Nr. 42/2018 vom 18.10.2018

Jugend einer Ausgestossenen

Von Eva Pfister

Der Schulschluss bedeutete für Natascha fast jeden Tag, dass sie um ihr Leben rennen musste. Als Kind ehemaliger ZwangsarbeiterInnen wohnte sie in der neuen Siedlung am Rand einer kleinen deutschen Stadt, wo ausschliesslich OsteuropäerInnen wohnten. Für die Einheimischen waren das alles RussInnen: StellvertreterInnen des Weltfeinds im Kalten Krieg. Als Kind wurde Natascha gejagt, als Teenager von ihren MitschülerInnen mit Hohn und Spott überschüttet. «Unter lautem Gelächter wollten sie von mir wissen, ob es stimme, dass wir zu Hause die Kartoffeln in der Kloschüssel wuschen und dass die Russenweiber keine Unterhosen trugen.» Natascha wurde als «Russki», «Russla», «Russensau» oder «Russenlusch» beschimpft – und sehnte sich nach nichts anderem, als Teil dieser deutschen Mehrheitsgesellschaft zu sein.

Wer wissen will, was Ausgrenzung für die Betroffenen konkret bedeutet, muss das neue Buch von Natascha Wodin lesen. Letztes Jahr erhielt sie für «Sie kam aus Mariupol», eine Spurensuche nach ihrer Mutter, den Preis der Leipziger Buchmesse. Jetzt legt sie ein Buch vor, das zwar auf früheren Publikationen fusst, aber mit frisch erinnertem Schmerz die Jahre nach dem Suizid ihrer Mutter erzählt. Im Zentrum von «Irgendwo in diesem Dunkel» steht Nataschas Vater, der seine ältere Tochter schlägt und einsperrt, bis sie schliesslich wegläuft und monatelang auf der Strasse lebt. Vom Vater verstossen, von der Gesellschaft geächtet, bleibt ihr kein Ort, an dem sie bleiben kann. Einen Sommer lang schläft die junge Frau in einem alten Schuppen am Ufer jenes Flusses, in dem sich ihre Mutter sechs Jahre zuvor ertränkt hat. Es sind sicherlich die schlimmsten Monate ihres Lebens, aber auch jene, in denen Natascha beginnt, Geschichten in alte Schulhefte zu schreiben.

Dass die Siebzehnjährige doch noch ihren Weg aus der Obdachlosigkeit fand, zunächst mit einer Stelle als Telefonistin, dass aus ihr später eine Dolmetscherin, Übersetzerin und schliesslich eine grossartige Schriftstellerin wurde, grenzt an ein Wunder. Zum Glück für ihre LeserInnen.

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