Nr. 40/2018 vom 04.10.2018

«Bald steht hier kein Wald mehr»

In der Ukraine hat sich ein Korruptionssystem etabliert, das zu einem immensen illegalen Holzabbau führt, der verheerende ökologische Folgen hat. Mittendrin im Business ist auch ein Schweizer Konzern.

Von Jan Jirát (Text) und Martin Fejer, est & ost (Foto)

Swiss-Krono-Fabrik im ungarischen Vasarosnameny an der ukrainischen Grenze: Eine fiktive Firma versprach der Fabrik illegale Holzlieferungen.

Jedes Jahr taucht Familie Kaindl in der «Bilanz»-Liste der 300 Reichsten auf, zuletzt auf Platz 155 mit einem geschätzten Vermögen von 750 Millionen Franken. Reich geworden ist die aus Österreich stammende Familie im Holzbusiness. 1966 gründete Ernst Kaindl in Menznau, im Luzerner Hinterland gelegen, die AG für Holzindustrie. Heute heisst die Firma Swiss Krono Group. Sie ist mittlerweile die weltweit grösste Produzentin von Laminatböden und gehört mit einem Umsatz von 1,83 Milliarden Franken und rund 4500 MitarbeiterInnen zu den Riesen der Holzwerkstoffbranche. Der Konzern produziert an zehn Standorten in acht Ländern Holzwerkstoffe, darunter auch in der Ukraine, wo gemäss neuen Erkenntnissen der illegale Holzabbau blüht.

Ihren Reichtum trägt Familie Kaindl nicht zur Schau. Im Gegenteil. Vom kürzlich verstorbenen Firmengründer Ernst Kaindl gibt es kaum Bilder und Interviews, weshalb die «Bilanz» ihn einst als «Phantom» betitelte. Seine 38-jährige Tochter Ines Kaindl-Benes, die mittlerweile an der Konzernspitze steht, gibt sich den Medien gegenüber etwas offener, aber auch sie pflegt die Diskretion. Das passt zu ihrer Branche, die in der Öffentlichkeit kaum wahrnehmbar ist, obschon deren Produkte allgegenwärtig sind: Holzwerkstoffe finden sich in praktisch jedem Gebäude, in jedem Büro und Schulzimmer und in vielen Kleidungsstücken (Holz ist Ausgangsmaterial der Viskosefaserherstellung). Während andere rohstoffabbauende und -verarbeitende Industriezweige immer wieder für Skandale sorgen, brummt das Holzwerkstoffbusiness weitgehend störungsfrei.

Waldschutz als Mittel zum Abbau

Das könnte sich nun ändern. Denn die britische NGO Earthsight hat in einer umfassenden Recherche den massiven illegalen Holzabbau mit seinen verheerenden ökologischen Folgen in der Ukraine dokumentiert und das dahintersteckende Korruptionssystem entlarvt. Die Swiss Krono Group nimmt eine prominente Rolle in diesem Bericht ein.

Valera Pavluk besitzt ein kleines Sägereiwerk in Lopukhovo, einem Dorf in den ukrainischen Karpaten im Südwesten des Landes, nur fünfzig Kilometer von der rumänischen Grenze entfernt. In der Region steht eine der letzten grossen zusammenhängenden Waldflächen Europas, wo Braunbären, Wölfe, Luchse und Wisente leben. Einen Teil dieses Waldes erkennt die Unesco als Biosphärenreservat an.

Letzte Woche reiste der Sägewerkbesitzer Pavluk gemeinsam mit UmweltaktivistInnen aus der Ukraine nach Brüssel und Genf, um dort die Öffentlichkeit über die illegale Abholzung in seiner Heimat aufzuklären. «Um die Systematik dahinter zu verstehen, muss man wissen, dass die ganze Forstwirtschaft in der Ukraine in staatlicher Hand ist», sagt der leicht ergraute Vierzigjährige. Konkret seien etwa 300 sogenannte staatliche Forstwirtschaftsbetriebe (SFE) für die Kontrolle der Abholzung zuständig. «Doch statt den illegalen Holzabbau zu verhindern, schützen sie ihn. Wenn sie 100 Kubikmeter zur Abholzung freigeben, dann deklarieren sie offiziell 45 Kubikmeter als Industrieholz und 55 Kubikmeter als minderwertiges und billigeres Brennholz. Tatsächlich werden dann aber 90 Kubikmeter als Industrieholz weiterverkauft und -verarbeitet», so Pavluk. Eine andere Methode sei es, eine gesunde Waldparzelle als krank zu deklarieren, um diese unter dem Vorwand des «Waldschutzes» abzuholzen.

