Nr. 41/2018 vom 11.10.2018

Ein gelindes Rauschen im Buchblätterwald

Den Krisenmeldungen aus dem Buchmarkt aus Deutschland und der Schweiz stehen moderate Erfolge und Überlebensstrategien gegenüber: Mittelgrosse Verlage werden von Grosskonzernen aufgekauft, kleine Verlage sichern ihr Überleben mit Crowdfunding.

Von Stefan Howald

25 Prozent. Ein Viertel. So viel hat der Schweizer Buchmarkt in den letzten zehn Jahren an Umsatz eingebüsst. Die meisten Verluste gingen auf das Konto des starken Frankens. Da achtzig Prozent der Bücher aus dem EU-Raum importiert werden, wirkte sich der Wechselkurs verheerend aus. Die Verbilligung der Bücher abgerechnet, ging der Umsatz um etwa sechs Prozent zurück – vergleichbar dem leichten Abwärtstrend in Deutschland und Österreich. Besonders betroffen waren die Buchhandlungen, von denen seit 2007 etwa hundert oder rund ein Fünftel geschlossen haben. Dagegen konnten die meisten Schweizer Verlage ihre – knappen – Margen halten.

Mitte Jahr leuchtete eine weitere Warnlampe rot auf: In Deutschland würden die BuchkäuferInnen wegsterben. Laut einer Studie des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels war deren Zahl 2017 erstmals unter die 30-Millionen-Marke getaucht. 2012 waren es noch knapp 37 Millionen gewesen. Die verbliebenen kauften dafür mehr und teurere Bücher, sodass der Umsatzrückgang im Rahmen blieb. Die Warnlampe konnte auf Gelb umgeschaltet werden.

Deutsche Buchverlage in Turbulenzen

Gegenüber den vielfältigen Zerstreuungsmedien fällt das Buch im Kampf um die Zeitökonomie der KonsumentInnen zweifellos zurück. In der Schweiz hat sich der Anteil der Buchkäufe an den Kulturausgaben der Bevölkerung in der letzten Dekade von 9,5 auf 5,3 Prozent praktisch halbiert. Andererseits erweist sich das handfeste, taktile Buch als überraschend resistent. Das E-Book dümpelt vor sich hin, in Deutschland wie in der Schweiz bleibt sein Anteil unter zehn Prozent. Einen Einbruch hat es bei Hörbüchern gegeben. Auf die Gefahr durch Onlinehändler reagierten die meisten Buchhandlungen und Verlage mit eigenen Onlinediensten. Amazon wächst weiterhin, hat aber nicht die ganz grosse Verwüstungsschneise gezogen; mittlerweile zeichnet sich eine Stabilisierung des E-Commerce ab.

Schweizer Umsatz nach ­Fachgebieten 2017 (grosse Ansicht der Grafik) Quelle: GfK Entertainment; Grafik: WOZ

Die deutschen Verlage können generell nicht klagen – dank Onlinediensten, Videos und neuen Tätigkeitsfeldern wie Seminarangeboten wachsen sie weiterhin. Nur der Geschäftsbereich Buch schwächelt. Da ist es hilfreich, wenn man einen grossen Konzern im Rücken hat.

In Deutschland thront über allen Random House, seinerseits in den Bertelsmann-Konzern inkorporiert. Random House umfasst 44 Verlage, darunter Heyne, Goldmann, Knaus, DVA und Luchterhand. Der S.-Fischer-Verlag, der umsatzstärkste seriöse Imprint, gehört ebenso wie Rowohlt zur Holtzbrinck-Mediengruppe. Dagegen ist der Suhrkamp-Verlag ein mittelständisches Unternehmen geblieben. 2008 verzeichnete er einen Umsatz von 45 Millionen Euro, der 2011 auf 30 Millionen einbrach – ein Verlust von einem Drittel. Seither hat er sich wieder auf 38 Millionen erholt. Nicht geholfen hat es, dass der Verlag jahrelang von Rechtsstreitigkeiten zwischen den grössten AnteilseignerInnen gebeutelt wurde. Generell aber zeigt sich daran, wie volatil das Verlagsgeschäft ist. Ein Renner kann ein ganzes Jahr herausschlagen.

Bei Rowohlt hat im September die Absetzung von Verlagsleiterin Barbara Laugwitz Wellen geworfen. Dagegen gab es internationale Proteste, angeführt von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Vom neuen Chef Florian Illies, bestsellernder Sachbuchautor und ehemaliger Leiter eines Auktionshauses, wird wohl mehr Marktgängigkeit erwartet.

Zunehmend umkämpft sind Subventionen. Dass ein so verdienstvoller Verlag wie Stroemfeld zumachen musste (siehe WOZ Nr. 37/2018), hat auch damit zu tun, dass sich andere Verlage ebenfalls auf akademische Ausgaben und die entsprechenden Fördermittel spezialisiert haben. Auf dem freien Auktionsmarkt für Übersetzungen ist die Konkurrenz um erfolgsträchtige Titel ebenfalls schärfer geworden. Hanser-Chef Jo Lendle hat in einem «Börsenblatt»-Interview eingeräumt, 2017 sei wegen einer Auktionsteilnahme «kurz das Tor zur Hölle offen gestanden» – er meinte das nicht nur kommerziell, sondern auch altmodisch moralisch.

