Nr. 40/2018 vom 04.10.2018

Die Götter auf dem Rosenberg

An der Universität St. Gallen bereichern sich ProfessorInnen an lukrativen Nebenjobs. Jetzt gerät das System HSG wegen vier in Skandale verwickelter Professoren unter Druck. Die Linke fordert eine Neuausrichtung.

Von Andreas Fagetti und Matthias Fässler

Lange Gesichter an der HSG: Rektor Thomas Bieger (links) neben Regierungsrat Stefan Kölliker. Foto: Ennio Leanza, Keystone

750 ProfessorInnen, DozentInnen und Lehrbeauftragte wirken an der auf dem Reichenhügel Rosenberg gelegenen Universität St. Gallen (HSG). Es wäre ungerecht, würde man sie alle in einen Topf mit dem «Master of the Universe» Gordon Gekko werfen, diesem Sinnbild des gierigen Bankers aus Oliver Stones Spielfilm «Wall Street». Besser zu Gekko passen drei Professoren und der Unirektor: Johannes Rüegg-Stürm musste als Verwaltungsratspräsident der Raiffeisenbank zurücktreten, Honorarprofessor und Audi-Chef Rupert Stadler sitzt wegen des Dieselskandals in Untersuchungshaft, Rechtsprofessor Peter Sester steht wegen überhöhter Spesen im Fokus einer Untersuchung. Und schliesslich der Rektor selbst: Thomas Bieger fing sich als Verwaltungsratspräsident der Jungfraubahnen wegen Aktienkursmanipulationen des Unternehmens eine Rüge der Finanzmarktaufsicht ein. Er verdient inklusive lukrativer Nebenjobs jährlich deutlich über eine halbe Million Franken. Nicht eingerechnet: Fachreferate und Autorenhonorare. Pikantes Detail am Rand: Biegers Ehefrau arbeitet Teilzeit in seinem HSG-Institut. Ein Politiker sagt, die ProfessorInnen betrachteten ihre Nebeneinkünfte als Selbstverständlichkeit und setzten ihre Ansprüche gegen schwache Aufsichtsorgane auch durch. Offenbar sehen sie sich als «Masters of the Rosenberg».

Unruhe vor der Abstimmung

Die bürgerlichen Parteien und der Universitätsrat unterstützen diese Selbstbedienungsmentalität bis heute. Doch angesichts der Skandale geraten sie unter Druck. FDP und CVP haben gemeinsam mit den Linken einen Vorstoss im St. Galler Kantonsparlament unterschrieben, der eine unabhängige Untersuchung der jüngsten Vorkommnisse verlangt. Die Bürgerlichen sorgen sich um den Ruf und die Zukunft der Universität. Schliesslich steht im nächsten Sommer eine kantonale Abstimmung über einen Ausbau bevor. Kostenpunkt: 160 Millionen Franken. Jetzt ärgern sich angesichts der an gierige Bonibanker erinnernden Skandale selbst stockbürgerliche Leute. Das könnte das Ausbauvorhaben gefährden.

Die vom St. Galler Bildungsdirektor Stefan Kölliker (SVP) präsidierte Aufsichtsbehörde, der Universitätsrat, nimmt daher eine kosmetische Korrektur vor, stellt aber das System HSG nicht infrage: Am Dienstag teilte sie mit, dass künftig RektorInnen keiner Nebentätigkeit mehr nachgehen dürfen. Rektor Thomas Bieger kann jedoch seine lukrativen Nebenjobs bis zum Ende seiner Amtszeit behalten. Die «unterschiedlich gelagerten Vorfälle», also das Verhalten der vier Professoren, stehe nicht in direktem Zusammenhang mit der HSG.

Dass die St. Galler Behörden ProfessorInnen finanziell gerne entgegenkommen, zeigt ein anderes Beispiel: An der Hochschule für Technik Rapperswil beziehen ProfessorInnen und Kaderleute, die Aufträge aus der Privatwirtschaft beschaffen, einen Bonus beziehungsweise eine Gewinnbeteiligung. Diese «Gewinnbeteiligung» kann bei Dozierenden bis zu 25 Prozent des Jahreslohns ausmachen, beim sogenannten Mittelbau gewisser Institute bis zu 8 Prozent. Die SP kritisierte diese Praxis bereits im Jahr 2010. Die damalige Regierung verteidigte die Boni. Sie liess dazu ein Gutachten erstellen – von der HSG. Das Gutachten lobte die bis heute geltende Praxis auf Kosten der SteuerzahlerInnen in den höchsten Tönen.

