Nr. 41/2018 vom 11.10.2018

Auf dem Vulkan lauert die Kindheit

Von Ulrike Baureithel

Henning ist ein Bemühter. Einer jener neuen Männer, die das Emanzipationsbestreben ihrer Frauen ernst nehmen. Er will ein guter Vater sein und irgendwie auch noch beruflich etwas hinkriegen, auch wenn Theresa mehr Geld nach Hause bringt. Er bewegt sich auf der «schmalen Schneise zwischen Beruf und Familie», guter moderner Durchschnitt.

Wir begegnen ihm an einem Neujahrsmorgen, als er auf der Ferieninsel Lanzarote mit dem Velo den steilen Aufstieg zum Atalaya-Vulkan bezwingt, ohne Proviant und Wasser. Während er den Fels hochhechelt, rollt sein Leben vor ihm ab, sein «wachsendes Schuldenkonto» und das bedrückende Gefühl, nie wirklich einer Sache gerecht zu werden. Schon länger wird er von Panikzuständen heimgesucht, die ihm die Luft abdrücken und den Schweiss austreiben lassen.

Juli Zeh hat in diesem schmalen Roman wieder einmal eine menschliche Versuchsanordnung unternommen, die auslotet, warum wir geworden sind, wie wir sind. Er dreht sich um die Frage, «ob die Wirklichkeit mehr ist als die Summe der Geschichten, die sich die Menschen andauernd erzählen», und ob unser Lebensweg nicht bereits in der Kindheit angelegt wird.

Der erste Teil wirkt ein bisschen wie Hennings verbissener Tritt in die Pedale, doch dann entwickelt dieser zwischen alltäglicher Niederung und wahnwitzigem Grusel, Realismus und Phantasma changierende Roman einen mitreissenden Furor.

Auf dem Gipfel angekommen, der Ohnmacht nahe, erkennt Henning nämlich in dem einsam stehenden Haus eine Stätte seiner Kindheit. Die Erinnerungen an einen früheren Ferienaufenthalt, damals noch mit seinen Eltern und der jüngeren Schwester Luna, überwältigen ihn. Und dann beginnt ein atemloser, kaum erträglicher Absturz aus der Perspektive eines kleinen Jungen, der mutig seine Schwester beschützen will und doch so schrecklich hilflos ist. Die lange verdrängte Geschichte weist die Spur zu Hennings Traumatisierung und zu seiner unablässigen Angst, zu versagen.

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