von Stefan Howald

Vor zwölf Jahren veröffentlichte Thomas Hürlimann sein letztes Buch. Das lange Schweigen hat etliche Erwartungen geschürt, und jetzt liegt ein grosser Roman mit einem grossen Titel vor: «Heimkehr».

Derjenige, der heimkehren will, heisst Heinrich Übel junior, und er erzählt, wie er nach Jahren der Entfremdung vom Vater, einem Gummifabrikanten, zu diesem ins Fräcktal gefahren und dabei mit dem Auto verunfallt ist. Danach wacht er in Sizilien auf, mit einer Teilamnesie, und der gescheiterte Langzeitstudent wird plötzlich mit allen Ehren als Mafioso gefeiert. Am Strand trifft er eine Schönheit aus der DDR, verliebt sich unsterblich, reist ihr nach Afrika nach, kehrt abgebrannt in die Schweiz zurück, tummelt sich ein bisschen im Zürcher KünstlerInnenmilieu, immer auf der Suche nach der Erinnerung und seiner Anima. Die Figuren und Abenteuer werden zunehmend grotesker, Heinrich schafft es auf der Suche nach der Geliebten in die DDR, dann, es ist November 1989, fällt die Berliner Mauer. Er kehrt in den Westen zurück, reist ein drittes Mal ins Fräcktal, zum Showdown mit dem Vater.

Man kann in Heinrich Übel junior einen abgehalfterten Schelm sehen, einen Ritter von ziemlich trauriger Gestalt. Für eine nie abgeschickte Bewerbung hat er auf mehreren Tausend Seiten sein Leben aufgeschrieben, und Bruchstücke daraus werden durch den Roman verstreut. Stück um Stück rekonstruiert er die fatale Nacht, käut dieselben Fragen wieder, bis ein neues Fetzelchen hinzukommt und sich die Erinnerung spiralförmig weiterdreht.

Es gibt eindringliche Passagen, etwa wenn Heinrich seine Familiengeschichte aus den Voralpen erzählt oder die Überflutung des Fräcktals und den Aufbau der Fabrik schildert; und es ist nicht ohne Witz, wenn in der DDR ein drahtloses Telefon erfunden worden ist, die GenossInnen es in einen Ohrensessel einbauen und damit auf Promotionstour durch die Welt reisen.

Allerdings ist der durchaus wortgewandte Heinrich bei der Aufklärung seines rätselhaften Unfalls nicht der Cleverste, und statt sich neu zu erfinden, will er hartnäckig das verpfuschte Leben rekonstruieren. Von Verwandlung, wie sie als philosophisches Grundprinzip behauptet wird, kann nicht die Rede sein. Das Buch übt eine gewisse masochistische Faszination aus, ob aus den Wiederholungen, Leitmotiven und Abwandlungen etwas Neues, Funkelndes emporsteigt. Doch die Satiren auf die Zürcher Kultur- und Psychoszene sind vorhersehbar, die Abrechnung mit dem DDR-Jargon wirkt ältlich, und die Kalauer mit den Gummiprodukten von Heinrich Übel senior weisen bald Materialermüdungen auf. So entsteht weniger ein reissender Sog als eine allmähliche Betäubung.

Dann kommt nach einer einjährigen Entdeckungsreise und 500 Romanseiten eine Pointe, die alles in ein neues Licht tauchen soll: Heinrich ist womöglich schon lange tot, beim Verkehrsunfall verblutet, und die ganzen Abenteuer und Geschichten erlebt und erzählt er von der «anderen Seite».

Man könnte behaupten, durch den Schluss werde die groteske Erzählweise als andere Wahrnehmungsform plausibler. Freilich gilt: Heinrichs Geschichten mögen in der Realität des Romans nicht real sein, aber sie sind die realen Geschichten dieses Buchs, und wir haben nichts anderes. Da nützt alle philosophische Nobilitierung nichts.

