Nr. 39/2018 vom 27.09.2018

Von der Romandie lernen

Warum befürwortet der proletarische Lausanner Vorort Renens die beiden Agrarinitiativen haushoch, und im reichen Wollerau sind fast alle dagegen?

Von Bettina Dyttrich

In der Westschweiz lässt man es sich gern gut gehen. Das ist nicht nur ein Klischee; das zeigten auch die welschen AktivistInnen der bäuerlichen Gewerkschaft Uniterre, die sich am Sonntag mit ihren Deutschschweizer MitstreiterInnen auf dem Biohof Schüpfenried bei Bern zu einem etwas bedrückten Abstimmungsfest trafen: Es gab Weisswein, Rotwein, ein Kuchenbuffet, Raclette, und einige schoben gleich noch ein Fondue hinterher.

Knapp 32 Prozent Ja für die Initiative für Ernährungssouveränität: Das ist nicht so schlecht für eine Organisation, die fast kein Geld hat. Trotzdem sind viele enttäuscht: Sie hofften auf einen Ja-Stimmen-Anteil von mindestens 40 Prozent. Doch schliesslich waren es auch für die Fairfood-Initiative der Grünen nur knapp 39.

Missverständnisse gab es in diesem Abstimmungskampf viele – die bürgerlichen GegnerInnen förderten sie gezielt. Man überbot sich dabei, das Horrorbild einer staatlich gesteuerten, «sowjetisierten» Landwirtschaft heraufzubeschwören. Dabei ist Ernährungssouveränität kein staatsgläubiges Konzept: Es geht vielmehr darum, der Macht der Lebensmittelindustrie Grenzen zu setzen, damit die BäuerInnen wieder einen grösseren Teil ihres Einkommens aus eigener Kraft erwirtschaften können. Und oft engagieren sich gerade jene dafür, die weitherum als innovativ gelobt werden. Zum Beispiel der erwähnte Biohof Schüpfenried. Hier verarbeitet man viel selbst und verkauft viel direkt, die Wege sind kurz, die Wertschöpfung hoch. Der Hof ist sehr vielfältig und für Schweizer Verhältnisse gross, hat ein eigenes Café und bietet Catering an. Es ging Uniterre nie darum, dass alle Höfe klein sein sollen. Sie sollen vielfältig sein und gute Arbeitsplätze schaffen.

Schon lange war der Röstigraben nicht mehr so tief wie diesen Sonntag. Das ist kein Wunder: Ökologische Fragen bewegen die Menschen im französischen Sprachraum seit einiger Zeit stärker als im deutschen – spätestens seit dem Film «Demain», der ökologische Alternativen vorstellt und den in Frankreich über eine Million Menschen im Kino gesehen haben. Weil viele das Thema Umweltschutz gerade erst entdeckt haben, ist es umso emotionaler. Besonders wenn es ums Essen geht. «Die ‹Geiz ist geil›-Mentalität ist uns Lateinern fremd», sagte der Westschweizer Bauernvertreter Loïc Bardet am Montag zur NZZ.

Das ist der Punkt: Die bürgerliche Angstkampagne, die beiden Initiativen brächten höhere Preise, überzeugte zwar viele. Aber in der Westschweiz verfing das Argument kaum – auch nicht bei jenen, die eher knapp bei Kasse sind. Das zeigt ein Vergleich von zwei sehr gegensätzlichen Gemeinden: Im proletarischen, multikulturellen Renens vor den Toren Lausannes sagten 66 Prozent Ja zur Ernährungssouveränität, fast 72 zu «Fairfood». Im Schwyzer Steuerparadies Wollerau waren es gerade einmal knapp 15 respektive 19 Prozent.

Macht es solidarisch, wenig Geld zu haben? So einfach ist es natürlich nicht – auch arme Gemeinden rund um den Gotthard haben die Initiativen haushoch abgelehnt. Doch die beiden Extrembeispiele zeigen: Es geht nicht nur um die Kaufkraft. In der Romandie haben breite Kreise verstanden, dass Essen politisch ist. Billigfood führt zu Ausbeutungsketten, in denen Benachteiligte auf Kosten von noch Benachteiligteren leben. In Renens arbeitet die Frauengruppe Femmes Solidaires aus dieser Erkenntnis heraus: Sie bietet neben Kursen, Beratung und Therapiegruppen für Frauen auch Biogemüseabos an.

Es gibt also einiges von der Romandie zu lernen – nicht nur kulinarisch. Auch für den kommenden Abstimmungskampf um die Konzernverantwortungsinitiative, die letztlich ähnliche Fragen stellt wie «Fairfood»: Übernehmen wir Verantwortung für unseren Reichtum, unsere Konsumgüter? Oder ist es uns egal, wer darunter leidet – Hauptsache, uns geht es gut?

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