Nr. 42/2018 vom 18.10.2018

Die zornige Pianistin

Von Silvia Süess

Die New Yorker Carnegie Hall ist ihr Ziel: Sie will die erste schwarze Konzertpianistin der USA werden, die mit Bach-Klängen das Publikum im vollen Saal begeistert. Doch der Weg dorthin ist für die 1933 als sechstes von acht Kindern in North Carolina geborene Musikerin steinig. Ihre Familie ist arm und gottesfürchtig, die Mutter predigt in einer Methodistenkirche, wo das kleine Mädchen das Klavierspiel entdeckt – bald schon gilt sie als Wunderkind. Eine weisse Klavierlehrerin gibt ihr Unterricht. Dadurch gelangt das Mädchen zu zwei wichtigen Erkenntnissen, die ihr Leben prägen werden: Sie entdeckt die Welt auf der anderen Seite der Gleise, die Welt der Weissen. In dieser, so lernt sie, sind Schwarze nur in den von Weissen vorgesehenen Rollen geduldet. Die zweite Entdeckung ist die Musik von Johann Sebastian Bach: «Der brachte mich dazu, mein Leben der Musik zu widmen», sagt sie später.

1950 wird die Siebzehnjährige am Curtis Institute of Music in Philadelphia nicht aufgenommen – ein rassistischer Entscheid, denn am Können mangelt es ihr nicht. Da sie Geld braucht, tritt sie als singende Barpianistin auf. Sie gibt sich einen Künstlerinnennamen, mit dem sie weltbekannt wird. Es ist die Kombination ihrer souligen Stimme mit fugenartigem Klavierspiel, die ihre Musik unverkennbar macht. Scheinbar glückliche Jahre folgen: musikalischer Erfolg, Heirat mit einem weissen Expolizisten, der ihr Manager wird, Geburt einer Tochter.

Doch der Schein trügt: Der Ehemann prügelt sie, sie kämpft mit Erschöpfung, Aggressionen und Depressionen. Anfang der sechziger Jahre findet sie endlich ihren Platz und wird zu einer der wichtigsten Stimmen der Black-Power-Bewegung. Ihre Wut kanalisiert sie in ihren Liedern – eines davon wird in mehreren Südstaaten verboten und zur Hymne des Civil Rights Movement. Sie trifft Martin Luther King, befreundet sich mit Betty Jean Sanders, der Frau von Malcolm X, und sorgt mit zornigen und radikalen Auftritten für Furore. Doch mit der Ermordung vieler AktivistInnen und der brutalen Niederschlagung der Aufstände folgt die Ernüchterung. Sie zieht nach Barbados, lebt in Liberia und einsam in Paris. Ende der siebziger Jahre schafft sie überraschend ein erfolgreiches Comeback und tritt noch bis ein paar Jahre vor ihrem Tod 2003 auf.

Wer war diese Frau, die zwar in der Carnegie Hall auftrat, allerdings nicht mit Bach, was sie im hohen Alter sehr bedauerte?

Wir fragten nach der Pianistin und Sängerin Nina Simone, mit bürgerlichem Namen Eunice Kathleen Waymon. Das Pseudonym (eine Hommage an die französische Schauspielerin Simone Signoret) legte sie sich zu, weil ihre Mutter nicht mitbekommen sollte, dass sie «Musik des Teufels» spielte – also Blues und Jazz. Die in manchen Südstaaten verbotene Hymne des Civil Rights Movement hiess «Mississippi Goddam».

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