Zudem ächzt auch die Psychologie in allen Synapsen. Die Mutter sei im Pool ertrunken, als er ein Kind gewesen sei, erzählt Heinrich mehrfach. Aber es stellt sich heraus, dass sie vor der unglücklichen Ehe in die USA entfloh und dann, nach Zürich zurückgekehrt, als Künstlerin einen Kreis von VerehrerInnen und SchmarotzerInnen um sich geschart hat. Zugemutet wird uns, dass Heinrich die angeblich so verehrte Mutter in ihrer Metamorphose achtzehn Jahre lang nicht erkannt hat. Beinahe am Schluss wird im Übrigen Heinrichs Version seiner Beziehung zur Mutter widersprochen, ohne dass dies Konsequenzen für ihn oder uns LeserInnen hätte.

Vom Tod und der Politik

Als Erstling oder Zweitling wäre dieser Roman in den Feuilletons wohl als Kuriosität abgetan worden oder spurlos versunken. Aber der Autor heisst Thomas Hürlimann, und so ist das Buch mit seitenlangen Besprechungen begrüsst worden, zuweilen geradezu hymnisch. In der NZZ war immerhin ein dezent verlegenes Hüsteln zu vernehmen, was den Kritiker jetzt nicht daran gehindert hat, aus der Nichtberücksichtigung des Romans für die Shortlist des Schweizer Buchpreises ein Skandälchen herbeischreiben zu wollen.

In den zwölf Jahren seit «Vierzig Rosen», Hürlimanns letztem, erfolgreichem Roman, sind zwei Dinge geschehen: Er hat eine beinahe tödlich verlaufene Erkrankung überlebt. Und er hat sich zunehmend mit rechtskonservativen politischen Positionen zu Wort gemeldet – gegen die EU, gegen Multikulti, gegen die vielen AusländerInnen, gegen Political Correctness und kürzlich, in der «Schweiz am Wochenende», mit der infamen Konstruktion der «Toleranz als Feigheit».

Spielt das eine Rolle für diesen Roman? Die Todeserfahrung war persönlich zweifellos erschütternd. In ihrem Licht wird im Roman die Heimkehr zum dementen Vater zu einer Heimkehr in den Tod. Als philosophische Position ist das eine Glaubenssetzung, die sich jeder Diskussion entzieht.

Und die Politik? Sie drückt sich vorerst einmal in der Sprache aus. Durchgängig redet Heinrich Übel junior von «Jugos» und «Italos» und «Nutten». Frauen beschreibt er mit Vorliebe durch ihre Brustgrösse. In Zürich sieht er zunehmend dunkle Typen aus Afrika herumlungern, ja, die tauchen dann selbst in der Gummifabrik auf, die sie, als sie überschwemmt wird, natürlich sofort im Stich lassen.

Strikt kulturalistisch

Nun spielt der Roman ja 1989, und so mag Heinrichs Haltung ihn als zeitgenössischen Chauvi charakterisieren. Aber mit der Zeit verfestigt sich der Verdacht, hier werde im Hinblick auf die Gegenwart provoziert – getreu dem einschlägigen Motto, so etwas dürfe man ja wohl noch sagen. Denn die Frauen sind nicht nur für Heinrich ziemlich oft Nutten oder Flittchen oder Nervensägen, sondern so ist die Welt des Romans: Der Vater hat seine Geliebte von einem englischen Offizier beim Poker gewonnen, und die bietet dann, als sie dem Gummiproduzenten zu alt geworden und aus der Villa geworfen worden ist, sich und ihre schönen Brüste in einem Wohnwagen vielen Angestellten der Fabrik willig an – natürlich dient sie auch Heinrich als Ersatzmutter und erste Geliebte. In Zürich betreibt die Mafia einen Auftragsmorddienst per Taxi, der allmählich von den Serben übernommen wird. In Afrika funktioniert sowieso alles ganz anders beziehungsweise nicht. Schliesslich plant der sizilianische Mafiaboss, die Schweiz als Réduit gegen den Ansturm aus Afrika auszubauen.

Hürlimanns Romanwelt ist strikt kulturalistisch verfestigt. Die Italos sind leidenschaftlich, die Zürcher kalt, die Jugos hart, die DDRler verblendet und die Berliner fett. Ausser sie sind Frauen. Dann sind sie: siehe oben.

Nein, dieser Roman wäre besser nicht aus dem Stausee des Fräcktals aufgetaucht.

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