Nr. 39/2018 vom 27.09.2018

Gespenstische Stille

Der Krieg im Süden der Arabischen Halbinsel findet in Europa kaum Beachtung – und dies, obwohl bereits Zehntausende starben und Millionen vom Hungertod bedroht sind.

Von Judith Prat (Fotos) und Markus Spörndli (Text)

Von Europa aus betrachtet, ist es ein irgendwie stiller, gespenstischer Krieg. Anders als Syrien sorgt der Jemen kaum je für grosse Schlagzeilen in den hiesigen Medien. Warum dieses Desinteresse? Vielleicht weil es in Europa nur wenige jemenitische Flüchtlinge gibt; aus dem weitaus ärmsten Land des Nahen Ostens schafft es kaum jemand hierher. Vielleicht auch, weil der Konflikt noch ein ganzes Stück komplexer ist als derjenige in Syrien, wo mit Baschar al-Assad und dem sogenannten Islamischen Staat geradezu Ikonen des Bösen den Ton angeben.

Im Jemen handelt es sich nur zum Teil um einen Stellvertreterkrieg. Zwar startete vor dreieinhalb Jahren eine von Saudi-Arabien angeführte Koalition ihre Intervention im Süden der Arabischen Halbinsel, die nicht zuletzt dem regionalen Erzfeind Iran gilt. Doch schon Jahre zuvor hatten sich im Land mehrere lokale Konfliktlinien entwickelt.

Die heutige Republik Jemen gibt es erst seit 1990, nachdem die zwei früheren Staaten Nordjemen (Hauptstadt Sanaa) und Demokratische Volksrepublik Jemen (Hauptstadt Aden) vereint wurden. Eins waren die Entitäten aber stets nur auf dem Papier. Kurz bestand zwar Hoffnung auf eine Demokratisierung. Doch bereits 1994 brach ein erster Bürgerkrieg zwischen Kräften der nordjemenitisch geprägten Zentralregierung und solchen des Südens aus. Obwohl dieser Krieg nur zwei Monate und zwei Tage dauerte, forderte er rund 7000 Tote.

Gründungspräsident Ali Abdullah Salih regierte danach autoritär. 2012 musste er unter dem Druck riesiger Proteste, die sich in der Zeit des Arabischen Frühlings gegen die Korruption und die extreme Verschlechterung der Lebensumstände richteten, nach 33 Jahren zurücktreten. Sein Nachfolger Abed Rabbo Mansur Hadi verlor bald die Kontrolle über den Machtapparat.

Die Huthi, eine im ehemaligen Nordjemen entstandene, schiitisch geprägte politisch-militärische Bewegung, nutzten die Gunst der Stunde. Sie eroberten bald weite Teile des Landes und ab September 2014 auch die Hauptstadt. Im Februar 2015 löste die Huthi-Führung das Parlament auf und setzte Präsident Hadi ab. Dieser floh zuerst nach Aden; als die südliche Grossstadt ebenfalls vom Huthi-Vormarsch bedroht wurde, nach Saudi-Arabien. Heute paktiert sie mit Pro-Salih-Gruppierungen, die den Expräsidenten wiedereinsetzen wollen.

Die separatistischen Kräfte des Südens haben sich ebenfalls neu formiert. Der Südliche Übergangsrat kontrolliert ein grösseres Gebiet. Und schliesslich ist am jemenitischen Machtkampf auch noch der regionale Al-Kaida-Ableger beteiligt, der trotz US-Drohnen-Angriffen einzelne Gebiete erobert hat und diese nun wie Ministaaten regiert. Um sich gegen die Huthi zu schützen, verbündeten sich viele sunnitische Stammesführer mit dem Terrornetzwerk.

Die saudische Koalition verschärft den Konflikt seit Ende März 2015 durch Luftbombardierungen, ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Diese sind für den Grossteil der Toten verantwortlich, deren Zahl je nach Quelle auf 10 000 bis 50 000 geschätzt wird.

22,2 Millionen Menschen – drei Viertel der Gesamtbevölkerung – benötigen humanitäre Hilfe. 8,4 Millionen gelten als vom Hungertod bedroht. Das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen; von einem Choleraausbruch sind mehr als eine Million Menschen betroffen, über 2000 sind bisher gestorben.

In der direkten militärischen Konfrontation ist die arabische Koalition bisher nicht weitergekommen. Nun verstärkt sie die Strategie, die Nachschubrouten der Rebellen zu kappen: durch die Blockade und neuerdings auch durch den Beschuss des Hafens von Hodeidah. Über die Hafenstadt am Roten Meer kommt allerdings der Grossteil der humanitären Hilfe. Die NGO Save the Children warnte vergangene Woche, dass dies dazu führe, dass die Zahl der Kinder, die vom Hungertod bedroht seien, um eine Million auf 5,2 Millionen ansteige.

Trotzdem beliefern europäische Regierungen Saudi-Arabien weiter mit Waffen. Nur Madrid liess einen Raketendeal platzen. Deutschlands Wirtschaftsministerium entschied just in der vergangenen Woche, Riad mit Radarsystemen für Artilleriegeschütze zu versorgen. Auch die Schweiz hält sich bei Waffenlieferungen nicht zurück.

Der Krieg im Jemen gilt als derzeit grösste humanitäre Katastrophe der Welt – und Europa trägt direkt dazu bei. Höchste Zeit, die gespenstische Stille auf dem Kontinent endlich zu brechen.

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