Nr. 41/2018 vom 11.10.2018

Antifeministische Internationale

Die Debatte um den US-amerikanischen Richter Brett Kavanaugh zeigt, wie die Neue Rechte mit aggressivem Sexismus Politik macht. Die Frauenfeinde sind aber nicht nur dort, sondern weltweit auf dem Vormarsch.

Von Merièm Strupler

«Wir widersprechen»: Protest am Tag vier der Kavanaugh-Anhörung vor dem US-Senat. Foto: Sarah Silbiger, Getty

Er ist das neue Gesicht des internationalen Autoritarismus: Jair Bolsonaro ging in Brasilien am Sonntag als deutlicher Gewinner aus der ersten Wahlrunde hervor. Mit 46,7 Prozent schrammte der rechtsextreme Präsidentschaftskandidat nur knapp an der 50-Prozent-Marke vorbei, die ihm den am 28. Oktober anstehenden zweiten Wahlgang erspart und ihn direkt ins höchste Amt gehievt hätte.

Die Wahl in Brasilien gilt als wichtigste seit dem Ende der Militärdiktatur 1985. Ebendiese wünscht sich Bolsonaro zurück. Die Diktatur hat ihm zufolge nämlich lediglich einen Fehler begangen: «Sie folterte nur und tötete nicht.» Von seinen GegnerInnen wird er der «Pinochet des 21. Jahrhunderts» oder auch «Hitlerzinho tropical» genannt – das «tropische Hitlerchen». Bolsonaro ist faschistisch, rassistisch und homophob. Und er ist misogyn: Er verachtet Frauen. Einmal bedrohte er vor laufender Kamera eine linke Abgeordnete: «Du verdienst es nicht, von mir vergewaltigt zu werden.» Über seine fünf Kinder sagt er: «Es waren vier Söhne, beim fünften Kind habe ich geschwächelt, und es kam ein Mädchen.»

Ein derart aggressiver Antifeminismus ist keineswegs ein auf Brasilien beschränktes Phänomen. Vielmehr ist «männlicher Zorn», wie der Journalist Gideon Rachman kürzlich in der «Financial Times» schrieb, weltweit eine wichtige Erklärung für den Aufstieg des Rechtspopulismus – und zwar eine, die bislang zu wenig beachtet wurde. Traditionelle Geschlechterrollen, so Rachman, würden infrage gestellt, weswegen viele Männer einen Verlust von Macht und Status fürchteten: «Diese Angst wird sichtbar im misogynen Ton der populistischen Bewegungen in den USA, in Brasilien, auf den Philippinen, in Italien und anderswo.»

Die Causa Kavanaugh

In den USA liessen sich in den vergangenen Wochen ausreichend Belege für Rachmans Beobachtung ausmachen. Dort wurde am Samstag der republikanische Hardliner Brett Kavanaugh ins höchste RichterInnenamt des Landes gewählt – trotz aller Proteste. Kavanaughs Nominierung für den Supreme Court war in den vergangenen Wochen zum Politikum geworden. Nicht nur, weil er als ultrakonservativer Abtreibungsgegner das Gericht für Jahrzehnte stramm nach rechts rücken wird. Sondern vor allem auch, weil ihm mehrere Frauen sexuelle Übergriffe und Nötigung vorwerfen. Darunter die Psychologieprofessorin Christine Blasey Ford, die Anfang Oktober in einer Anhörung vor einem Senatsausschuss schilderte, wie sie als Jugendliche fast von Kavanaugh vergewaltigt worden sei. Kavanaugh dementiert die Vorwürfe.

Noch bevor Brett Kavanaugh offiziell gewählt worden war, machte sich Donald Trump bei einem Wahlkampfauftritt über Christine Blasey Ford lustig: Er äffte ihre Aussagen bei der Anhörung nach. Das Publikum johlte und applaudierte. Dabei hatte Trump noch eine Woche zuvor Blasey Ford als eine «sehr glaubwürdige Zeugin» bezeichnet.

Der Grund für den Strategiewechsel ist naheliegend: Im November stehen in den USA Zwischenwahlen an. Die RepublikanerInnen sind bemüht, ihre Wählerbasis zu mobilisieren, die sich zu grossen Teilen aus weissen Männern zusammensetzt. 2016 hatten 63 Prozent von ihnen Trump gewählt. Wie es scheint, will die Republikanische Partei aus der Causa Kavanaugh politisches Kapital schlagen. «Es ist eine beängstigende Zeit für junge Männer in Amerika», sagte Trump dementsprechend in seiner Rede. «Man kann angeklagt werden, bevor man seine Unschuld bewiesen hat.» Auf die Frage, welche Botschaft er an junge Frauen habe, meinte er: «Frauen geht es sehr gut.»

Schüsse und Sexpuppen

Blanker Hass auf Frauen zeichnet auch den philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte aus. Duterte ist bereits mehrfach mit «Witzen» über Vergewaltigungen aufgefallen. In einer Rede Anfang des Jahres wies er seine Soldaten an, kommunistischen Rebellinnen in die Vagina zu schiessen – weil das die Frauen «nutzlos» mache. Im Transkript der Rede steht, dass das Publikum daraufhin gelacht haben soll. Dutertes Sprecher verteidigte die Aussage mit den Worten: «Ich meine, das ist lustig. Kommen Sie schon. Lachen Sie einfach.»