Die Linke im Kanton sieht die Skandale nicht bloss im Licht persönlichen Fehlverhaltens, sondern im System HSG. Eine Delegation der SP trifft sich am kommenden Montag mit der Universitätsleitung. Sie verlangt eine Neuausrichtung. Sie will die Forschung gestärkt sehen, bislang keine Stärke der Universität St. Gallen. Die SP fordert unter anderem wachstumskritische Forschungsschwerpunkte zum Klimawandel, zu alternativen Wirtschaftsmodellen und zu feministischer Ökonomie. Auch die von Instituten selbst beschafften Mittel und Einkünfte aus Nebenjobs der ProfessorInnen sollen der ganzen Universität zugutekommen und zur Querfinanzierung anderer Institute verwendet werden, die kaum Möglichkeiten haben, Aufträge aus der Wirtschaft zu beschaffen. SP-Parteipräsident Max Lemmenmeier sagt: «Wir wollen nicht personalisieren, uns geht es um eine Kurskorrektur, um eine Neuausrichtung der Universität St. Gallen.»

Rüge der Finanzaufsicht

Im Fokus des aktuellsten Skandals steht Rektor Thomas Bieger. Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) machte Mitte September publik, dass die Jungfraubahn Holding AG, als deren Verwaltungsratspräsident Bieger amtet, zwischen 2014 und 2016 ihre Aktienkurse systematisch manipuliert hatte. Unklar ist, welche Rolle Thomas Bieger spielte, ob er von der Aktienkursmanipulation wusste oder sie gar selber veranlasste.

Ebenfalls in der Kritik: Johannes Rüegg-Stürm, Professor an der HSG und Leiter des Instituts für Systemisches Management und Public Governance. Rüegg-Stürm war von 2011 bis März 2018 Verwaltungsratspräsident der Raiffeisenbank und damit bis 2016 der direkte Vorgesetzte von Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz. Auch in diesem Fall zeichnete die Finma im Juni nach, wie der Verwaltungsrat unter der Führung von Rüegg-Stürm über Jahre seine Aufsichtspflicht gegenüber Vincenz vernachlässigt hatte. Ironische Pointe: Rüegg-Stürm ist ausgewiesener Spezialist für gute Unternehmensführung. Die Universitätsleitung nehme die Vorwürfe zur Kenntnis, sagte Prorektorin Ulrike Landfester, man warte aber die Untersuchungsergebnisse ab. Rüegg-Stürm taucht unterdessen ab und holt nach, wofür er mit seinem Mandat bei Raiffeisen zu wenig Zeit hatte: Er trat kürzlich ein Forschungssemester an.

Wie das System wirkt

Welches System wirkt hier? Und was für ein Vorbild geben diese Professoren für ihre Studierenden ab? Die Fälle Bieger und Rüegg-Stürm verweisen beide auf die laxe Regulierung von Nebenaktivitäten an der HSG. ProfessorInnen können bei einer Vollzeitanstellung einen Tag in der Woche einer Nebentätigkeit nachgehen, werden aber trotzdem zu hundert Prozent entlöhnt. ProfessorInnen müssen nichts von diesem Nebenverdienst abgeben. Weshalb die Einkünfte dieser für die Lehre und Forschung offenbar wichtigen Nebenjobs in den privaten Schatullen von ProfessorInnen verschwinden und nicht direkt in die Forschung fliessen, darüber schweigt sich die Universitätsleitung aus. An anderen Universitäten kommen Nebeneinkünfte zumindest teilweise den Universitäten zugute. In Zürich beispielsweise sind ProfessorInnen verpflichtet, bei Einnahmen ab 50 000 Franken eine Abgabe von zehn Prozent zu zahlen. In Bern müssen ProfessorInnen für die Benutzung der Infrastruktur der Universität eine Entschädigung zahlen, die sich progressiv nach der Höhe der Einnahmen richtet.

Johannes Rüegg-Stürm erhielt 2017 für seine Fünfzig-Prozent-Anstellung bei Raiffeisen eine Vergütung von 548 300 Franken, das ist deutlich mehr als ein Professorengehalt. Thomas Bieger kam mit seinen beiden lukrativen Nebentätigkeiten auf knapp 200 000 Franken. Als Rektor verdient er zusätzlich rund 335 000 Franken im Jahr. Das Nebeneinander von wissenschaftlicher Forschung und Lehre und privatwirtschaftlichem Unternehmertum ist an der HSG keine Ausnahme, sondern ausdrücklich erwünscht.

