Nr. 41/2018 vom 11.10.2018

Nietzsche, der erste Troll

Wie konnten Social-Media-Plattformen zum perfekten Werkzeug für rechte Hetze werden? Die US-Journalistin Angela Nagle taucht tief ein in unheimliche Onlinesubkulturen. Was sie findet, sollte Linken zu denken geben.

Von Bettina Dyttrich

Angela Nagle fordert eine linke Politik, in der es um Ideen statt um Identität geht – um einen Wettstreit der Argumente statt darum, wer das grösste Opfer ist. Foto: Brian Teeling

Es ist erst ein paar Jahre her, da schwärmten viele Linke von Social Media: Facebook und andere Plattformen schienen perfekte Vernetzungswerkzeuge für Mobilisierungen von unten. Der Arabische Frühling, Occupy Wall Street, die Indignados in Spanien schienen ihnen recht zu geben. Die «linken Cyber-Utopisten» hätten geglaubt, «die Empörung habe sich vernetzt, die etablierten alten Medien könnten die Politik nicht weiter kontrollieren und der neue öffentliche Raum würde zukünftig auf führerlosen, nutzergenerierten sozialen Medien beruhen», schreibt die US-Journalistin Angela Nagle. «Dieses Netzwerk ist tatsächlich gekommen, doch es hat nicht der Linken, sondern der Rechten zur Macht verholfen.» Nagles viel beachtetes, im Frühling 2017 publiziertes Buch «Kill All Normies» ist nun auf Deutsch erschienen.

Katholisch, rassistisch, schwul

Spätestens nach der Wahl von Donald Trump rieben sich die «Cyber-Utopisten» die Augen: Wie konnte es so weit kommen? Nagle war nicht überrascht: Schon länger hatte sie die «seltsamen, ironiegetränkten Internet-Subkulturen» beobachtet, die im entscheidenden Moment zu einem Nährboden für die Rechte wurden – für eine Rechte allerdings, die kaum wiederzuerkennen ist. Denn sie hat nichts mehr mit den traditionellen Konservativen zu tun, die auf Familie, Kirche und rigide Sexualmoral setzten. Die neue Onlinerechte bringt Figuren wie den (inzwischen wegen seiner Verteidigung von Pädophilie verpönten) «Breitbart»-Redaktor Milo Yiannopoulos hervor, der kombiniert, was lange undenkbar war: katholisch, rassistisch, schwul.

Diese Rechte bewegt sich auf Plattformen wie «4chan», auf denen «bizarre Pornografie, Insider-Witze, nerdiger Jargon, blutrünstige Bilder, (selbst)mörderische oder inzestuöse Gedanken, Rassismus und Frauenfeindlichkeit» geteilt werden. Alles wird ironisiert: «Wissen die (…) Beteiligten überhaupt noch, was sie antreibt und ob sie es selbst ernst meinen oder nicht?» Diese «Online-Armee aus ironischen, in Insider-Witzen sprechenden Trollen» hatte lange keine klare politische Agenda – vielleicht ist sie gerade deshalb die ideale Verstärkung für die intellektuellen Trump-UnterstützerInnen der Alt-Right.

Die neue rechte Bewegung benutzt Codes, die man bisher mit den Gegenkulturen nach 1968 in Verbindung brachte: eine «Kultur des Nonkonformismus, der Selbstdarstellung, der Transgression und der Respektlosigkeit als Selbstzweck». Eine Tradition, die allerdings nie wirklich links oder emanzipatorisch war, wie Nagle zeigt: Sie führt zurück zu nihilistischen Kunstströmungen und Friedrich Nietzsche – zu einer elitären, frauen- und menschenverachtenden Tradition. Trollen, das brutale Belästigen von anderen, manchmal zufällig ausgewählten InternetnutzerInnen, sei «Internet-Eugenik», zitiert Nagle den Nazihacker «weev», der offen davon träumt, zwei Drittel der Menschheit umzubringen. Wenn sich FaschistInnen als avantgardistisch und gegenkulturell geben, hat es keinen Sinn mehr, linke Politik als subkulturelles Projekt zu inszenieren, so Nagles bedenkenswerte Botschaft.

Politik durch Neurosen ersetzt

Die Journalistin geht allerdings noch weiter: Die Linke sei mitschuldig an dieser Entwicklung. Im Fokus hat sie die linke Identitätspolitik im Netz, «diese antiintellektuelle, gegen freie Rede und freies Denken gerichtete Online-Bewegung, die Politik durch Neurosen ersetzt hat». Nagle bringt Beispiele, die zeigen, dass im Onlinekulturkampf tatsächlich auch manchen Linken die Sicherungen durchgebrannt sind: Nachdem ein Alligator in Florida ein Kind gefressen hat, wird dessen Vater beschimpft, weil er weiss ist. Nach dem Massaker in einem Schwulenclub in Orlando zerfetzen sich UserInnen über den Gebrauch von politisch korrekten Endungen. Und als der Suizid des britischen Publizisten Mark Fisher bekannt wird, der ähnliche Kritik äusserte wie Nagle, hagelt es schadenfreudige Posts von links.

Nagle fordert eine linke Politik, in der es um Ideen statt um Identität geht – um einen Wettstreit der Argumente statt darum, wer das grösste Opfer ist. Damit trifft sie einen Punkt. Allerdings war auch in den «grossen linken Bewegungen» der sechziger Jahre, die sie zurückwünscht, Identität ein Thema: sei es von Frauen, Schwarzen, Lesben oder Schwulen. Damals wie heute ist die grosse Kunst der Bewegungspolitik, Bündnisse zu schmieden, statt sich in immer kleineren Gruppen zu zerfleischen. Die feministische Mobilisierung der letzten zwei Jahre – nicht nur in den USA – lässt diesbezüglich hoffen.

Inzwischen geht der Onlinewahnsinn weiter. In den USA etwa mit dem Hype um «Q», einen angeblichen Insider der Trump-Regierung, der einen Aufstand gegen den verbrecherischen, Trump-feindlichen «Deep State» ankündigt. Die Verschwörungstheorie zeigt: Die rechten Nerds sind nicht immer ironisch. Sie haben auch eine grosse Sehnsucht nach Erlösung. Kein Wunder – bei all den quasireligiösen Fantasygeschichten in ihren Games.

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