Nr. 39/2018 vom 27.09.2018

Feldarbeit neben Wolkenkratzern

Von Bettina Dyttrich

Eine üppig grüne Landschaft, kleine Felder, Menschen ernten von Hand. Dahinter wachsen Rohbauten von Wolkenkratzern in den Himmel. Die Szene wirkt unwirklich, wie am Bildschirm zusammengesetzt: Die KleinbäuerInnen stehen Kräften gegenüber, die von hoch oben auf sie herabsehen.

Der frankokanadische Regisseur Mathieu Roy findet in seinem Film «Les Dépossédés» (Die Enteigneten; deutscher Titel: «Bittere Ernte») eindrückliche Bilder für den Überlebenskampf der KleinbäuerInnen. Zwei Bauern spritzen im Nebel Pestizide ohne jede Schutzkleidung. Männer vertreiben eine Bäuerin, die am Boden sitzt und versucht, ihr Gemüse zu verkaufen. Eine andere schleppt mit der Giesskanne Wasser auf ein vertrocknetes Feld. Der Film erklärt nicht, wo wir sind, sondern kombiniert lange, unkommentierte Szenen mit Statements von Fachleuten (viele Männer, eine einzige Frau). «Die Konkurrenz zwischen ungleich gelegenen, ungleich grossen, ungleich ausgerüsteten Landwirtschaftsbetrieben ist ein Massaker», bringt es der französische Agronom Marcel Mazoyer auf den Punkt.

«Les Dépossédés» will anprangern, keine Alternativen aufzeigen. Das ist berechtigt. Allerdings ist der Film eine ziemliche Überforderung. Da kommt etwa ein Vertreter der Welthandelsorganisation zu Wort. Sein Statement ist von Freihandelsideologie geprägt – doch er entlarvt sich nicht einfach selbst, wie der Regisseur wohl hofft. Dazu ist das Thema zu komplex. Mathieu Roy will mit seinem Film zu viel auf einmal und wird dabei zeitweise ungenau: Nacheinander zeigt er eine Kundgebung der brasilianischen Landlosenbewegung, einen Protest indischer BäuerInnen und die Demo des Schweizer Bauernverbands in Bern 2015. Ja, die Landwirtschaft ist überall unter Druck. Trotzdem ist es anmassend, die Situation von Menschen, die mit dem Hunger kämpfen, mit jener von Schweizer Bauernfamilien gleichzusetzen. Dazu kommt: Wie an den Transparenten deutlich abzulesen war, propagierten viele TeilnehmerInnen der Schweizer Demo genau jenen Produktivismus, den der Film verurteilt.

Jetzt im Kino.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch