Nr. 40/2018 vom 04.10.2018

In der Kläranlage der sozialen Medien

Man nennt sie Content Moderators, aber eigentlich filtern sie den Müll im Netz: Der Dokumentarfilm «The Cleaners» beleuchtet eindrücklich das Prekariat in den Löschfabriken von Facebook und Konsorten.

Von Florian Keller

Die Arbeit in den Löschfabriken Manilas ist ähnlich ausbeuterisch wie in den Sweatshops. Stills: Gebrüder Beetz Filmproduktion

«Delete.» «Ignore.» «Delete.» «Delete.» Und so weiter im Akkord, 25 000 Mal pro Tag. Dies ist das Soll, das sie zu erfüllen haben.

Löschen oder überspringen, so lautet ihr binäres Mantra am Arbeitsplatz, ihre Entscheidungen treffen sie mit Klicks im Sekundentakt. Sie, das sind die schlecht bezahlten Reinigungskräfte, die das World Wide Web rund um die Uhr von den Unmengen an Unrat säubern sollen, die pausenlos hochgeladen werden. Die Löschfabriken, in denen sie arbeiten, sind auf der ganzen Welt verstreut, oft aber in Schwellenländern wie den Philippinen, wo grosse Techkonzerne wie Google oder Facebook diese verdeckte Arbeit mit Vorliebe an externe Firmen auslagern.

Es sind sprichwörtliche Bullshit-Jobs hinter den Kulissen der sozialen Medien. Die US-Medienwissenschaftlerin Sarah T. Roberts hat diese unbekannte Arbeitswelt erforscht, nächstes Jahr wird dazu ihr Buch «Behind the Screen» erscheinen. Ihre Forschung hat auch die deutschen Regisseure Hans Block und Moritz Riesewieck auf den Plan gerufen, die in ihrem fesselnden Dokumentarfilm «The Cleaners» den Komplex der digitalen Müllkontrolle bis in alle seine politischen Verästelungen ausleuchten. Ihr Film werfe einen Blick in den «Maschinenraum» des Silicon Valley, sagte Riesewieck bei einem Podiumsgespräch am Zurich Film Festival (ZFF), aber das ist nicht ganz zutreffend – dieser Film steigt nicht in den Maschinenraum, sondern in die Kläranlage. Dorthin, wo Menschen sich für kargen Lohn vor dem Bildschirm dem Schlimmsten aussetzen, um unsere schönen neuen Plattformen «sauber» zu halten.

Auf der digitalen Müllhalde

«The Cleaners» reisst ein wahnsinnig komplexes Feld auf, ohne sich je darin zu verlieren. Es ist ein Film, der mit allen visuellen Kniffen eines weltumspannenden Netzthrillers operiert, dabei aber nie seine journalistische Hartnäckigkeit vergisst – und schon gar nicht die globalisierte Billigarbeit, von der er im Kern handelt. Dabei sind die eigentlichen Löschfabriken so gut abgeschirmt, dass man dort höchstens mit versteckter Kamera filmen könnte. Einige der Einblicke in «The Cleaners» sind deshalb nachgestellt: In Manila haben die beiden Regisseure in Originalbüros gedreht, als diese gerade leer standen; und die Benutzeroberfläche der Löschsoftware, die im Film zu sehen ist, haben sie nachbauen lassen.

Nicht gestellt sind die Szenen mit Menschen in Manila, die eine Müllhalde nach Brauchbarem durchforsten. Dazu erzählt eine junge Filipina von ihrem Studium. Sie habe immer fleissig gelernt, weil sie nicht als Abfallsammlerin habe enden wollen. So hat sie dann ein regelmässiges Einkommen als Content Moderator gefunden, so die offizielle Berufsbezeichnung. Das klingt technisch, nach trockenem Bürojob, aber mit dem ironischen Gegenschnitt macht der Film gleich klar: Trotz Studium ist die Frau jetzt irgendwie doch auf einer Müllhalde gelandet. Bloss dass sie den Abfall nicht sammelt, sondern filtert.