Weil die europäische Nachfrage nach Holz derzeit sehr gross sei, habe das Ausmass der Abholzung im Wald rund um sein Dorf Lopukhovo massiv zugenommen. Die Menge des offiziell gefällten Holzes hat sich zwischen 2005 und 2016 auf jährlich 240 000 Kubikmeter versechsfacht – das entspricht knapp 200 000 gefällten Bäumen. «Die illegale Abholzung macht noch mal so viel aus», sagt Pavluk. «Wenn diese Kadenz bestehen bleibt, steht um mein Dorf Lopukhovo in drei Jahren kein Wald mehr.»

In der Sägerei von Pavluk arbeiteten vor fünf Jahren noch 50 Angestellte, heute sind es 21. Das ist der Preis für seine beharrliche Weigerung, sich am illegalen Holzabbau zu bereichern. Die aktuelle Situation sei entmutigend. «Nach den Protesten auf dem Maidan und dem Sturz des Präsidenten Wiktor Janukowitsch im Frühjahr 2014 ist alles noch schlimmer geworden. Die neuen Machthaber sind wie die alten, ihnen geht es allein um die persönliche Bereicherung.» Für Pavluk steht fest: «Es braucht eine internationale Kontrolle unserer Wälder.»

Das Angebot der Fake-Firma

Zwei Jahre lang recherchierte Earthsight einerseits vor Ort in den Wäldern, Sägewerken und Verwaltungsstuben, andererseits wertete sie ukrainische Gerichtsakten zu Korruptionsvergehen aus. «Komplizen in der Korruption. Wie Milliardenkonzerne und die EU beim Schutz der ukrainischen Wälder versagen» heisst der Titel des kürzlich publizierten Berichts, der einen nahezu perfekten Kreislauf der Korruption nachzeichnet, der in den ukrainischen Wäldern beginnt und bei den europäischen KonsumentInnen endet.

Der Holzabbau ist für die Ukraine ein immens wichtiger Wirtschaftszweig mit rund 350 000 Beschäftigten und 1,7 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz. Die EU importiert über zwei Drittel des ukrainischen Holzschlags, wobei Earthsight davon ausgeht, dass etwa vierzig Prozent davon aus illegalen Beständen stammen.

In ihrem Bericht belegt die NGO, dass ein Grossteil der illegal abgeholzten Baumstämme über öffentliche Auktionen, die die staatlichen Forstwirtschaftsbetriebe organisieren, in einem Schattennetz von etwa 12 000 kleineren und mittleren ukrainischen Sägewerken landet, die keine offizielle Lizenz besitzen. Dort werden die Baumstämme so zurechtgeschnitten, dass sie per Güterwaggon in die EU-Nachbarländer Rumänien, Ungarn, Slowakei und Polen exportiert werden können. Dort wiederum betreiben europäische Holzkonzerne in unmittelbarer Grenznähe riesige Produktionsstätten. In der Regel wickeln aber nicht die Konzerne selbst den Holzexport ab, sondern mehrheitlich «kleine, undurchsichtige Zwischenhändler», wie Earthsight schreibt. Dieses Geflecht ist bewusst so aufgebaut, dass den Holzkonzernen letztlich keine direkte Beteiligung am Korruptionssystem nachgewiesen werden kann.

