Nr. 41/2018 vom 11.10.2018

Aufstehen für Mimmo

Domenico Lucano, Bürgermeister des kalabrischen Riace, steht unter Hausarrest, weil seine flüchtlingsfreundliche Politik der Regierung in Rom ein Dorn im Auge ist. Doch sein Dorf wehrt sich.

Von Michael Braun, Rom

«Riace non si arresta»: Bürgermeister Domenico «Mimmo» Lucano grüsst die Demo vor seinem Haus, die seine Freilassung fordert. Foto: Ivan Romano, Getty

Waren es nun 5000 Menschen oder gar 6000? Am Ende ist das einigermassen zweitrangig, denn eines ist gewiss: Seit Menschengedenken hat das kleine Nest Riace, tief unten in Kalabrien an Italiens Stiefelspitze, keine so grosse Demonstration gesehen wie am letzten Samstag.

«Riace non si arresta» – auf deutsch «Riace wird nicht verhaftet», aber auch «Riace lässt sich nicht aufhalten» – stand auf dem Transparent an der Spitze des Zuges, der sich erst zum Rathaus, dann zur Wohnung des Bürgermeisters bewegte. Denn darum ging es bei der Demonstration: um den Bürgermeister Domenico Lucano, der seit dem 2. Oktober unter Hausarrest steht, beschuldigt der Förderung der illegalen Einwanderung sowie des Amtsmissbrauchs bei der Vergabe des Auftrags für die kommunale Müllabfuhr.

Ein Bürgermeister, der Gesetze übertritt? In Süditalien wäre das nichts Ungewöhnliches. Korruption, Klientelwirtschaft, allzu grosse Nähe zur Mafia mussten und müssen sich GemeindepolitikerInnen in Sizilien, in Kampanien, in Kalabrien immer wieder vorwerfen lassen. Aber Domenico Lucano, im Dorf von allen nur «Mimmo» genannt, gehört nicht in diese Kategorie. Kaum wären sonst 5000 für ihn in Riace auf die Strasse gegangen: MigrantInnen, BürgerInnen der Stadt, aber auch Leute, die stundenlange Fahrten von Rom oder Neapel auf sich genommen hatten. Und kaum wäre Lucano beim nationalen Friedensmarsch im umbrischen Perugia, zu dem am vergangenen Sonntag etwa 100 000 Personen kamen, in Sprechchören immer wieder gefeiert worden.

Ansiedeln der Neuankömmlinge

Sie alle wollten nicht glauben, dass Lucano ein Verbrecher sein soll. Eine Scheinehe soll er eingefädelt haben, um einer Afrikanerin das Aufenthaltsrecht zu verschaffen, und ganz ohne Ausschreibung soll er zwei Kooperativen die Müllabfuhr im Dorf überantwortet haben. Doch Lucano selbst sieht sich nur eines Delikts schuldig, des «Verbrechens der Menschlichkeit».

Eines jedenfalls ist sicher – ohne Mimmo Lucano wäre sein Ort nicht der, der er heute ist: das «Modell Riace». Gerade einmal 2300 EinwohnerInnen leben hier, und dem alten Ortskern, ein paar Kilometer von der Küste entfernt auf einem Hügel, drohte das Schicksal vieler süditalienischer Dörfer, nämlich die völlige Entvölkerung. Die jungen Menschen zogen weg, nur die Alten blieben, ein Laden nach dem anderen schloss, auch die Schule musste zumachen.

Doch Lucano kehrte diesen Trend um. Alles begann im Jahr 1998, als er am Strand unterwegs war – und ein Schiff auf die Küste zukommen sah, an Bord etwa 200 kurdische Flüchtlinge. Lucano, von Beruf Chemielehrer, überlegte nicht lange. Bei sich zu Hause quartierte er mehrere der Flüchtlinge ein, FreundInnen taten es ihm gleich. In der Folge gründeten sie einen Verein, der sich der Flüchtlingshilfe verschrieb – auch mit dem Ziel, die Entvölkerung Riaces mit der Ansiedlung der Neuankömmlinge zu stoppen.

Bei den BürgerInnen beliebt

Die MitbürgerInnen überzeugte das; im Jahr 2004 wählten sie Lucano zu ihrem Bürgermeister, bestätigten ihn dann 2009 und 2014 im Amt, mit stetig wachsenden Prozentzahlen. Seitdem ist das Rathaus die Schaltstelle einer proaktiven Flüchtlingspolitik. Die vielen leer stehenden Häuser im Ort wurden wiederhergerichtet und dienen seitdem den MigrantInnen als Unterkünfte; Läden und Werkstätten – eine Töpferei, eine Glasmalerei, eine Webstube – machten auf. Ihr Personal: zur Hälfte MigrantInnen, zur Hälfte alteingesessene BürgerInnen aus Riace. Und die Müllabfuhr wurde umorganisiert. Zwei Männer aus Riace und zwei Flüchtlinge ziehen mit Eseln durch die engen Gassen, um den Abfall einzusammeln, sauber ökologisch getrennt.

Neben der Ansiedlung von nunmehr in Riace sesshaften MigrantInnen kümmerte sich Lucano auch um die Unterbringung von bis zu 400 Flüchtlingen, für die der Ort nur Zwischenstation ist. Immerhin siebzig Arbeitsplätze für Sozialarbeiterinnen, Betreuer, Sprachlehrerinnen entstanden so. Und Lucano bewies immer wieder Erfindergeist. Da das Innenministerium das Geld für die Flüchtlinge oft verspätet überwies, gab er den MigrantInnen Gutscheine, einzulösen in den örtlichen Geschäften, die den Zahlungsaufschub akzeptierten.

Doch das Innenministerium beobachtete sein Treiben seit Jahren voller Misstrauen, schickte immer wieder Inspekteure. Ihr Befund: Lucano ist ein grundehrlicher Mann. Die Staatsanwaltschaft von Locri allerdings sieht das anders. Sie wollte Lucano in gleich fünfzehn Punkten anklagen, auch wegen angeblicher finanzieller Unregelmässigkeiten. Davon wiederum wollte der Untersuchungsrichter nichts wissen, er verwarf dreizehn der fünfzehn Anklagepunkte – ordnete aber dennoch den Haftbefehl an. Darüber freute sich Italiens fremdenfeindlicher Innenminister Matteo Salvini diebisch; er twitterte, er sei gespannt, was jetzt wohl «die Gutmenschen sagen». Ihre Antwort war die Demonstration in Riace, und sie stehen nicht allein. Selbst die stramm rechte Tageszeitung «Libero» schrieb, die Anklage sei «dürftig».

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