Nr. 41/2018 vom 11.10.2018

Wie der Wissensschwarm diskutiert

Das Onlinelexikon Wikipedia strebt nach dem vollständigen, universellen Wissen der Menschheit. Am Treffen der deutschsprachigen Community in St. Gallen wurde auch sichtbar, in welche Widersprüche ein solches Projekt gerät.

Von David Hunziker (Text) und Lina Müller (Illustrationen)

Er wolle sich selber gar nicht vorstellen, sagt Gereon Kalkuhl am Anfang des Vortrags, denn es gehe hier nicht um ihn, sondern ums Thema. Der ältere Herr im blauen Anzug erzählt von Bemühungen, in Ruanda eine Community aus AutorInnen für das Onlinelexikon Wikipedia aufzubauen. Kalkuhl ist selber schon in das zentralafrikanische Land gereist, um Kurse für potenzielle EinsteigerInnen zu geben. Zwar sei bis jetzt kein Fall bekannt, wo aus solchen Kursen eine aktive Community entstanden sei, aber: «Wir können nie vorher sagen, was wirkt – also probieren wir einfach alles aus.»

Wir sind hier an der Wikicon, dem jährlichen Treffen der deutschsprachigen Wikipedia-Community. Am vergangenen Wochenende fand dieses zum ersten Mal in der Schweiz statt, in einem Schulhaus am Rande der Altstadt von St. Gallen. Auch wenn die Konferenz kein übergeordnetes Thema hat, geistert eine Frage durch zahlreiche der rund siebzig Diskussionsrunden, Workshops und Vorträge: Wie können neue AutorInnen gewonnen werden? Zwar ist die Situation nicht dramatisch, doch die Zahl der Aktiven, die ehrenamtlich regelmässig Artikel schreiben und anpassen, ging über die letzten Jahre langsam, aber stetig zurück. Und von diesen «PremiumautorInnen» ist Wikipedia abhängig. Denn sie schreiben einen Grossteil der Texte. Derzeit sind es rund 800 Schreibende, die mehr als hundert Bearbeitungen pro Monat vornehmen.

«I’ll kill you!»

Der Eingang zur Kantonsschule am Burggraben führt direkt ins «Forum des Freien Wissens», wie eine grosse Tafel über dem Foyer verrät. An Stellwänden hängen Plakate, etwa zur Arbeit einer Gruppe aus Berlin-Wedding, die Wikipedia-Artikel über ihren Stadtteil schreibt, oder über Artikel in schweizerdeutschen Dialekten. Rund 300 WikipedianerInnen, wie sich die Mitglieder der Community nennen, sind für die Konferenz nach St. Gallen gereist. Meist sprechen sie sich mit ihren Benutzernamen wie NightFlyer oder Voyager an, die sie gut sichtbar auf Schildern um den Hals tragen. Einige tragen einen orangefarbenen Bändel, der signalisiert: Diese Person will nicht fotografiert werden.

Was ein Grund dafür sein kann, erfährt man an einem Vortrag mit dem Titel «I’ll kill you!» – es geht um Drohungen in den Foren von Wikipedia. Auf die Frage, wer schon einmal auf diese Weise bedroht worden sei, heben etwa zwei Drittel der Anwesenden ihre Hände. Dann erzählt der Vortragende seine eigene Geschichte, wie eine Wikipedianerin – dass es eine Frau ist, wird vermutet – ihm gedroht habe, ihn an seinem Stammtisch mit einem Sturmgewehr zu erschiessen. Zwar wurde ihr Account gesperrt, doch einen solchen Bann durchzusetzen, ist wegen der offenen Struktur der Community schwierig. Wenn man sich mit einem Benutzernamen anmeldet, kann man völlig anonym bleiben. Die Droherin mit dem Sturmgewehr haben schon einige im Raum online angetroffen.

«Lügenlexikon»

Nicht nur die einzelnen WikipedianerInnen sind Angriffen ausgesetzt, sondern in letzter Zeit vermehrt auch das Projekt als Ganzes. In der rechtspopulistischen Propaganda kursiert der Begriff «Lügenlexikon», in Anlehnung an «Lügenpresse», und einschlägige Verschwörungsplattformen wie KenFM schiessen regelmässig gegen das angebliche Wissensmonopol von Wikipedia. Entsprechend werden auch die Diskussionen um einzelne Artikel heftiger. Doch eine wirkliche Bedrohung scheint das für Wikipedia nicht zu sein; über die Jahre hat sie ein komplexes Regelwerk mit Relevanzkriterien entwickelt und ein System aus AdministratorInnen ausgebildet, die Änderungen überprüfen, bevor sie aufgeschaltet werden.

