Nr. 39/2018 vom 27.09.2018

«Einfach ein schöner Sommer»

Der Klimawandel ist wissenschaftlich völlig unbestritten. Doch das hindert prominente Köpfe der SVP-Bundeshausfraktion nicht daran, Verschwörungstheorien zu spinnen und Irrsinn zu verbreiten.

Von Sarah Schmalz (Text) und Luca Schenardi (Illustration)

Wer den Sommer noch immer nicht loslassen konnte, der war letztes Wochenende noch einmal baden. Zum Beispiel in der Limmat, über die ein warmer Föhn die Herbstblätter fegte. Eine schöne Szenerie mit ungemütlichem Hintergrund. Dass der Dürresommer 2018 kein singuläres Ereignis ist, sondern ein Symptom dafür, dass sich die Erderwärmung gerade in beunruhigendem Mass beschleunigt: Das ist in der Wissenschaft völlig unbestritten. Stefan Bader, Klimaexperte bei Meteo Schweiz, sagt: «Die Sommer in der Schweiz werden eindeutig immer wärmer. Dieses Jahr hatten wir zum dritten Mal in Folge einen Mittelwert von über fünfzehn Grad.» Vor der markanten Sommererwärmung ab den achtziger Jahren hätten nur die wärmsten Sommer einen Mittelwert von über dreizehn Grad erreicht, so Bader. Heute gehörten solche zum Standard. «Vor 1980 gab es hingegen häufig kühle Sommer mit einem Mittelwert von zwölf Grad oder weniger, diese sind seit den neunziger Jahren aus dem Sommerklima der Schweiz verschwunden.»

Erich Hess, der Berner SVP-Nationalrat mit der Igelifrisur, lässt sich davon die Laune nicht verderben: «Nein, die Forschung beeindruckt mich nicht, es gab schliesslich schon immer kältere und wärmere Zeiten.» Dann redet er von einem Stück Holz, das beim Vermodern gleich viel CO2 freisetze, wie wenn es verbrenne. Und er nennt noch einen weiteren «Beweis» dafür, dass der Mensch nicht für den Klimawandel verantwortlich sei: Das ganze CO2, das derzeit in die Atmosphäre gelange, sei schliesslich schon einmal dort gewesen, bevor es in die Erde eingeschlossen worden sei. Dass das Einschliessen Millionen von Jahre dauerte, während der Mensch das Treibhausgas nun in kürzester Zeit freisetzt: Solche Details stören die Überzeugungen des Lastwagenführers und Unternehmers nicht. In seinem Überschwang erinnert er an Galileo Galilei, dem schliesslich auch niemand geglaubt habe, dass die Erde rund sei. Hess schliesst mit Optimismus: Er fühle sich kein bisschen mitverantwortlich für den Klimawandel. «Kein Land wirtschaftet so sauber wie die Schweiz.»

Moranos Feldzug

Hess ist in seiner SVP-Fraktion, die im Frühsommer fast geschlossen gegen die Ratifizierung des Pariser Klimaabkommens stimmte, in guter Gesellschaft. Auch die SVP-Nationalräte Walter Wobmann und Andreas Glarner bestreiten beim Gespräch im Bundeshaus offen den menschengemachten Klimawandel. «Für mich war das jetzt einfach ein schöner Sommer», sagt Glarner. «Natürlich gibt es Klimaschwankungen, aber kaum menschengemacht, das wird hochgekocht.» Wobmann sagt es so: «Meine Haltung ist klar: Klimaschwankungen gibt es schon so lange wie die Erde.»

Andere SVP-Nationalräte kleiden ihre Gesinnung in «Zweifel»: Roger Köppel sagt in der Wandelhalle: «Dass der Mensch für den Klimawandel verantwortlich ist, stelle ich zumindest infrage.» Parteikollege Christian Imark räumt zwar ein, dass der Mensch einen Einfluss aufs Klima habe, sagt dann aber: «Selbst die Wissenschaft versteht die Wechselwirkungen von CO2 zwischen den Sphären nur ungenau. Auf dieser Grundlage einschneidende Massnahmen zu treffen, die zu sozialen Problemen und wirtschaftlichen Nachteilen führen, finde ich unverantwortlich.»

Wer verstehen will, weshalb sich Theorien, die den Klimawandel leugnen oder zumindest infrage stellen, so hartnäckig halten, muss in die USA blicken. Dort machte es sich Anfang der Jahrtausendwende etwa Marc Morano zur Mission, die Klimaforschung zu diskreditieren. Morano ist kein Klimaforscher, sondern PR-Manager. Bevor er den Kampf gegen neue Klimagesetze aufnahm, arbeitete er im Dienst der Tabakindustrie. Wie eine Recherche des Magazins «Reportagen» aus dem Jahr 2016 aufgearbeitet hat, begann Moranos Feldzug vor bald zwanzig Jahren: 2002 wird er zum PR-Berater des Umweltausschusses von US-Präsident Georg W. Bush ernannt. Es ist die Zeit, als sich die Erkenntnisse der Klimaforschung durchsetzen und die Politik erschüttern. Ein Berater des Präsidenten schreibt damals in einem Energiepapier: «Es kommt jetzt darauf an, die Wissenschaftler frontal zu attackieren, um bei den Wählern Zweifel an deren Glaubwürdigkeit zu säen.» Die Debatte sei zwar fast abgeschlossen – «gegen uns», heisst es im Bericht. Aber es sei immer noch Zeit, um Experten zu finden, die «mit unserer Haltung sympathisieren».