Auch Matteo Salvini, der italienische Innenminister und Parteisekretär der rechtsextremen Lega, verhöhnt immer wieder Politikerinnen. Etwa 2016, als er Laura Boldrini, der damaligen Präsidentin der italienischen Abgeordnetenkammer, Ähnlichkeiten mit einer Sexpuppe attestierte. Die Rechtspopulisten hätten sie ins Visier genommen, weil sie eine Frau sei und weil sie sich für Geflüchtete, für Menschenrechte und für Frauenrechte einsetze, sagte Boldrini kürzlich in einem Interview. Sie habe in den letzten Jahren zahlreiche Vergewaltigungs- und Morddrohungen erhalten.

Einstiegsdroge: Sexismus

Maskulinistenbewegungen erleben – so wie die gesamte Rechte – seit der Finanzkrise 2008 einen Aufschwung. In den USA wie auch in Europa sind sie wesentlicher Teil des reaktionären Backlashs. Es dauerte allerdings, bis dieser Umstand ins allgemeine Bewusstsein drang. Vor ziemlich genau zwei Jahren, in der heissen Phase des US-Präsidentschaftswahlkampfs, tauchte das «Grab ’em by the pussy»-Video auf, in dem Trump damit prahlte, als mächtiger Mann könne er Frauen ungefragt zwischen die Beine fassen, sie begrapschen, alles mit ihnen machen. Trump sei als Präsidentschaftskandidat erledigt, hiess es damals. Eine fatale Fehleinschätzung, wie sich herausstellte.

Womöglich war das erst der Anfang. Und womöglich kommt man nicht umhin, sich zu fragen: Haben Trump, Bolsonaro und Salvini vielleicht nicht trotz ihrer Frauenfeindlichkeit, sondern gerade deswegen die Wahlen gewonnen?

«Lag der Fokus von Analysen zur Neuen Rechten bisher vor allem auf Rassismus und Migrationsfeindlichkeit, wird jetzt zunehmend deutlich, dass Antifeminismus, Frauenverachtung und maskulinistische Ideologien ebenfalls zentral, ja häufig der Ausgang für rechtsnationale Radikalisierung sind», schreibt die Basler Soziologin Franziska Schutzbach auf der Onlineplattform «Geschichte der Gegenwart». Das Phantasma von einer Wiederaneignung dominanter Männlichkeit wirke bei vielen Männern wie eine Einstiegsdroge für rechtsnationale Weltanschauungen. «Vom Feindbild eines angeblich grassierenden ‹Feminismus›, der Männer klein halte, ist es ein kleiner Schritt zu der Vorstellung, die Verweichlichung des westlichen Mannes führe zur Schwächung nationaler Souveränität und zur baldigen Machtübernahme durch Muslime.»

Nicht ohne Widerspruch

Der Rechtspopulismus zeigt sich inzwischen immer unverhohlener in seiner Frauenfeindlichkeit. Aber er bleibt nicht unwidersprochen: Die #MeToo-Bewegung drängt seit fast genau einem Jahr darauf, anzuerkennen, dass sexualisierte Gewalt in unserer Gesellschaft weit verbreitet ist. Damit Betroffenen nicht mehr per se misstraut oder eine Mitschuld zugeschoben wird, TäterInnen nicht mehr geschützt oder Vorfälle verharmlost werden. Damit nicht länger der Ruf eines mächtigen Mannes mehr gilt als die Schilderungen der Betroffenen. Damit die «Rape Culture» – also eine Gesellschaft, die sexuelle Gewalt begünstigt – bekämpft und überwunden werden kann.

In Brasilien haben mehrere Hunderttausend FeministInnen in dreissig Städten den Protest gegen Jair Bolsonaro auf die Strasse getragen. In den USA haben Tausende tagelang gegen die Wahl von Brett Kavanaugh demonstriert. Die Frauen sind zu einer mächtigen Opposition gegen die Rechte geworden. Aber der Widerstand gegen den reaktionären Backlash braucht auch Männer, die die vorherrschenden Männlichkeitsbilder infrage stellen und Vergewaltigungskultur als Herrschaftsmechanismus anprangern.

Die feministische Autorin und Kolumnistin Margarete Stokowski schreibt, Brett Kavanaugh sei «die Ikone eines schleppenden Untergangs». Sein Fall zeige, wie sich das Patriarchat, bevor es sich endgültig verabschiede, noch ein letztes Mal aufbäume, wie es «vor seinem Verschwinden noch einmal wild um sich schlägt».

Das wäre zumindest der optimistische Blick auf die antifeministische Welle der Gegenwart. Damit Margarete Stokowski recht behält, braucht es vielfältige Proteste – antirassistische genauso wie feministische. Unterdrückungsformen lassen sich kaum isoliert bekämpfen. Der neue Autoritarismus hat viele Gesichter. Der Widerstand gegen ihn muss es auch haben.

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