Nr. 41/2018 vom 11.10.2018

Fremde sind wir uns selbst

Annette Hug reist an eine Delegiertenversammlung der SVP

Von Annette Hug

Ich hätte es eigentlich wissen müssen: Mein «Kontra-Referat» war Teil eines Rituals. Die Delegierten der SVP Thurgau fassten in der Hörnlihalle von Oberwangen ihre Abstimmungsparolen, unter anderem zur «Selbstbestimmungsinitiative». Bei der Vorbereitung dachte ich, die einzige Chance, nicht mit allen Stimmen gegen null unterzugehen, seien die Frauen. Zwei Szenen aus dem Film «Die göttliche Ordnung» hatten mich in die Irre geführt: Da spricht die unerfahrene Befürworterin des Frauenstimmrechts zuerst in einem vollen Saal, scheu und unsicher, sie wird ausgebuht und lächerlich gemacht. Dann hat sie aber einen zweiten Auftritt. Bei der Beerdigung einer Mitkämpferin steht sie auf, widerspricht dem Pfarrer ruhig und bestimmt. Sie hält eine Rede, die mich im Kino vor Rührung weinen liess. Die Historikerin Joan Scott sieht in solchen Auftritten erotisch-politische Urszenen. Generationen von Feministinnen haben sich erträumt, vor vollem Saal der geballten Verachtung zu trotzen, gerettet vielleicht vom Blick einer einzigen Verbündeten im Saal.

In der Hörnlihalle sprach ich von der grotesken Situation, die in der Schweiz geherrscht hatte, bevor die Schweiz der Europäischen Menschenrechtskonvention beigetreten ist. Vor 1974 konnte die Mehrheit der Männer entscheiden, ob die Frauen überhaupt Rechte hatten. Dank des Menschenrechtsgerichtshofs in Strassburg ist es heute ausgeschlossen, dass man mit einem simplen Volksmehr grundlegende Freiheitsrechte verweigert oder abschafft. Das sagte ich vor den Delegierten, mit weniger Verve als erhofft, denn da waren fast keine Frauen, vielleicht 10 auf 120 Delegierte. Blickkontakt fand ich keinen, beim Reden fühlte ich mich so einsam wie beim Singen des Thurgauerlieds am Anfang der Versammlung, ein einzelner Sopran über einem Meer von Bässen.

In der Diskussion redete sich ein Delegierter, ein Schrank von einem Mann, in Rage und warf mir vor, dem Schweizer Volk zu misstrauen. Ich dachte: Jetzt gehts los. Die aufmunternden Gesten und freundlichen Gespräche am Wurststand waren wohl nur Geplänkel. Jetzt machen sie mich nieder. Aber nein. Nicht mal Szenenapplaus, auch der Wutausbruch schien zum Ritual zu gehören. Die meisten wollten endlich abstimmen. Richtig unheimlich war SVP-Nationalrätin Verena Herzog. Sie wollte mich gleichzeitig davon überzeugen, dass auf die Verfassung unbedingt Verlass sei und dass wir sie zum Glück jederzeit ändern könnten. Ihr «wir» kam mir nordkoreanisch vor: Das Volk spricht immer mit einer einzigen Stimme. In der Schweiz bestimme eben die Mehrheit die Gesetze, und wem die nicht passten, der müsse ja nicht hier leben, schob Frau Herzog nach, mit leiser, fast etwas brüchiger Stimme.

«Und wann werden Sie mich ausschaffen?», hätte ich fragen wollen, wenn mir nicht die Luft weggeblieben wäre. Dann doch lieber der Schrank von einem Mann. In seinem Wutanfall sprach er nicht mehr von Strassburg oder Brüssel, sondern von den «fremden Vögten in Lausanne». Da war es ausgesprochen: Es geht doch bei dieser Abstimmung gar nicht ums Ausland, sondern um die Gewaltenteilung. Das Bundesgericht soll zum Ausführungsgehilfen der politischen Mehrheit degradiert werden. Damit die obersten RichterInnen in der Schweiz die Menschenrechte schützen können, brauchen sie die Europäische Menschenrechtskonvention.

Annette Hug ist Autorin in Zürich. In der Hörnlihalle vertrat sie das Komitee Dringender Aufruf gegen die Antimenschenrechtsinitiative. Die Thurgauer SVP-Delegierten sprachen sich einstimmig für die Initiative aus.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch