Nr. 42/2018 vom 18.10.2018

Machokultur auf dem Hönggerberg

Sexuelle Übergriffe, Diskriminierung, Mobbing: Am Departement für Architektur der ETH Zürich nutzen Professoren immer wieder ihre Machtposition aus. Die Hochschulleitung versucht derweil, das Ganze unter dem Deckel zu halten.

Von Anouk Eschelmüller (Text) und Milad Ahmadvand (Foto)

Männderdomäne Architektur: ETH-Studentinnen sind der Willkür ihrer Professoren ausgeliefert. Sie werden belästigt, beleidigt und mit Gegenständen beworfen.

Gedämpftes Sprechen, Stühlerücken, dann gespanntes Schweigen. Der Dekan des Departements Architektur der ETH Zürich, Philip Ursprung, stellt sich auf, sehr ernst ist er, und beginnt die Versammlung mit den Worten: «Wir haben ein Problem. We have a problem.» Rund fünfzig Personen sind an diesem Septemberabend in einem ETH-Gebäude auf dem Hönggerberg anwesend. Sie verlieren sich im hohen Raum mit den übergrossen Fenstern. Es sind verschwindend wenige für ein Departement, das mit seinen Studenten und den Mitarbeiterinnen über tausend Leute zählt.

Einer der Gründe für die Versammlung war einige Tag zuvor einer Medienmitteilung der ETH zu entnehmen. Die Hochschule hat gegen einen Professor des Departements Architektur (Name der Redaktion bekannt) ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Vorwürfe sind aufgetaucht, er habe Frauen sexuell belästigt. Die Anschuldigungen gegen ihn sind happig. Sie reichen von aggressiven Avancen, diskriminierenden Bemerkungen während Semesterkritiken bis hin zu sexuellen Übergriffen. Die Abteilung für Chancengleichheit von Frau und Mann der ETH hat über Wochen Aussagen von mutmasslichen Opfern gesammelt und der ETH-Leitung schliesslich übergeben. Der Professor ist bis auf Weiteres freigestellt.

Die Probleme am Departement Architektur sind damit aber nicht gelöst. Für diese Recherche hat die WOZ mit verschiedenen Angehörigen des Departements gesprochen, mit gegenwärtigen und ehemaligen Studierenden und VertreterInnen des Mittelbaus. Sie haben von ihren Erfahrungen erzählt und dabei mitunter ein desperates Bild der Fakultät gezeichnet.

Sie berichten von Studierenden, die Semesterkurse abbrechen, weil der Professor sie schikaniere. Von Studentinnen, die Seminare nicht besuchten, weil bekannt sei, dass sie an diesen Lehrstühlen mit Belästigungen rechnen müssten.

Auch von drastischeren Zwischenfällen erzählen sie: von einem Professor, der seine Angestellten aus Wut mit Gegenständen bewirft, von einem Assistenten, der eine Studentin als Schlampe beschimpft, oder von einem Professor, der Studentinnen Oben-ohne-Bilder schickt. Semesterevaluationsbögen verschwänden derweil still und konsequenzenlos in den Schubladen des Departements.

#MeToo in der Architekturwelt

Ausnahmslos alle InterviewpartnerInnen haben nur unter der Bedingung eingewilligt, anonym zu bleiben. «Die Architekturwelt ist eine sehr kleine», benennt es eine Architektin und frühere ETH-Studentin. «Dein Professor oder deine Assistierenden, die dich früher unterrichtet haben, sind heute deine Arbeitgeber oder sitzen in der Jury deines nächsten Wettbewerbs.»