Und dass der Content, den sie moderiert, nicht von hier ist. Denn die Bilder und Videos, die in Löschfabriken wie der in Manila gesichtet werden, stammen grösstenteils, woher sonst: aus Europa und den USA. Und es gehört zum zynischen Kalkül der Techkonzerne des Silicon Valley, dass sie gerade im kolonialen Erbe von Ländern wie den Philippinen einen doppelten Standortvorteil sehen: weil die Löhne dort zwar viel tiefer, die Menschen aber auch mit westlichen Kulturen vertraut sind. Soll heissen, sie können leichter einschätzen, welche Inhalte die Bestimmungen verletzen und welche nicht. Ein weiterer Standortvorteil für Facebook und Konsorten: Es gibt hier kaum gewerkschaftliche Absicherung, auf die sich das Personal berufen könnte.

Wie eng dieser digitale Neokolonialismus mit der kolonialen Vorgeschichte verknüpft ist, zeigt der Film am Beispiel einer Filipina, die ihren Job als Cleanerin prima in ihr Selbstverständnis als gläubige Katholikin integriert hat. Mit ihrer Mission gegen den Schund im Netz, sagt sie, erbringe sie tagtäglich ihr persönliches Opfer: Sie opfert sich, um die sündhaften Bilder und Videos aus der Welt zu schaffen.

Seelische Schäden sieht man nicht

Diese Löschfabriken sind die Sweatshops der sozialen Medien: die Arbeit ähnlich ausbeuterisch, mit dem Unterschied, dass man vor dem Monitor keine körperlichen Schäden davonträgt. Die psychischen Schäden sieht man nicht. So klicken sich die Content Moderators in ihren Arbeitskabinen tagtäglich durch die Galerie von beanstandeten Posts, die sie oft bis in den Schlaf verfolgen. Und eignen sich dabei eine Expertise in Angelegenheiten an, von denen sie wohl lieber gar nie etwas hätten wissen wollen: Videos von Enthauptungen, Folterszenen, Penisbilder. Oder auch Fotos von toten Flüchtlingskindern, ertrunken im Mittelmeer. «Delete?» «Ignore?»

Der Film fragt so auch nach den politischen Implikationen, wenn gewisse Inhalte aufgrund von diffusen Richtlinien gelöscht werden und andere nicht. Die US-Künstlerin Illma Gore kommt kurz zu Wort, deren Facebook-Profil gesperrt wurde, weil sie mit ihrem satirischen Nacktporträt von Donald Trump vielleicht dessen Persönlichkeit verletzt hat. Oder auch der syrische Künstler Khaled Barakeh, der Reportagefotos von ertrunkenen Flüchtlingskindern auf Facebook stellte – wo sie wiederholt gelöscht wurden. Dann zeigt ein Cleaner in Manila auf das berühmte «Napalm Girl» des Fotografen Nick Ut und erklärt, warum er diese Ikone der Kriegsberichterstattung gemäss den internen Richtlinien löschen müsste: «Genitalien, im Zusammenhang mit Minderjährigen».

Gewalt ist okay, nackte Haut verboten? Uramerikanische Doppelmoral, man kennt das. Aber darüber hinaus, so zeigt «The Cleaners», haben die Entscheidungen der Content Moderators oft ganz handfeste politische Konsequenzen. So legt ein Journalist dar, wie der Hass auf die Rohingya in Myanmar nicht zuletzt über Facebook befeuert worden sei. Und ein syrischer Mitarbeiter einer NGO in London erklärt, wieso es so wichtig sei, Videos von terroristischen Gruppierungen oder auch von Militärschlägen zu sichern, bevor sie gelöscht werden. Denn: Was Facebook, um sich präventiv vor Klagen zu schützen, als terroristische Propaganda einstuft, ist oft gleichwohl Beweismittel, also von öffentlichem Interesse.

Wir privatisieren das Strafrecht

Hier stösst der Film mitten in den netzpolitischen Kern der Sache. Da geht es dann nicht mehr um prekäre Arbeitsbedingungen, sondern um die Frage, nach welchen Kriterien die Verbreitung von Inhalten im Netz je nach Territorium kontrolliert oder unterdrückt wird. Und wie das, ob beabsichtigt oder nicht, immer auch einer politischen Agenda dient. Also eine informelle Privatisierung dessen, was früher die Zensurbehörden regelten. Und nicht nur das, wie Bruno Baeriswyl, Datenschutzbeauftragter des Kantons Zürich, beim ZFF-Podium mit dem Regisseur sagte: «Wir privatisieren hier eigentlich das Strafrecht.» Statt dass wir Facebook etwa für strafbare Inhalte belangen, die auf seinen Plattformen verbreitet werden, schauen wir zu, wie der Konzern ein globales Prekariat anheuert, das diese Inhalte zum Verschwinden bringen soll.

