Nr. 42/2018 vom 18.10.2018

Was passierte mit Dzenan und David?

In Banja Luka und in Sarajevo kämpfen zwei Väter um Gerechtigkeit für ihre toten Söhne. Beide mutmassen, dass die Behörden die Ermittlungen sabotieren. Ihre Fälle könnten die gespaltenen Landesteile einander näherbringen.

Von Melina Borcak, Sarajevo  

Der Fluss Vrbas, der durch das Zentrum Banja Lukas plätschert, schimmerte smaragdgrün in der Frühlingssonne, als der verwesende Körper von David Dragicevic gefunden wurde. Die Leiche des 21-Jährigen trieb unbekleidet und mit Blutergüssen übersät im Wasser. Rasch stand für die Polizei fest: Der Mann war ertrunken, angeblich sollen Drogen im Spiel gewesen sein. Dragicevics Vater Davor wollte das nicht glauben: Er ist überzeugt, dass sein Sohn tagelang gefoltert und dann ermordet wurde.

Seit Davids Tod im März organisiert Davor Dragicevic jeden Tag Proteste im Zentrum Banja Lukas. Er beschuldigt die Polizei der Republika Srpska, des mehrheitlich von SerbInnen bewohnten Teils Bosniens, seinen Sohn ermordet zu haben und dies nun zu vertuschen. Zigtausende Menschen sehen das genauso: Über Facebook haben sie zusammengefunden und sind zu einer Protestbewegung herangewachsen, deren Massendemonstrationen die serbisch-nationalistische Regierung in Bedrängnis bringen.

Drei Präsidenten für ein Land

Der Konflikt hat eine lange Vorgeschichte. Im Friedensvertrag, der den Bosnienkrieg beendete, wurde für das Land ein komplexes politisches System vereinbart, seitdem besteht es aus zwei Einheiten: der bosniakisch-kroatischen Föderation und der mehrheitlich von SerbInnen bewohnten Republika Srpska. Zudem hat Bosnien gleich drei Präsidenten – einen Bosniaken, einen Kroaten und einen Serben.

Auf serbischer Seite regiert der nationalistische Separatist Milorad Dodik, der Anfang Oktober auch ins gesamtbosnische Staatspräsidium gewählt wurde. Dodik bedrohte und beleidigte Dragicevic mehrfach öffentlich. Schliesslich wurde der Präsident deswegen zu einer Geldstrafe verurteilt.

Dodik leugnet den Völkermord an den muslimischen BosniakInnen während des Krieges, seine ParteifreundInnen fallen bisweilen sogar mit Aufrufen zu erneuten Morden auf. Kriegsverbrecher wie Radovan Karadzic und Ratko Mladic betrachtet Dodik als Helden. Im Krieg wurden fast alle NichtserbInnen in Ost- und Nordbosnien getötet oder aus der Region vertrieben; nur deswegen ist die Republika Srpska heute der Landesteil Bosniens, der serbisch dominiert ist. Dodik ist das allerdings nicht genug. Er fordert die Abspaltung der Republika Srpska; für die Bosniaken, Kroatinnen und Roma, die noch vor dem Krieg dort lebten, ist in dieser Frage natürlich kein Mitspracherecht vorgesehen. Sie mussten ihr Leben in der Föderation neu aufbauen, als Flüchtlinge im eigenen Land. Das hat tiefe Risse zwischen den zwei Landeshälften hinterlassen.

Weil nun Davor Dragicevic auch von Menschen aus der bosnisch-kroatischen Föderation unterstützt wird, betrachten ihn die NationalistInnen als ausländischen Agenten und als «Serbenhasser». Der 55-jährige Dragicevic, der als Kellner sein Geld verdient, wurde sogar vor das Parlament der Republika Srpska geladen. «Ich bin weder Terrorist noch Salafist noch Spion», sagte er dort den Abgeordneten. «Ich verlange Gerechtigkeit und Wahrheit, egal wie brutal sie ist. Ihr habt mein Kind getötet.» Seine Anwälte wollen inzwischen Beweise gesammelt haben, dass David als IT-Student bei der Wartung eines Computers zufällig Einblicke in Dokumente hatte, die Verbindungen zwischen PolitikerInnen und dem organisierten Verbrechen belegen.

