Nr. 42/2018 vom 18.10.2018

«Delicious meals»

Karin Hoffsten über die Köstlichkeiten in der Zugsmitte

Von Karin Hoffsten

Gefühlte tausend Mal habe ichs schon gehört: «Geniessen Sie köstliche Speisen und Getränke im SBB-Restaurant in der Zugsmitte», bis hin zu den «delicious meals ... in the middle of the train». Dreisprachig erschallt es bei jeder Zugabfahrt, und vom Fugen-s in «Zugsmitte» bekomme ich immer ein bisschen Gänsehaut. Gefolgt bin ich dem Appell nur selten.

Doch als glückliche Besitzerin eines Generalabonnements, das ich – wie vermutlich viele andere – finanziell nie ausnutze, aber als echten Luxus geniesse, erhielt ich in diesem Jahr von den SBB allerlei Gutscheine geschenkt – auch für die «Bahngastronomie». Also nahmen wir extra einen durchgehenden Zug von Brig nach Zürich, um uns zwei Stunden an den «delicious meals» delektieren zu können; doch ausgerechnet dieser Zug hatte kein Restaurant – weder in der Mitte noch sonst wo.

Da das «Wägelchen» letztes Jahr abgeschafft wurde, rannte ich los und kaufte Erdnüsschen und zwei Dosen Bier. Kaum sass ich schnaufend auf meinem Platz, rief es über mir: «Geniessen Sie köstliche Speisen …» und so weiter. Ich traute meinen Ohren nicht.

Plötzlich eilte ein junger Mann durch den Wagen, und erst, als er längst verschwunden war, realisierten wir: Bei dem gibts was zu essen. Im letzten Wagen holte ich ihn ein, er hatte prompt eine Speisekarte in der Hand und strahlte mich an. Doch, doch, es gebe eine Minibar, sagte er, ich könne die Karte mitnehmen und in Ruhe studieren. Er komme dann vorbei.

Triumphierend brachte ich meine Trophäe zum Platz – es gab Mostbröckli- und Fleischkäse-Sandwiches, Apéroplättli, Hobelfleisch mit Brot und Butter, Hummus und noch einiges mehr – uns troff schier das Wasser aus den Mundwinkeln.

Als der junge Mann kam, strahlte er schon etwas weniger, und während wir unsere Wünsche äusserten, wurde er zunehmend bedrückter: Mostbröckli-Sandwich – nicht da, Fleischkäse-Sandwich – nicht da. Hummus auch nicht. Als mein Begleiter Hobelfleisch mit Brot und Butter wünschte und ich erfreut «Oh, das will ich auch!» rief, verdüsterte sich des jungen Mannes Antlitz noch mehr – das habe er leider nur noch einmal. Auf unsere Frage, was es denn überhaupt noch gebe, antwortete er – inzwischen komplett niedergeschlagen –, eigentlich sei es auch die falsche Karte. Wir bestellten also einmal Hobelfleisch und noch mal zwei Bier – die sind ja auch nahrhaft – und baten ihn, mit der richtigen Karte wiederzukommen.

Als er das Bestellte brachte, erwog ich, die Notfallseelsorge aufzubieten, so traurig war er. Es tue ihm leid, eine andere Karte gebe es nicht, und alles sei so neu – er habe das Sortiment einfach noch nicht im Kopf. Kartoffelchips könnten wir haben – auch Erdnüsse, «aber die haben Sie ja schon», meinte er mit bekümmertem Blick auf unser leeres Tütchen.

Ich wählte Pommes Chips Nature mit Schweizer Alpensalz und Rapsöl, laktose- und glutenfrei. Sie waren köstlich.

Karin Hoffsten hofft, dass es dem jungen Mann inzwischen wieder besser geht, und rät den SBB, bei Gelegenheit ihre kulinarischen Durchsagen zu überprüfen.

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