Nr. 40/2018 vom 04.10.2018

Kairo als Mosaik

Von Rahel Locher

Kairo pulsiert, die Farben, die Geräusche, die Gerüche. Die vielen Menschen auf der Strasse. Das ägyptische Arabisch, das der 33-jährigen Nura leicht über die Lippen geht, obwohl sie im Primarschulalter mit ihrer Schweizer Mutter und dem ägyptischen Vater in die Schweiz gezogen ist. Es sind die revolutionären Ereignisse rund um den Tahrirplatz in Kairo, die ihr Interesse an ihrer Geburtsstadt neu entfachten. Ein halbes Jahr später, im Herbst 2011, sind die Kräfte des Aufbruchs noch zu spüren – der sich ankündigende Backlash aber auch. Bei ihrem Besuch beginnt Nura langsam, diesen zu verstehen.

Die Journalistin Susanne Schanda fügt in ihrem Erstling «Kairo Kater» verschiedene Begegnungen zu einem Mosaik der ägyptischen Hauptstadt zusammen. Die Protagonistin Nura verlängert ihren Aufenthalt in Kairo, wohin sie eigentlich bloss ein Treffen mit einem ägyptischen Schriftsteller führte, dessen Werk sie übersetzt. Zeitweise sehnt sie sich nach der Schweiz, doch einige Beziehungen in Kairo machen es ihr schwer zu gehen: ihr Vater, ein ehemaliger Freund ihrer Mutter, die engste Freundin aus der Kindheit, ihr Jugendfreund, zu dem sie sich sofort wieder hingezogen fühlt. Diese Treffen helfen Nura, die Zerrissenheit ihrer Eltern zu verstehen, die sich entschieden hatten, gemeinsam in die Schweiz zu gehen, bevor der Vater alleine nach Kairo zurückkehrte.

Über alte FreundInnen taucht Nura nun auch in die ägyptische Gegenwart ein. So verfolgt etwa ihr früherer Freund als Juniorpartner eines Immobilienmagnaten zwielichtige Geschäfte im Wohnungsbau. Dieser Erzählstrang lässt den Roman zunehmend an einen Politkrimi erinnern.

Trotz der verschiedenen Beziehungen und allem anderen, was Nura in Kairo hält, hat sie dennoch mit Identitätskonflikten zu kämpfen. Wie in der Schweiz, wo zum Beispiel ihre Lehrerin sie konsequent Nora nannte, bleibt Nura auch in Ägypten die Fremde. Leider gelingt es Susanne Schanda nur begrenzt, ihrer Protagonistin die dafür wünschenswerte Tiefe zu verleihen.

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