Nr. 41/2018 vom 11.10.2018

Im Ozean der Zwischenkriegszeit

Gleich mehrere neue deutsche Filmproduktionen erzählen opulent vom Krieg und vor allem von der Zeit zwischen den Weltkriegen. Dabei droht die Geschichte hinter den Geschichten zu verschwinden.

Von Daniela Janser

«Zu Staub zu Asche, doch noch nicht jetzt»: Partystimmung im Vergnügungstempel Moka Efti von «Babylon Berlin». Still: ARD Degeto / X-Filme / Beta Film / Sky Deutschland / Frédéric Batier

Die Häufung ist augenfällig. Zwei aktuelle deutsche Serien beschäftigen sich gerade intensiv mit der Zwischenkriegszeit. Die europäische Produktion «Krieg der Träume» spannt den Bogen weit, von 1918 bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1939, und führt im Schlepptau auch noch Ausstellungen, ein Hörspiel, ein Theaterstück und ein Buch mit sich. «Babylon Berlin», mit vierzig Millionen Euro Budget die teuerste deutsche TV-Serie, die je gedreht wurde, spielt im tumultuösen Jahr 1929, dem auch in «Krieg der Träume» eine Episode gewidmet ist. Mit einem ebenfalls stattlichen Budget von geschätzten zwanzig Millionen Euro trumpft wiederum Florian Henckel von Donnersmarck auf. Sein neuer Kinofilm «Werk ohne Autor», man muss das hier gleich vorwegnehmen, gipfelt in einer pompösen Nivellierung der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, wie man sie noch nicht gesehen hat.

Braune Horden aus dem Nichts

All diese filmischen Auseinandersetzungen mit den Kriegs- und Zwischenkriegsjahren fallen in eine Zeit, in der gern vage angedeutet wird, es gebe durchaus Parallelen zwischen damals und heute. In eine Zeit auch, in der die noch lebenden ZeitzeugInnen der genannten Epoche immer weniger werden, was einen prekären Moment in der Gedächtnisübergabe darstellt (siehe WOZ Nr. 14/2017).

Den aufwendig produzierten und vermarkteten Werken kommt also eine Verantwortung zu, gerade weil sie für ein Millionenpublikum konzipiert sind. Sie liefern eingängige Ansichten und Geschichten, die das Bild der Epoche in den Köpfen der Leute fortan mitprägen werden. Unterhalten, aber explizit auch aufklären will «Krieg der Träume», ein von Arte und der ARD ausgestrahltes und von der deutschen Firma Looksfilm produziertes «Dokudrama». Erzählt werden fiktional erweiterte reale Biografien – darunter auffallend viele weibliche –, die mithilfe von Fotografien, Briefauszügen und Tagebüchern rekonstruiert und dann szenisch aufbereitet wurden.

Aufschlussreich, auch für die Gegenwart, ist das Schlaglicht auf die Verhandlungen von Versailles 1919. Weitverbreitete Grossmachtfantasien treffen auf die Wut der Vertreter der Kolonien, die mehr Rechte einfordern, aber von den Verhandlungstischen gewaltsam ferngehalten werden. Das spätere «Überlaufen» des italienischen Versailles-Unterhändlers und Industriellen Silvio Crespi zu den Schwarzhemden Mussolinis gibt weiteren Stoff zum Nachdenken.

Allerdings funktioniert die gewählte Erzählform mit jeder weiteren Episode immer schlechter. Angekommen in den dreissiger Jahren, reibt man sich erstaunt die Augen, weil nun plötzlich die Nazis in Massen durch die deutschen Strassen marschieren. Die in «Krieg der Träume» reihenweise porträtierten Anarchistinnen, Kommunisten und Sozialrevolutionärinnen haben uns schlecht auf diese Entwicklung vorbereitet.

Die braunen Horden scheinen aus dem Nichts zu kommen. Tatsächlich ist unter den porträtierten Hauptpersonen gerade mal ein Nazi, der spätere Auschwitz-Kommandant Rudolf Höss. Jüdische Personen kommen überhaupt nur in Nebenrollen vor. Ohne ihre Perspektiven lässt sich aber die relevante Geschichte dieser Jahre kaum erzählen. «Krieg der Träume» mag in den biografischen Details sauber recherchiert und auch überraschend sein. Doch das Personenpanorama zersplittert zunehmend in einzelne Momentaufnahmen, die verschleiern, wie sich die Geschichte hinter all den Geschichten entwickelt hat.

Aufgeputschte Erschöpfte

Auf den ersten Blick einfacher hat es da das von der ARD und dem Bezahlsender Sky produzierte Spektakel «Babylon Berlin» – nach einer Krimivorlage von Volker Kutscher und einem Drehbuch von Tom Tykwer, der auch Regie führte. Man konzentriert sich auf ein einzelnes Jahr, 1929, mit ein paar Abstechern in die Vergangenheit. Statt von der unübersichtlichen Weltgeschichte wird die fiktionale Handlung vor allem von klassischen Erzählmotoren wie Korruption, Verbrechensaufklärung und persönlichen Familiengeschichten vorangetrieben.

