Nr. 41/2018 vom 11.10.2018

Die friedliche Europakarte

Von Kaspar Surber

Ende Sommer standen sie zu zweit auf dem leeren Münchner Königsplatz und erzählten von ihrer Idee: Der Schweizer Schriftsteller Jonas Lüscher und der österreichische Philosoph Michael Zichy lancierten einen Aufruf gegen den Nationalismus und für ein geeintes, friedliches Europa (siehe WOZ Nr. 33/2018). Am 13. Oktober sollen verteilt über den ganzen Kontinent Demonstrationen mit fünf Millionen Menschen stattfinden. Die Idee ist auf Anklang gestossen. Auch wenn das hochgesteckte Ziel kaum erreicht werden dürfte, so sind diesen Samstag nun Kundgebungen in fünfzig europäischen Städten geplant: von Cagliari ganz im Süden bis nach Stockholm im Norden, von Lissabon im Westen bis ins polnische Zamosc im Osten.

«Im Moment treffen stündlich neue Ankündigungen ein», sagt ein zufriedener Lüscher Anfang dieser Woche. «Besonders viele Kundgebungen finden in jenen Ländern statt, wo die Not am grössten ist: in Polen, in Österreich oder in Italien.» Auch in der Schweiz wird demonstriert: Bisher bekannt sind je eine Kundgebung in Zürich und in Basel, weitere könnten folgen. Ein Ausflug ins benachbarte Ausland ist ebenfalls möglich, protestiert wird auch in Friedrichshafen und Bregenz. Besonders freut Lüscher: «Die unterschiedlichsten Leute arbeiten zusammen, ob sie ganz links stehen oder marktliberale Überzeugungen vertreten.»

Man kann an dem kurzen Aufruf kritisieren, dass er sehr offen formuliert ist. Doch zeigt der Zuspruch vielmehr, dass darin seine Stärke liegt. Lüscher und Zichy folgten dem einfachen Gedanken, dass die RechtspopulistInnen in allen Ländern zwar sehr laut sind. Die grosse Mehrheit unterstütze aber weiterhin die demokratischen und sozialen Errungenschaften, die nach dem Zweiten Weltkrieg erkämpft wurden. Allein die Europakarte mit den Demonstrationsorten, die sich auf der Website des Aufrufs findet, macht sichtbar: Die Utopie eines offenen Europa ist weiterhin möglich. Sofern es zwei mutig wagen, ein lautes Wort auszusprechen, und möglichst viele sich ihnen anschliessen.

Alle Infos zu den Demos vom 13. Oktober 2018: www.13-10.org. Basel: Claraplatz, 14 Uhr. Zürich: Bürkliplatz, 19 Uhr.

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