Auch die Swiss Krono Group besitzt im ungarischen Vasarosnameny, knapp zehn Kilometer hinter der ukrainischen Grenze, eine Holzwerkstofffabrik, die Grobspanplatten produziert. Genau diese Fabrik spielt im Earthsight-Bericht eine Rolle. Die britische NGO hat im Rahmen ihrer Recherche eine fiktive – und entsprechend unregistrierte – Holzzuliefererfirma gegründet. Diese versandte illegale Angebote an Holzwerkstofffabriken im grenznahen Ausland. Konkret wurden Holzlieferungen versprochen, die gegen ukrainische Exportbestimmungen verstossen. Die zuständige Ansprechperson des Swiss-Krono-Werks in Ungarn zeigte Interesse, verlangte weitere Details zum Angebot und schlug schliesslich ein persönliches Treffen vor, wie aus dem E-Mail-Verkehr hervorgeht, der der WOZ vorliegt. Dazu kam es nicht, weil Earthsight die Kommunikationsabteilung der Swiss Krono Group mit dem Vorfall konfrontierte.

Viele Worte zur Ethik

In seiner Antwort hielt der Pressesprecher der Swiss Krono Group zunächst fest, er sei überrascht, dass Earthsight versucht habe, zu illegalen Aktivitäten anzustiften. «Es ist klar, dass Swiss Krono hohe ethische Standards einhält. Wir respektieren und gehorchen allen Gesetzen und Regulierungen.» Bezüglich des Angebots an das Werk in Ungarn habe ja «nur E-Mail-Kontakt stattgefunden». Im persönlichen Treffen gehöre es dann zur Sorgfaltspflicht, das Angebot sowie die Legalität des Zulieferers zu prüfen.

Auch die WOZ hat Swiss Krono mit diesem Vorfall konfrontiert und zahlreiche Fragen gestellt. Etwa wie viele Kubikmeter Holz der Konzern aus der Ukraine beziehe. Ob er ausschliessen könne, illegal gefälltes Holz aus der Ukraine zu verarbeiten. Und in welchen Firmenprodukten, die in der Schweiz erhältlich sind, Holz aus der Ukraine enthalten sei.

Statt auf den Vorgang und die einzelnen Fragen einzugehen, antwortete die Kommunikationsabteilung mit einem allgemein gehaltenen Informationsschreiben. Swiss Krono behauptet, dass sie ihr Holz in der Ukraine zu mehr als drei Vierteln bei öffentlichen Auktionen selbst kaufe und für die Produktion in Ungarn weniger als zehn Prozent des notwendigen Holzes aus der Ukraine stamme. Mehrfach beteuert Swiss Krono, sich «völlig gesetzeskonform» zu verhalten, und verweist darauf, dass der Konzern ausschliesslich auf «von der ukrainischen Regierung freigegebenes Holz» zurückgreife – und damit genau auf jene Stelle, die gemäss Earthsight «das Grundübel des illegalen Holzabbaus» darstellt.

Offenbar hat der Bericht der NGO aber doch eine Wirkung erzielt, denn Swiss Krono lässt ausrichten: «Wir werden mit externer Unterstützung einer angesehenen, international tätigen Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft eine neutrale Prüfung der Vorgänge vornehmen lassen – und Sie selbstverständlich über die Ergebnisse informieren.»

Auf diese Ergebnisse ist Sam Lawson bereits gespannt. Für den Geschäftsführer von Earthsight unternehmen die westeuropäischen Holzkonzerne nämlich zu wenig, um den illegalen Holzabbau in der Ukraine einzudämmen. Für Lawson ist dazu ein Systemwechsel nötig: «Die Konzerne müssten selbst das Controlling übernehmen und vertiefte Abklärungen vor Ort vornehmen. Sie müssten mit ihrem eigenen Namen dafür haften, dass ihr verarbeitetes Holz legal abgebaut wurde.» In der Pflicht stünden aber nicht nur die Konzerne, sondern auch die europäischen Regierungen. «Es gibt eine Europäische Holzhandelsverordnung, die den illegalen Holzhandel verbietet. Kaum jemand hält sich ernsthaft an diese Verordnung. Dafür braucht es öffentlichen Druck.»

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