Sexuelle Übergriffe sind in der Architekturbranche keine Ausnahme: Im März wurde der US-Amerikaner Richard Meier, einer der höchstdekorierten Architekten, von mehreren Frauen des sexuellen Übergriffs beschuldigt. Nach der #MeToo-Debatte um sexuelle Belästigung in der Film- und Theaterbranche war es nur eine Frage der Zeit, bis auch die Architekturwelt in die Diskussion einbezogen würde. Unter anderem hat sie zum Entstehen der Liste «Shitty Men in Architecture» geführt, einer in der Branche zirkulierenden Open-Access-Tabelle mit detaillierten Angaben über erniedrigendes – und in einigen Fällen strafrechtlich relevantes – Verhalten gegenüber Frauen und auch Männern an Architekturhochschulen und in Architekturbüros der ganzen Welt. Neben dem des suspendierten Professors vom Hönggerberg sind auch die Namen weiterer ETH-Professoren aufgeführt. Sie hätten Studentinnen und Assistentinnen auf Studienreisen stark bedrängt, auf ihr Hotelzimmer eingeladen oder anzügliche und kompromittierende Bemerkungen während Projektbeurteilungen gemacht.

Diese Liste habe gerade Opfern von sexuellen Übergriffen an der ETH geholfen, so eine Assistentin. Plötzlich war da ein Muster des Missbrauchs erkennbar, man war nicht mehr alleine. Das habe einige auch darin bestärkt, besagten Professor zu melden.

Vertuscht und verschwiegen

«Diskriminierendes Verhalten an der ETH wird nicht geduldet», sagt Philip Ursprung an der Versammlung im September, nachdem er den Verhaltenskodex der ETH vorgetragen hat. Danach übergibt er das Wort Renate Schubert, Leiterin der ETH-Stelle für Chancengleichheit Equal!. Diese spricht vor allem die Opfer an, erzählt von Unterstützungsangeboten, einer Opferberatungsstelle, die Studierende jeweils am Dienstagnachmittag aufsuchen könnten.

Schuberts Stelle geniesst keinen guten Ruf unter Studenten und Assistentinnen des Departements. «Sie ist ein Feigenblatt», sagt eine Assistentin und meint damit etwa die tiefe Stellendotierung. Equal! würde keine wirkungsvollen Initiativen einleiten. Wie wenig effektiv die Stelle sei, zeige etwa das Gender Monitoring, das die Stelle dieses Jahr selbst veröffentlichte: Nicht mal ein Siebtel der ProfessorInnen an der ETH ist weiblich. Innerhalb der letzten fünf Jahre stieg ihr Anteil um gerade mal 1,2 Prozent.

Hinzu komme, dass keine der Gleichstellungsbeauftragten eine Ausbildung vorweise, die bei der Arbeit mit Menschen, die einen traumatisierenden Übergriff erlebt haben, gefordert wäre, sagt eine Studentin. Die Equal!-Stelle will sich zu den Vorwürfen nicht äussern. Sie nehme weder zu laufenden Disziplinarverfahren noch zur Situation in den einzelnen Departementen Stellung.

An der Abendveranstaltung auf dem Hönggerberg spricht Schubert hingegen erstaunlich offen: Der Fall des nun suspendierten Architekturprofessors sei nicht der erste seiner Art, mit dem sich die ETH auseinandersetzen müsse, sagt sie. Und schiebt nach: In der Vergangenheit sei es zu weit schlimmeren Fällen als dem aktuellen gekommen. Nur habe die Hochschulleitung nicht so viel Erfahrung darin, wie in solchen Situationen gegenüber der Öffentlichkeit zu kommunizieren sei. Die früheren Vorkommnisse seien in der Regel intern und still geklärt worden. «Man hat in solchen Fällen den involvierten Professoren etwa nahegelegt, sich frühpensionieren zu lassen», sagt Renate Schubert. Oberstes Ziel sei gewesen: «Niemand sollte mitkriegen, dass da etwas schieflief.»

Die Aussagen von Schubert sind gravierend: Sie bedeuten, dass die ETH Fälle von sexuellen Übergriffen gegenüber den Studierenden, MitarbeiterInnen und der Öffentlichkeit bewusst verschwiegen hat. Die WOZ wollte deshalb wissen: Um was für Formen von Übergriffen handelte es sich bei diesen Fällen? Waren sie strafrechtlich relevant? Und wurde Anzeige erstattet? Doch die ETH weigert sich, zu diesen Fragen Stellung zu nehmen. Die Medienstelle schreibt: «Die ETH kommentiert grundsätzlich keine internen Veranstaltungen oder deren Inhalt gegenüber Dritten.»

Offenbar fürchtet die Hochschule um ihren Ruf. Dazu passt, dass die ETH das Disziplinarverfahren gegen den angeschuldigten Professor erst dann einleitete, nachdem der Fall vom Onlineportal tsüri.ch erstmals publik gemacht worden war.

Zelebrierter Geniekult

Wo es ausgeprägte Hierarchien gibt, gibt es auch Missbrauch. Das gilt nicht nur für die Architektur, sondern auch für andere Fakultäten und für den universitären Betrieb im Allgemeinen. Trotzdem höre sie mehr vom Departement für Architektur als von allen anderen Departementen, sagt Renate Schubert an der Versammlung. Warum?

«Die Architektur ist sehr männlich. Sowohl in der Branche als auch im Studium», sagt eine ehemalige Studentin. «Für junge Akademikerinnen gibt es keine Perspektive in dieser Institution», sagt eine Assistentin. Das sei hart. Und die Männerdominanz reiche bis ins Curriculum. Eine Studentin drückt es an der Versammlung so aus: «Wir werden im Studium von Männern unterrichtet. In den Vorlesungen wird die Architektur von Männern besprochen. Und wir werden in den Beurteilungen von Männern kritisiert. Wo ist meine Position als Frau an dieser Schule?»

Dazu komme das grosse Machtgefälle. «Um die grossen Architekten herrscht ein Geniekult», sagt eine ehemalige Studentin. Als grosse Meister, als geniale Baukünstler würden sie international gefeiert, von ArchitektInnen bewundert, von Hochschulen umworben. Noch heute erzählt man den Studierenden von ETH-Stararchitekten wie Peter Märkli oder Hans Kollhoff. Wie sie bauten, wie sie die Architektur, sich selbst zelebrierten. Wein und Zigarren, der Rauch in den Gängen der Hochschulen. Architektur, Kunst, Genuss.

Von allem nichts gewusst

«Die Bewertung deines Projekts durch den Professor am Ende eines Semesters gleicht einem Richterspruch», erzählt ein Student. Seine Bewertung sei extrem wichtig, wichtiger als irgendwelche Noten. Einige Professoren würden solche Kritiken sehr konstruktiv und professionell vornehmen, sagt er. Anderen fehle es an jeglichem Respekt. Dazu gibt es unzählige Geschichten. Studentinnen erzählen, dass Professoren während der Kritik zweideutige Anspielungen machten oder davonliefen, weil sie mit der Leistung der KursteilnehmerInnen nicht zufrieden waren. Die Professoren würden ausgewählt, weil sie gute Architekten seien, nicht etwa wegen ihrer persönlichen Fähigkeiten, sagt eine Assistentin.

So geschieht es, dass ein Professor am Apéro nach einer Semesterkritik vor seinem ganzen Lehrstuhl mit einer Studentin herumknutscht, die er noch vor wenigen Stunden beurteilt hat. Häufig würde es während oder nach den Semesterkritiken oder auf Studienreisen zu solchen Zwischenfällen kommen, sagt eine ehemalige Studentin. «Da ist der allmächtige Professor, der dich beurteilt, über dich richtet, und plötzlich trinkt er ein Bier mit dir. So wird es auf einmal schwierig, Grenzen zu ziehen.»

Zurück an die Versammlung im September: Sie sei betroffen angesichts all der Vorfälle, die sie an diesem Abend gehört habe, sagt Annette Spiro, ehemalige Departementsvorsteherin. Man müsse bei künftigen Berufungen die Soft Skills der Professoren stärker in den Blick nehmen. Sie habe von alledem nichts gewusst, sagt sie. Und dann nochmals: «Ich bin betroffen.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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