Das heisst nicht, dass wir Facebook löschen sollten. Darin besteht ja letztlich das netzpolitische Plädoyer dieses Films: dass falsche Alternativen wie «Delete» oder «Ignore» nirgends hinführen.

«The Cleaners» läuft am Zurich Film Festival nochmals am Donnerstag, 4. Oktober 2018, 18.45 Uhr, im Filmpodium.

«High Life»

Die Eingeweide des Weltalls

Hat man so etwas schon einmal gesehen? Ein Astronaut werkelt an der Hülle eines Raumschiffs herum, bis ihn über die Gegensprechanlage seines Helms ein gellender Babyschrei zusammenfahren lässt. So sehr, dass ihm vor Schreck der Schraubenzieher entgleitet und ins Bodenlose fällt. Das kleine Mädchen im Innern des Schiffsbauchs will seinen Babysitter zurück. Was wie eine schrille Komödie klingt, ist «High Life», die verblüffende Science-Fiction-Fantasie von Claire Denis («Beau Travail»).

Mit ihrer Vision einer Selbstmordmission im All, auf der Häftlinge in abseitige Fortpflanzungsexperimente verwickelt werden, wirkt die über siebzigjährige Französin frischer und abgefahrener als jeder junge Filmschulfreak. Gleichwohl schien das Zurich Film Festival plötzlich Angst vor dem eigenen Mut zu bekommen: In der Einleitung der Moderatorin wurde der Film etwas verschämt als «harte Kost» tituliert. Dabei können bahnbrechende Zumutungen wie «High Life» diesem Hochglanzfestival nur guttun, dessen Filmprogramm oft wie eine etwas lieblos zusammengestückelte Nebensache daherkommt.

Claire Denis arbeitet wie immer mit handverlesenen DarstellerInnen. Diesmal verblüfft vor allen Robert Pattinson, der den letzten Überlebenden der Häftlingsgruppe mit einer Mischung aus Fürsorge und Brutalität gibt. Seine Gegenspielerin ist Juliette Binoche, ihre Wissenschaftlerin ist als irrlichternde Todes- und Fruchtbarkeitsgöttin verantwortlich für die Menschenexperimente. Weder vor gewaltsamer Insemination noch vor nächtlichem Samenraub schreckt sie zurück. Überhaupt scheint es, als würde hier das Aseptische des Raumschiffs mit viel Körperflüssigkeit und anderen menschlichen Abfällen organisch infiltriert. Dafür geizt das Drehbuch mit Worten. Wie Meteoriten sausen die spärlichen Dialogsätze durchs totenstille All. In entscheidenden Szenen vertraut die Regie auf die Körper – der Menschen, der Sterne und der Maschinen. Auf dem Spiel steht die Zivilisation, die irgendwie aufrechterhalten werden muss.

Draussen locken schwarze Löcher, die Denis plötzlich wie menschliche Eingeweide ausschauen lässt. Ab und zu flackern über das Bordsystem zufällig aufgefangene TV-Bilder von der Erde, die jahrelang unterwegs waren. Und wenn der Film das Raumschiff für eine rare Rückblende verlässt, erliegt man – mit den Eingeschlossenen – einer ganz physischen Sehnsucht nach ein paar Regentropfen auf der Haut oder einem Windstoss, der nicht aus einer klapprigen Klimaanlage bläst.

Das eigenartige Flair dieses Films hat vielleicht auch mit seiner Machart zu tun. Gedreht wurde er zum grössten Teil in einer Industriehalle bei Köln und soll gerade einmal zehn Millionen Franken gekostet haben. Trotz beschränkter Mittel katapultiert «High Life» uns in verwirrend neue Dimensionen – visuell, aber auch, was unser Menschenbild angeht. Man muss das gesehen haben. Das einzige Problem: Der Film hat bis jetzt keinen Schweizer Verleiher und kommt deshalb vorläufig bei uns nicht ins Kino.

Daniela Janser

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch