Nr. 42/2018 vom 18.10.2018

Todesstrafe selbstgemacht

Von Susan Boos

Peter Vogt will mit Exit sterben. Die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens hat letzte Woche exklusiv darüber berichtet. Die Story knallt: Vogt ist ein Serienvergewaltiger, gilt jetzt noch als gefährlich und ist deshalb verwahrt. Der Mann wird nie mehr rauskommen. Weil Vogt das weiss und es ihm körperlich schlecht geht, will er eben mit Exit Suizid begehen.

Der «Rundschau»-Moderator Sandro Brotz machte daraus die Story: Darf der das? Strafe bedeute doch auch Sühne, ein Häftling dürfe sich dem doch nicht einfach durch den Tod entziehen.

Brotz’ Frage ist dumm und hetzerisch. Vogt wurde für seine Taten zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Seit vierzehn Jahren hat er diese Strafe verbüsst. Der Sühne ist längst Genüge getan. Jetzt sitzt er in der Strafanstalt Bostadel, weil man die Gesellschaft vor ihm schützen will.

Vermutlich ist Vogt nicht bewusst, welch heikle Debatte er eröffnet. Er beruft sich auf sein Recht, mit Exit aus dem Leben scheiden zu dürfen – wie alle andern auch. Das ist legitim, aber gar nicht der Punkt. Es ist nicht Vogt, der die Geschichte explosiv macht, sondern Exit. Die Organisation hilft gesunden Menschen beim Sterben. Damit hat sie hochgefährliches Terrain betreten. Ende Oktober erscheint das Buch «Die Glückssucherin». Das Buch ist nach dem Tod der Autorin Margrit Schäppi erschienen. Es ging ihr gesundheitlich gut, aber sie fühlte sich einsam und entschied sich deshalb für Exit. Matthias Ackeret, Verleger und Chefredaktor von «Persönlich», hat das Buch posthum herausgebracht. Im Nachwort setzt er sich klug und kritisch damit auseinander, dass Exit zur Sterbehilfemaschinerie verkommt. Ackeret stösst damit eine Diskussion an, die längst überfällig ist.

Es ist effizient, Einsamen oder Verwahrten eine «selbstbestimmte Lösung» bis in den Tod zu bieten. Verwahrte könnten sich zwar auch ohne Exit selber umbringen, doch die Exit-Lösung ist sauberer. Alle Umstehenden können sich gut fühlen. Billig ist es auch, weil ein Verwahrter pro Jahr 100 000 Franken kostet. Das ist Überwachen und Strafen im 21. Jahrhundert: Gefangene vollziehen die Todesstrafe selbst.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch