Nr. 42/2018 vom 18.10.2018

«Wenn wir jetzt nicht handeln …»

Von Merièm Strupler

Seit Freitag gibt es ein neues feministisches Manifest: «Wir, 343 europäische Frauen, verteidigen ein Europa der Frauenrechte und der Selbstbestimmung» heisst es darin. Der Text bezieht sich auf ein früheres Manifest, das 1971 in der französischen Wochenzeitung «Le Nouvel Observateur» veröffentlicht worden war; in diesem hatten 343 Frauen die Legalisierung von Abtreibungen gefordert. Es handelte sich dabei um das französische Pendant zum berühmten «Wir haben abgetrieben!»-Titelbild des deutschen Magazins «Stern», auf dem im selben Jahr 374 Frauen bekannten, eine Schwangerschaft abgebrochen und damit gegen das Gesetz verstossen zu haben.

Zurzeit erlebe Europa «einen brutalen Backlash gegen die Rechte von Frauen», deshalb sei es dringend geboten, an das alte Manifest zu erinnern und es zugleich zu aktualisieren, schreiben die Unterzeichnerinnen. Eine von ihnen ist die deutsche Gynäkologin Kristina Hänel. Weil Hänel auf ihrer Website über Schwangerschaftsabbrüche informiert hatte, wurde sie just am Freitag der Veröffentlichung des Manifests zweitinstanzlich verurteilt. Aus Sicht der Gerichte gelten die medizinischen Informationen auf ihrer Website als «Werbung» – und diese ist für Abtreibung verboten.

Die Unterzeichnerinnen des Manifests kommen aus diversen Ländern Europas, denn der Backlash zeigt sich vielerorts: In Polen etwa werden die Gesetze massiv verschärft, während in Malta Schwangerschaftsabbrüche noch immer ganz verboten sind und mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. Erst vergangene Woche bezeichnete zudem Papst Franziskus Schwangerschaftsabbrüche als «Auftragsmord». In Italien weigern sich GynäkologInnen vermehrt, Abtreibungen anzubieten. Das musste eine junge Sizilianerin 2016 mit ihrem Leben bezahlen: Die zuständigen ÄrztInnen hatten es «aus Gewissensgründen» abgelehnt, den medizinisch notwendigen Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen.

«Wenn wir jetzt nicht handeln und unsere Rechte und Werte gemeinsam verteidigen», schreiben die Frauen in ihrem Manifest, «könnten uns die aktuellen regressiven Gesetze die Zeiten zurückbringen, in denen das erste Manifest entworfen worden ist.»

http://343manifesto.eu

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