Nr. 41/2018 vom 11.10.2018

Wie erinnert man an einen Rassisten?

Der Entscheid der Neuenburger Stadtregierung, den Agassiz-Platz in Tilo-Frey-Platz umzubenennen, hat in der Romandie eine Kontroverse ausgelöst.

Von Caroline Baur

Die Neuenburger FDP-Politikerin Tilo Frey war Tochter einer Kamerunerin und eines Schweizers. Sie wurde 1971 in den Nationalrat gewählt. Foto: Keystone

Rund achtzig Orte auf der Erde sind nach ihm benannt, auch ein Kap auf dem Mond, ein Krater auf dem Mars: Für den Westschweizer Naturforscher Louis Agassiz (1807–1873) besteht keine Gefahr, aus dem kollektiven Geschichtsbewusstsein zu verschwinden. Ein Ort weniger soll es ab Januar 2019 sein, wenn in Neuenburg der Louis-Agassiz-Platz in «Espace Tilo Frey» umgetauft wird (siehe WOZ Nr. 37/2018). Die öffentliche Präsenz Agassiz’ wird jedoch momentan nicht wie bisher schweigend hingenommen, sondern aktiv verteidigt.

Das ist fragwürdig, ist doch mittlerweile anerkannt, dass Agassiz ein Rassist war, und zwar nicht nur im stillen Kämmerlein. Er versuchte, die Minderwertigkeit von Nichtweissen zu beweisen, politisierte für das, was später Apartheid genannt wurde, und wollte mittels Fortpflanzungsgesetzen die Vermischung von «Rassen» verhindern. Auf Agassiz’ Aufsätze bezogen sich später Vertreter des Ku-Klux-Klans, Rassenhygieniker und Kreationisten. Seine Schriften waren Wegbereiter für Nazi- und Apartheidsideologie.

Bemerkenswerterweise nannte das Neuenburger Stadtregierungsmitglied Thomas Facchinetti (SP) den Entscheid der Regierung ein Zeichen gegen weltweit grassierenden Rassismus, zivile AkteurInnen sollten gestärkt werden. Die Umbenennung geht über die Forderung der links-grünen Fraktion POP-Verts-Sol im Stadtparlament hinaus, die lediglich eine Tafel für den Platz gewünscht hatte, um die rassistischen Werte Agassiz’ sichtbar zu machen. Fast zeitgleich kam die Anfrage der FDP, einen öffentlichen Ort nach Tilo Frey, der ersten nichtweissen Nationalrätin, zu benennen – die Stadtregierung glaubte, mit der Umbenennung eine elegante Lösung für beide Anliegen gefunden zu haben.

Kritik gabs schon zur Zeit Agassiz’

Stattdessen rief sie in der Romandie Kritiker auf den Plan, die darin ein Übermass an Political Correctness, eine Beleidigung der Wissenschaften bis hin zu Geschichtsrevision witterten. Gegenwind kommt auch von den Grünliberalen, die die «voreilige» Entscheidung rückgängig machen wollen. Sie werfen der Stadtregierung vor, eine unnötige Kontroverse ausgelöst zu haben, die der Stadt schade. Zukünftige Umbenennungen von Orten sollten parlamentarisch entschieden werden.

Mehrfach zitiert wurden auch fünf aufgebrachte ehemalige Rektoren der Universität Neuenburg. Sie kritisieren den Entscheid mit dem Argument, Agassiz sei ein Mann seiner Zeit gewesen, und danach sei auch seine Moral zu bewerten. Die gesellschaftliche Moral verändere sich stets, meint einer der Rektoren, der ehemalige FDP-Nationalrat Rémy Scheurer, der gegenüber der WOZ die Meinung vertritt, dem Platz sei der Name Agassiz in dessen Funktion als Wissenschaftler verliehen worden: «Ihn als Forscher zu verurteilen, weil er ein Rassist war, wäre falsch.»

Für den Agassiz-Spezialisten Hans Barth sind diese Argumente absurd. «Die Werte, mit denen der Rassismus des Louis Agassiz beurteilt wird, stammen aus seiner eigenen Zeit.» Alexander von Humboldt, ein Mentor von Agassiz, oder auch sein Professor Friedrich Tiedemann verurteilten rassistisches Gedankengut eindeutig. Lange vor Agassiz’ Geburt war die Sklaverei auf europäischem Boden durch die Französische Revolution abgeschafft und als Unrecht angesehen worden. Ausserdem habe Agassiz seine rassistische Haltung nicht neben seiner Wissenschaft, sondern als solche verbreitet. Er versuchte, sie mit Forschungen zu begründen, vertrat zeitlebens den Polygenismus: Gott habe verschiedene «Rassen» getrennt voneinander in je eigenen biologischen Provinzen geschaffen. Vermischungen zwischen den «Rassen» waren im Weltbild von Agassiz nie vorgesehen. Seine WissenschaftskollegInnen distanzierten sich schon seinerzeit von ihm.

Was der Streit um den Gipfel soll

Hans Barth, der gemeinsam mit Historiker Hans Fässler seit über zehn Jahren in der Kampagne «Démonter Louis Agassiz» engagiert ist, beurteilt Geschichtsschreibung und Erinnerung als Erinnerungspolitik: Wichtig sei, dass gesellschaftlich verhandelt werde, an wen in welcher Weise erinnert wird. Noch immer steht die Forderung aus, einen fast 4000 Meter hohen Gipfel zwischen Berner Oberland und Wallis von Agassizhorn in Rentyhorn umzutaufen. Die Forderung ist kein Selbstzweck: Das Komitee nutzt sie dazu, Debatten anzustossen: Wie waren SchweizerInnen in die Kolonialgeschichte verwickelt? Was trugen sie zu Rassentheorien bei?

Sowohl der Name Renty wie auch der designierte Name des Platzes Tilo Frey löschen oder revidieren die Geschichte keineswegs, sondern stellen einen Kontext zu Agassiz her: Renty war der Name eines Sklaven, der von Agassiz für seine rassentheoretische Forschung untersucht wurde, während es «Mischlinge» wie die freisinnige Nationalrätin Tilo Frey gemäss Agassiz gar nicht hätte geben sollen.

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