Öffentliche Mittel gestrichen

Die personelle und institutionelle Nähe zur Privatwirtschaft hat aber auch strukturelle und politische Gründe. Die HSG hat, und darauf ist sie besonders stolz, einen Selbstfinanzierungsgrad von fünfzig Prozent. Die Abhängigkeit von Eigenmitteln ist historisch gewachsen, existenziell und politisch gewollt. Wollte man die HSG aus der ökonomischen Geiselhaft der Wirtschaft befreien und zur Hauptsache mit öffentlichen Mitteln finanzieren, würde das Jahre in Anspruch nehmen.

Seit 2005 ist der Beitrag der öffentlichen Hand pro StudentIn um 14,8 Prozent zurückgegangen. Doch nicht nur die Universität selber strebt nach mehr unternehmerischer Autonomie, auch der Kanton treibt die Privatisierung voran: 2015 senkte der Kantonsrat im Rahmen eines Sparpakets das Budget der Universität um jährlich 3,5 Millionen Franken. Die rechtsbürgerliche Mehrheit lobte die unternehmerischen Freiheiten, die dadurch gestärkt würden. Einzig SP und Grüne stimmten gegen die Budgetkürzungen.

Professor in U-Haft

Zumindest indirekt um Drittmittel geht es auch in den zwei weiteren Fällen. Die Universität selbst informierte im Juni über ein Verfahren wegen massiv überhöhter Spesenbezüge am Institut für Finanzwissenschaft, Finanzrecht und Law and Economics. Im Fokus stehe vor allem der dort wirkende Rechtsprofessor Peter Sester, fand die «Ostschweiz am Sonntag» heraus. Sester ist Spezialist für Family Offices, die Verwaltung von grossen Familienvermögen. Sein Lehrstuhl wird von der Lemann Foundation gesponsert, der Stiftung des brasilianisch-schweizerischen Brauereimilliardärs Jorge Lemann.

Im selben Monat erschütterte ein zweiter Fall die Glaubwürdigkeit der Hochschule. Audi-Chef Rupert Stadler, seit 2012 Honorarprofessor für Betriebswirtschaftslehre an der HSG, sitzt seit Mitte Juni in Untersuchungshaft. Audi gehört zu den privaten Sponsoren der HSG. Dem Unternehmenschef wird vorgeworfen, nach dem Abgasskandal von 2015 weiterhin manipulierte Dieselautos auf dem europäischen Markt verkauft zu haben, obwohl er von der Manipulation gewusst habe. Und erst kürzlich soll er versucht haben, einen Zeugen im Ermittlungsverfahren zu beeinflussen. Die Universität hat die Honorarprofessur bis zum Abschluss des Verfahrens sistiert. Diese Woche trennte sich Audi von Rupert Stadler.

Ein Fall für den Wirtschaftsethiker

Eigentlich wäre die ganze Angelegenheit ein Fall für Martin Kolmar, Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik an der HSG. Doch Kritik am System seiner Hochschule bekommt man von ihm nicht geliefert. «Ich empfinde die HSG als sehr pluralen Ort, wir sind kein Unternehmen, wo von oben herab delegiert wird. Wir sind ein Haufen von Solisten; wenn es gut kommt, gibt es Jazz.»

Zu den aktuellen Fällen möchte sich Kolmar nicht äussern. Die Stimmung sei sehr aufgeladen. Zudem gehe er davon aus, dass diese juristisch abgeklärt würden. «Es handelt sich nicht grundsätzlich um Skandale, sondern um ein System bei der Arbeit, um normale Prozesse. Falls etwas vorgefallen ist, werden die Leute zur Verantwortung gezogen.» Und dann sagt er noch, dass Grundlagenforschung bereits heute «leider sehr oft privat stattfindet, etwa durch Google oder Facebook». Die Gelder der öffentlichen Hand reichten nicht für Grundlagenforschung auf Augenhöhe mit der Privatwirtschaft. «Wir müssen das Spiel spielen, das uns von aussen vorgegeben wird. Ich würde mir die Uni und die Welt auch anders malen, aber sie sind nun mal, wie sie sind.»

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