Das tut Morano: etwa kurz nach der Ausstrahlung von Al Gores Film «Eine unbequeme Wahrheit» über die Folgen des Klimawandels in den Kinos und Schulen des Landes. Morano schickt einen scheinbar höchst seriösen, 175-seitigen Bericht an die Zeitungs- und Fernsehredaktionen. Titel: «Mehr als 400 prominente Wissenschaftler bezweifeln die menschengemachte Klimaerwärmung». Was die meisten JournalistInnen übersehen: Kaum einer der «ExpertInnen» ist ein echter Klimaforscher, 84 von ihnen waren einst in der Ölwirtschaft tätig.

Die Theorien der Klimaleugner

Das Gift der Klimaleugner-PR-Offensive hat in Europa zwar nicht so stark gewirkt wie in den USA, wo laut Umfragen immer noch weniger als die Hälfte der Bevölkerung den Klimawandel als ernsthaftes Problem betrachtet. Doch es ist auch hier in viele Köpfe gesickert: 2007 etwa gründete sich in Deutschland die scheinwissenschaftliche Plattform Eikes (Europäisches Institut für Klima & Energie), die regelmässig zu Vorträgen einlädt. Die Theorien der Gäste gleichen sich: Mal wird der Einfluss des CO2 aufs Klima angezweifelt und auf die natürlichen Klimaschwankungen hingewiesen, mal werden Faktoren wie der Einfluss der Sonne oder von Wasserdampf als «unterbelichtete» Faktoren herbeigezogen. Der Klimaforschung wird jede Glaubwürdigkeit abgesprochen.

Bei vielen KlimaleugnerInnen mündet der Irrglaube in die Theorie, dass die «Klimalobby» in Tat und Wahrheit einen sozialistischen Umbruch plane. Ein prominenter Vertreter dieser These ist der Autor Torsten Mann. Seine Bücher drehen sich ausschliesslich um die angebliche kommunistische Weltverschwörung und erscheinen im rechtsesoterischen Kopp-Verlag. Ausgerechnet Mann schaffte es mit seinem Buch «Rote Lügen in grünem Gewand. Der kommunistische Hintergrund der Öko-Bewegung» ins letzte Parteiprogramm der SVP (2011 bis 2015). Die Partei zitierte im Abschnitt über die Klimapolitik ausschliesslich aus diesem Werk.

Hubertus Fischer, Professor für Klima und Umweltphysik an der Universität Bern, sagt: «Das sind völlig absurde Schlussfolgerungen, man hat den Klimawandel ja nicht von oben aufoktroyiert. Die Entscheidungsträger haben ihn über mehrere Jahrzehnte so detailliert untersuchen lassen, um mögliche Unsicherheiten zu quantifizieren und offene Fragen, die zum Beispiel von Skeptikern ins Feld geführt werden, zu beantworten.» Die Ergebnisse sind aber seit dem ersten Klimabericht des Weltklimarats von 1992 im Grundsatz dieselben geblieben: «Rechnet man die menschengemachten Treibhausgase weg, lässt sich die aktuelle Klimaerwärmung nicht erklären, weder mit der Sonne noch mit einem anderen natürlichen Einflussfaktor.» Überdies ist der Temperaturanstieg der letzten rund 100 Jahre einzigartig in den letzten 2000 Jahren.

«Linker Terror»

Dennoch haben die Klimaverschwörungstheorien bei der SVP Hochkonjunktur. Roger Köppel sagt es so: «Im Namen der Weltrettung werden gewaltige, moralisierende Programme aufgegleist, das ist reine Interessenpolitik.» Auch bei Christian Imark sind Fragmente der Verschwörung zu hören: Die meisten Klimaforscher seien gleichzeitig Lobbyisten. «Sie tingeln durchs Land und spielen gerne Politiker, ohne Verantwortung zu tragen», sagt er. Noch deutlicher wird Walter Wobmann: «Unter dem CO2-Deckmantel wird die Politik umgekrempelt, das ist eine Agenda, das ist praktisch für die, die ein sozialistisches System wollen.»

Der wohl lauteste SVP-Klimaleugner ist der Zürcher Nationalrat Claudio Zanetti. Auf Twitter fällt er immer wieder mit Klimaverschwörungen auf. Im Bundeshaus ist er an diesem Abend nicht auffindbar. Am Telefon wird Zanetti laut: Man könne doch selber ausprobieren, wie das mit dem Eis sei, sagt er. «Wenn man es in einem Glas schmelzen lässt, steigt das Wasser nicht, es sinkt.» Das alleine zeige doch schon, dass die Klimatheorie eine einzige Lüge sei. «Die Linken haben diese Theorie entwickelt, um das Leben der Menschen zu kontrollieren, das ist für mich eine Form des Terrors.» Herrn Zanetti sei empfohlen, einmal eine Weltkarte anzuschauen. Offenbar glaubt er, dass Gletscher oder das antarktische Eis heute im Meer schwimmen.

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