Das Leiden des Hauptermittlers Gereon Rath, der als sogenannter Kriegszitterer aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs zurückkehrte und deswegen morphiumabhängig ist, wird psychoanalytisch fundiert dargelegt. Dagegen sind die Sepiatönung der Bilder, das Lokalkolorit – etwa das penetrante Berlinern – und die ständig in den Vordergrund drängende Hintergrundmusik etwas dick aufgetragen. Ansonsten herrscht hier ein buntes und spannungsreiches Durcheinander aus zum Teil zerstrittenen kommunistischen Fraktionen, einem Frachtzug aus Russland, der sowohl eine geheime Goldladung als auch Giftgas transportiert, und einer aus dem Figurenensemble herausragenden jungen Berlinerin, die sich nonchalant und mit schier übermenschlicher Kraft einen Weg in die Mordkommission der Berliner Polizei bahnt, wo Frauen natürlich nicht vorgesehen sind.

Man kann an «Babylon Berlin» die hingebungsvoll aufbereiteten Kulissen und Epochenklischees kritisieren: wenn sich etwa im Vergnügungstempel Moka Efti die aufgeputschten Erschöpften Nacht für Nacht von Existenznöten und Zukunftsangst freitanzen und eine androgyne Schönheit die Massen in Ekstase singt: «Ozean der Zeit, (…) zu Staub zu Asche, doch noch nicht jetzt.» Das sind Szenen, die wohl auch einen direkten Bogen in die Gegenwart schlagen sollen.

In den bis jetzt gezeigten sechzehn Folgen verdichtet sich die unheimliche Stimmung eines verzweifelt-fiebrigen Tanzes am Abgrund. Auch ein mögliches gewaltsames Kippen dieser Stimmung liegt bereits vage in der Luft und in einigen Figuren. Deutlich wird die Serie dann, wenn in Missachtung der Versailler Verträge heimlich eine neue Reichswehr aufgebaut wird; wenn die Männer schon wieder Krieg spielen und den mahnenden Vortrag über die Traumatisierten des Ersten Weltkriegs niederschreien: Im Gegensatz zum gärenden Nationalsozialismus wird der Militarismus ausgiebig thematisiert.

Und wie schon bei «Krieg der Träume» gibt es auch in der zweiten Staffel von «Babylon Berlin» eine Tendenz, KommunistInnen und Nazis – nicht nur, aber auch – als zwei Seiten derselben Medaille zu zeigen: beides Radikale und Systemfeinde halt. Das ist eine Vereinfachung, die bei «Krieg der Träume» auf Geschichtsklitterung hinausläuft. Zumal dort sogar der Eindruck entstehen kann, der Nationalsozialismus sei ein Ableger des Kommunismus.

Dubioser Biopic

Auch Florian Henckel von Donnersmarck («Das Leben der Anderen») gibt sich in seinem «Werk ohne Autor» kaum Mühe, Unterschiede herauszuarbeiten, etwa zwischen der Kunstauffassung des Nationalsozialismus und derjenigen der DDR. Sein schlichtes Fazit: Beide Ideologien führten das arbeitende Volk gegen die moderne Kunst ins Feld. Nur ist das Fehlen solcher Differenzierungen noch das kleinste Problem dieses unautorisierten und dubiosen Biopics über den deutschen Maler Gerhard Richter.

Hanebüchen ist vieles an diesem im Jahr 1937 einsetzenden Dreistünder, der schon vor seiner Kinopremiere am Tag der Deutschen Einheit zum deutschen Oscar-Kandidaten gekürt wurde. Da ist die Behauptung, Kunst komme von Wahn und Weltformeln und Kunstwerke hätten stets eine biografische Grundierung. Doch der eigentliche Skandal liegt in einer pathetischen Parallelmontage, in der Donnersmarck die Vergasung von «unwertem Leben», den Tod zweier Wehrmachtsoldaten und das Sterben im Bombenhagel der Alliierten gleichgestellt aneinanderreiht, ästhetisch sublimiert, und auf der Tonspur mit Händels «Dixit Dominus» auch noch als quasi gottgegeben einrahmt.

Dass in dieser Vergangenheitsüberwältigung jeder notwendige Unterschied im Sterben von Tätern und Opfern mit filmischem Grössenwahn einfach ausgelöscht wird, ist ein beunruhigendes Signal für eine Zeit, in der ein rechter Mob in den Strassen und im Netz bereits wieder offen das Vergasen von Flüchtlingen fordert. Ein kleiner Lichtblick ist es da, dass die mediale Kontrolle noch weitgehend funktioniert und fast alle FilmkritikerInnen die Szene scharf verurteilen. Man kann nur hoffen, dass dem Machwerk nun auch an der Kinokasse eine klare Abfuhr erteilt wird.

Die achtteilige Dokumentation «Krieg der Träume» und die ersten beiden Staffeln von «Babylon Berlin» sind als DVD erhältlich. «Werk ohne Autor» läuft zurzeit im Kino.

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