Derweil haben die Proteste weiter an Dynamik gewonnen: Die Bewegung in der Republika Srpska hat sich mit einer ähnlich gelagerten Bewegung aus der bosniakisch-kroatischen Föderation zusammengetan. Denn auch in Sarajevo kämpft ein Vater für Gerechtigkeit für seinen toten Sohn, und das schon seit über zwei Jahren. Damals kam der 22-jährige Dzenan Memic ums Leben – angeblich bei einem Verkehrsunfall, wie für die Staatsanwaltschaft rasch feststand. Doch Dzenans Vater Muriz Memic ist sich sicher: Sein Sohn wurde ermordet. «Die Staatsanwaltschaft und Polizisten haben Beweise versteckt, falsche Beweise vorgelegt, Zeugen eingeschüchtert und bedroht», sagt Memic. Davon rückte er auch nicht ab, als ein Mann gestanden hatte, seinen Sohn überfahren zu haben.

Obduktion widerlegt Geständnis

Dieser Mann heisst Ljubo Seferovic. Der Rom hatte an dem Abend, an dem Dzenan Memic starb, auf einem Schrottplatz nach Altmetall gesucht. Später gestand er, Dzenan Memic überfahren zu haben. Doch die Obduktion ergab, dass die Wunden des jungen Mannes nicht durch einen Autounfall entstanden sein können. Daher wurde Seferovic nach über zwei Jahren im Gefängnis schliesslich freigesprochen. Seiner Frau zufolge soll die Polizei ihn tagelang geschlagen haben, bis er ein falsches Geständnis ablegte. Für Muriz Memic ist das ein Beweis dafür, dass ein in Armut lebender Rom als Sündenbock herhalten sollte; er glaubt, dass die Behörden eine reiche Persönlichkeit, die für den Mord verantwortlich ist, decken wollen. Letztlich war es Memics Beharrlichkeit zu verdanken, dass nun die bosnische Staatsanwaltschaft wegen Mord ermittelt.

Seltsam ist zudem, dass die Aufnahmen der Überwachungskameras, die den Tod von Dzenan Memic gefilmt haben müssten, verschwunden sind. Muriz Memic will trotzdem nicht aufgeben. Er sagt, er wisse, wer seinen Sohn ermordet habe, und auch, dass er das Motiv kenne – es soll sich um eine Tat aus Eifersucht handeln. Um das neu aufgerollte Verfahren nicht zu gefährden, will er aber den Namen des Täters nicht öffentlich nennen.

Aufgehaltene Demobusse

Davor Dragicevic hingegen hat die Identität der Männer, die er für die Mörder seines Sohnes hält, bereits mehrmals öffentlich genannt: Für ihn steht fest, dass Polizisten ihn getötet haben, weswegen führende Mitarbeiter des Innenministeriums der Republika Srpska den Mord vertuschen wollten. Das würde auch die scharfen Attacken vonseiten des Präsidenten auf ihn erklären.

Die Regierung der Republika Srpska versucht derweil, die Proteste einzudämmen. Zur letzten Grossdemonstration reisten Menschen aus dem ganzen Land an, doch die Polizei stoppte alle Busse in Richtung Banja Luka. Trotzdem kamen mehr als 40 000 Menschen an die Demo.

Die Protestierenden versammelten sich auf dem grössten Platz der Stadt. Tausende reckten ihre Fäuste in den Himmel, Rufe nach Gerechtigkeit schallten durch die Stadt. Erst als Davor Dragicevic ans Mikrofon trat, kehrte Stille ein. «Wisst ihr Mörder, wie es ist, wenn man am Grab des eigenen Kindes steht?», fragte er in Richtung der Regierung Milorad Dodiks.

Muriz Memic weiss das genau. «Davor hatte meinen Fall verfolgt, und als ihm dasselbe passierte wie mir, kam er nach Sarajevo, um mich zu treffen», erzählt Memic. Er habe ihm Ratschläge gegeben, wie er am besten vorgehen solle. Die beiden Väter verbindet ein gemeinsames Ziel. Fragen der Nationalität seien dabei unwichtig, sagt Memic. «Hier geht es um Menschlichkeit.» Und er hofft: «Dzenan und David werden Bosnien vereinen.»

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