Ausverkäufe und Abwerbungen

In der Schweiz haben sich die grossen Medienunternehmen aus der Buchproduktion zurückgezogen. Tamedia stiess den eigenen Werd-Verlag schon 2005 ab – die gegenwärtige Konzernleitung sieht für Printmedien generell keine Profitchance und kauft lieber Internetfirmen auf. Die NZZ-Gruppe hat Mitte Juni 2018 bekannt gegeben, dass ihr Verlag NZZ Libro als Lizenz an die Schwabe AG in Basel abgetreten wird. Schwabe, gemäss eigenen Angaben das älteste Druck- und Verlagshaus der Welt, wird seinerseits redimensioniert. Unter einem neuen deutschen Mehrheitsaktionär wird das Unternehmen aufgegliedert und teilweise nach Berlin verlagert. Die verlagseigene Buchhandlung Das Narrenschiff in Basel wurde bereits im Mai geschlossen.

Umsatzentwicklung im Sortimentsbuchhandel 2007–2017 (grosse Ansicht der Grafik) Quelle: GfK Entertainment; Grafik: WOZ

Diogenes, der mit Abstand grösste Schweizer Buchverlag, hat die Startauflagen selbst für Bestsellerautoren wie Martin Suter deutlich reduziert. Und er ist durch Abwerbungen gebeutelt worden. Vor ein paar Jahren gingen die Rechte am Thrillerautor Eric Ambler an Hoffmann und Campe. Diesen Sommer verlor man die Rechte am Longseller Georges Simenon. Mit dessen 220 Büchern hat das ehemalige Diogenes-Kadermitglied Daniel Kampa gleich einen neuen Verlag gegründet, der mit Fanfaren und grossen Porträts vorgestellt worden ist. Diogenes-Chef Philipp Keel hat seinen Unmut über die Abwerbung in einem Interview mit der «Zeit» nicht verhehlt. Umgekehrt hat er soeben Charles Lewinsky von Nagel & Kimche übernommen. Ausschlaggebender als das Geld waren wohl in diesem Fall persönliche Beziehungen. Nagel & Kimche wechselte auf Ende 2017 von Hanser zum MG Medien-Verlag in München; ein halbes Jahr später ist dann Verlagsleiter Dirk Vaihinger gegangen, der Lewinsky seit dem Bestseller «Melnitz» von 2006 betreut hatte.

Trotz allem: Grössere Verlagskrisen waren letzthin keine zu vermelden. Was permanente bedenkliche Nachrichten nicht verhindert. So drohen die Einkäufe durch Bibliotheken weiter einzubrechen, wenn die Uni Zürich ihre philiströse Politik verwirklicht, die Institutsbibliotheken zu einer einzigen Monsterbibliothek zusammenzuführen.

Erfolgreich unten durch

Wie also geht es dem Buchmarkt? «Ich habe gehört, dass er serbelt», sagt Hartmut Abendschein. «Gemeint ist wahrscheinlich das grosse Dispositiv aus optimiertem Vertrieb aka Buchhandel, gesonnenem Feuilleton und Inhalten, also Autorschaften. Es schliesst sich ein Jammern an über den Zustand der Literatur, des Lesens und der Bildung an sich. Aus der Randperspektive eines kleinen Verlags mit hauptsächlich experimentellen und konzeptuellen Inhalten ergibt sich ein anderes Bild. Die Literatur geht weiter, gelesen wird mehr denn je, aber nicht mehr nur Bücher. Über die Inhalte lässt sich natürlich streiten.» Abendschein hat vor zehn Jahren in Bern die Edition Taberna Kritika gegründet, mit vier kleinen, feinen Printtiteln im Taschenformat und vier digitalen Objekten pro Jahr, und das geht, mit Teilzeitarbeit, auf. Auch andere Kleine wuseln sich durch. Erprobte Überlebensmittel: die Genossenschaft mit viel Gratisarbeit, der Mitgliedsverlag mit Geldbürgen, der Einzelmäzen. Selbst Crowdfunding wird erprobt. NZZ Libro machte es 2016 vor, Dörlemann folgte später. Das ist punktuell sinnvoll, aber es höhlt die Funktion des Verlegens aus, die halt auch ein Risiko auf dem Publikumsmarkt umfasst.

Das neue Schweizer Fördermodell (vgl. «Durch Vielfalt entsteht Gutes») stösst dagegen überwiegend auf Zustimmung. Für Lucien Leitess vom Unionsverlag, Initiator des Modells, ist es wichtig, dass professionelles Schaffen unterstützt wird – was nicht gleichbedeutend mit kommerziell ist. Verlage, die sich Eitelkeitsprojekte von AutorInnen finanzieren lassen, sollen von der Förderung ausgeschlossen bleiben. Natürlich, die Summe könnte grösser sein: 1,7 Millionen Franken oder 2,9 Prozent des erwirtschafteten Branchenumsatzes sind nicht gerade üppig. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung, findet Heinz Scheidegger von der Edition 8 und Vorstandsmitglied der Vereinigung der unabhängigen Schweizer Verlage (Swips).

Ja, in den letzten Jahren sind sogar neue Buchhandlungen aufgegangen. Lesegruppen florieren weiterhin, und zuweilen entstehen gar zusätzliche Bibliotheken. Nein, das Buch ist nicht tot. Und eigentümlich hat es schon immer gerochen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch