Nr. 42/2018 vom 18.10.2018

Hirni-Komplimente

Michelle Steinbeck guckt auf der Buchmesse nach rechts

Von Michelle Steinbeck

Frankfurter Buchmesse alla mediterraneo. Der verdächtig ewige Spätsommer tanzt uns auf der Nase rum – mein Gesicht schon ganz gegerbt von den vielen «heute ist wahrscheinlich wirklich der letzte» ausgiebig genossenen Sonnentagen. Und Frankfurt mutet nun also Mitte Oktober selbst nachts an wie eine italienische Küstenstadt beim Sommerfest zur Schutzheiligen: Jung und Alt spaziert alkoholisiert durch die Innenstadt und schüttelt sich schwitzend die rosa Steppjäckchen von den Schultern. Die Bäume stehen und verfahlen ratlos. In Berlin pflügt derweil eine Viertelmillion Menschen durchs Herbstlaub für Solidarität und Menschenrechte, gegen Rassismus und rechte Hetze. Wir stehen am Stand eines avantgardistischen Lyrikverlags, sagen «Wir sind mehr» und schauen ein wenig neidisch in die Smartphones Richtung Hauptstadt. Lieber auf den Bildschirm als nach rechts gucken, wo am Nachbarstand ein «alternativer» Verlag für die missverstandene, eigentlich nämlich linke Rechte, also den nationalistischen Sozialismus weibelt – natürlich keine Nazis – und eifrig Idiotenbücher bewirbt. Tatsächlich prangt Hitlers überlebensgrosses Antlitz an allen drei Standwänden; der Kassenschlager hat es sich nicht nehmen lassen, ihn zum Coverboy zu machen. Dieser würde sich laut Exposé – ich kann nicht nicht hinschauen – gerade im Grab umdrehen ob der gegenwärtigen Machtübernahme geldgeiler Weiber mit ihren Erpresserlügen (sic!) und von den Pseudolinken geknuddelten Ausländervergewaltigern.

Ja, diese geldgeilen Erpresserweiber! Wären sie nicht, wir könnten noch lustig Louis C. K. schauen und Ronaldo feiern. Zum Glück gibts wenigstens im amerikanischen Supreme Court und in unserem Literaturbetrieb noch die gute alte Arschgrabschergilde. Sie können ja nichts dafür, dass ihnen ein Teil des Hirns fehlt, wie solche Herren gerne hundeblickig beteuern, und schliesslich gebe es ja noch keine Beweise. Also ausser die hundert Frauenstimmen, die die «Komplimente» der Hirnis zu Protokoll gegeben haben. So wären an diesem Wochenende manche von uns lieber als Teil der Bewegung live in Berlin dabei, am massenhaften Anlaufen gegen all die Faschos und NationalistInnen, die weltweit aus dem Boden schiessen wie Knallteufel, die uns regieren sollen. Die dabei nicht nur lügen und jegliche Verantwortung überall und bloss nicht bei sich sehen, deren einziges Ziel es ist, Unsicherheit zu schaffen und die Leute gegeneinander aufzustacheln, die also nicht nur nichts Produktives hinkriegen, sondern auch noch zerstören müssen, wo andere deren eigentlichen Job gegen alle Widerstände gut gemacht haben. Im kalabresischen Riace muss nun der betrügerische Gutbürgermeister Domenico Lucano nicht nur zu Hause bleiben, er soll vom Fenster aus auch zuschauen, wie seine florierenden Integrationsprojekte geschlossen und alle MigrantInnen aus dem Dorf getrieben werden – wer weiss, wohin.

Aus ganz Italien sind Menschen nach Kalabrien gereist, um ihre Solidarität mit Lucano und Riace kundzutun. Gegen die anstehende Deportation sind auch viele prominente und politische Stimmen laut geworden – wie bereits bei der italienischen Hafenschliessung Anfang Sommer, wodurch die Todesrate im Mittelmeer so hoch stieg wie noch nie. Und doch wird sich Knallteufel Matteo Salvini auch diesmal durchsetzen. Warum? Sind wir nicht mehr?

Die Autorin Michelle Steinbeck bewirbt ihren neu erschienenen Gedichtband und ist in Gedanken in ihrer Herzensheimat Kalabrien.

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