Wikipedia nennt sich eine freie Enzyklopädie, stellt also kostenlos Wissen und multimediale Inhalte zur Verfügung, die beliebig genutzt werden können – auch kommerziell. Dem Anspruch nach ist dieses Wissen universell; als nichtkommerzielle Organisation hat die in San Francisco ansässige Wikimedia Foundation, die vor allem die technische Infrastruktur hinter dem Netzwerk verwaltet, kein direktes Interesse daran, was auf Wikipedia als wahr gilt. Abgesehen vom Personenschutz kann man auch das Versteckspiel mit den Pseudonymen in diese Richtung deuten: Wikipedia hat keine Perspektive, sondern unzählige – denn sie wird nicht von AutorInnen geschrieben, sondern von einem Schwarm. Wikipedia liegt also eine interessante Ambivalenz zugrunde: Sie mobilisiert die anarchische Gemeinschaft im Internet, um das universelle Wissen der Menschheit klar strukturiert wiederzugeben. In der Methodik ist sie ein Projekt des 21. Jahrhunderts, in ihrem Pathos mutet sie wie ein Relikt aus der klassischen Moderne an.

Siri, was spendest du?

Eigentlich verblüffend, wie gut das funktioniert. In Qualitätsvergleichen schlägt Wikipedia die meisten gedruckten Enzyklopädien. Und Texte können fast in Echtzeit aktualisiert werden. Der britische Buchautor und Journalist Paul Mason geht sogar so weit, das Netzwerk als ein Beispiel dafür zu nehmen, wie eine postkapitalistische Gesellschaft funktionieren könnte. Wikipedia zeigt: Manche Menschen sind bereit, sehr viel Gratisarbeit zu verrichten, auch wenn sie im Gegenzug nur Anerkennung aus der Community bekommen. Doch das verschleiert auch etwas: dass es sich die AutorInnen trotzdem leisten können müssen, gratis zu arbeiten, und dass auch hinter dem Wissen, das Wikipedia aufbereitet, viel bezahlte Arbeit, meist von WissenschaftlerInnen, steckt.

Wie kommerziell wertvoll dieses Wissen ist, haben die grossen Technologiekonzerne längst begriffen. Google bindet immer mehr Inhalte von Wikipedia auf seiner Seite ein, und auch sprachgesteuerte intelligente Assistenzdienste wie Siri, Alexa oder Google Home greifen darauf zu. Kein Wunder also, gehören diese Konzerne zu den wichtigsten Spenderinnen von Wikipedia; vergangenen Monat etwa hat Amazon eine Million Dollar an die Foundation überwiesen. Man kann davon ausgehen, dass solche Summen weit kleiner sind als der Wert der Gratisarbeit, die die Konzerne über Wikipedia abschöpfen können.

Kein Eintrag für Nobelpreisträgerin

Aber problematisch ist nicht nur die materielle Basis von Wikipedia, sondern auch ihre Struktur. Denn die Schutzmechanismen, die zur Sicherung von Stabilität und Qualität unabdingbar sind, haben auch Ausschlüsse zur Folge, die politisch relevant sind. Immer wieder zu reden gibt etwa der «gender bias» von Wikipedia, die Diskriminierung von Autorinnen und Inhalten von und über Frauen (vgl. «Frauen, setzt euch durch!»). Gerade machte das Beispiel der kanadischen Physikerin Donna Strickland Schlagzeilen, die Anfang Monat als dritte Frau den Nobelpreis in Physik erhielt. Zuvor hatte es mehrere Anläufe gegeben, einen Artikel über Strickland anzulegen; diese wurden jeweils von einem Moderator blockiert – mit dem Argument der fehlenden Relevanz.

An solchen Beispielen zeigt sich, dass hinter den Inhalten und Kriterien für Relevanz und Qualität sehr wohl eine Perspektive steckt – eine vorwiegend männliche. Die meisten Studien kommen zum Schluss, dass der Frauenanteil unter den WikipedianerInnen weniger als zehn Prozent beträgt. Über dieses Problem denkt auch die Wikipedia-Community nach, der «gender bias» wird auf eigenen Seiten ausführlich dokumentiert und diskutiert. Und an der Tagung in St. Gallen gab es einen Vortrag dazu, was das Netzwerk von gewerkschaftlichen Betriebsräten lernen könnte, um seine AutorInnen zu schützen – auch vor Geschlechterdiskriminierung. Zwar scheint sich die Situation zu verbessern, doch jene Struktur reproduziert sich auch selber, da Frauen durch den teilweise ruppigen Umgang auf den Diskussionsseiten abgeschreckt und durch die Zurückweisung ihrer Beiträge demotiviert werden.

Davon kann auch eine Teilnehmerin aus Berlin erzählen, die sich Medea7 nennt. Mehrmals habe sie die Erfahrung gemacht, dass ihr Kompetenz abgesprochen wurde, wo sie sie offensichtlich hatte, und Beiträge von ihr zur Löschung vorgeschlagen wurden. Weil sie in der Community gut vernetzt sei, habe sie andere BenutzerInnen mobilisieren und sich wehren können. Vielen Frauen fehle ein solches Netzwerk. Doch Medea7 betont auch, dass gerade darin auch ein Potenzial liege: «Als alleinerziehende Mutter war ich oft dazu gezwungen, von zu Hause aus online zu arbeiten. Für Frauen wie mich, die gesellschaftlich und ökonomisch isoliert sind, könnte eine Onlinecommunity wie Wikipedia eigentlich ein Anschluss an eine Gemeinschaft sein.»

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