Nr. 41/2018 vom 11.10.2018

Krasser als Kaviar

Von Franziska Meister

Das mit den Insekten ist so eine Sache – alle fordern sie zurzeit unsere Sympathie ein: «Rette mich, ich bin am Aussterben!», ruft die eine, «Friss mich, ich bin die nachhaltigste Proteinquelle!», lockt die andere. Dabei sollten sie doch eigentlich wissen, dass wir Menschen sie entweder als lästig oder als eklig empfinden, oft sogar beides zugleich. Und doch: Müssen wir im Namen von Biodiversität, Nachhaltigkeit und angesichts des Klimawandels nicht endlich eine Lanze für die wirbellosen Biester brechen?

VerhaltensforscherInnen an der Uni Bern haben einen Weg entdeckt, wie das gelingen könnte. Und das ganz ohne moralische Appelle und schlechtes Gewissen. In Bern wird nicht damit lobbyiert, dass Insekten weniger Futter, weniger Wasser und weniger Land verbrauchen als herkömmliche tierische Eiweisslieferanten und darüber hinaus auch weniger rumfurzen und -rülpsen (CO2!). Nein, in Bern wird über das Portemonnaie argumentiert. In einer Serie von konsumpsychologischen Experimenten hat das Team von Sebastian Berger herausgefunden, dass Insektenburger und Co. umso positiver bewertet werden, je teurer sie sind. Mehr noch: Wird der Insektenburger über den Preis zum Luxusprodukt, steigt offenbar das Interesse an weiteren insektenbasierten Lebensmitteln. Ja, die ProbandInnen reagierten geradezu allergisch auf Subventionen und andere Preisreduktionen, setzten diese in ihrem Urteil doch die Qualität des Insektenburgers herab. «Hochpreisige Produkte könnten also dazu beitragen, die Einstellung von Konsumentinnen und Konsumenten zum Insektenverzehr zu ändern und eine nachhaltige Lebensmittelproduktion sowie gesündere Ernährung zu erreichen», folgert Berger. Schliesslich ässen viele Personen ja auch gerne Hummer und Krebse – trotz deren «insektenartigen Aussehens».

Zumindest jene, deren Portemonnaie dick genug ist. Und wir stellen einmal mehr fest, dass Bertolt Brecht richtig lag: Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

Was in Bern noch nicht angekommen ist: Gegen das Insektensterben würde ein ganz simples Patentrezept helfen – Glyphosat verbieten.

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