Nr. 43/2018 vom 25.10.2018

Von Daniela Janser

Immer noch dieser Michel?

Liest man sich durch aktuelle Umfragen zu den beliebtesten Vorlesebüchern, kommt man sich vor wie in einem Nostalgieautomaten. Noch immer schwingen dort Namen wie Astrid Lindgren oder Otfried Preussler obenaus. Auch Jim Knopf, Papa Moll und sogar das Rösslein Hü sind irgendwie nicht totzukriegen. Warum so rückwärtsgewandt, wenn es doch um Kinder und somit um die Zukunft geht? Bla*Sh, das Netzwerk schwarzer Frauen, hat sich schlaugemacht und Vorlesebücher recherchiert, in denen eben nicht nur weisse Menschen Abenteuer erleben und People of Color nicht nur in Gestalt von haarsträubenden Stereotypen eine Rolle spielen.

«VorBilderBücher: Lesungen für Kinder und Begleitpersonen» in: Zürich Maxim Theater, Ausstellungsstrasse 100, So, 28. Oktober 2018, 11 Uhr (für 4- bis 6-Jährige), 14 Uhr (für 6- bis 9-Jährige) und 16 Uhr (für Erwachsene).

Holzbarackendenkmal

Vor 25 Jahren gabs Krach in Basel. Reiche Kunstmäzene trabten beim damaligen Justizdirektor an, um sich zu beschweren. Die Stadt hatte sich erdreistet, direkt beim Kunstmuseum im noblen St.-Alban-Quartier ein Fixerstübli einzurichten: ein Provisorium als dringend notwendige Überlebensmassnahme auf dem Höhepunkt der Heroinwelle. Der Justizdirektor wurde dann abgewählt, das Gassenzimmer blieb noch ein Weilchen stehen.

Nun klebt die Holzbaracke wieder an der Seitenwand des Kunstmuseums. Darin gibts Fotografien von Pascal Trudon zu sehen: Porträts von Süchtigen und Nahansichten einer Rodin-Skulptur, die Trudon als «Denkmal für soziales Handeln» interpretiert. Man wird also eingeladen, die beiden Welten zusammen zu denken. Dabei dürfte schnell klar werden, dass Kunst und Sucht einiges gemeinsam haben. Ist der Kunstsammler nicht auch ein Junkie?  

«Es war einmal beim Kunstmuseum. Zur Skandalgeschichte eines Gassenzimmers» in: Basel Dufourstrasse, zwischen Zschokkebrunnen und Picassoplatz, Di–So, 12–18 Uhr. Bis 4. November 2018.

Wortschneisen

In den Wald gehängte Losungen, im öffentlichen Raum verstreute Kartonbuchstaben: Wenn die offizielle Sprache brutal reduziert oder politisch instrumentalisiert wird, können oft nur noch poetische Interventionen eine befreiende Sinnschneise schlagen, Schutzdichtungen bauen oder Normen infrage stellen. Die Ausstellung von Tomás Glanc und Sabine Hänsgen kombiniert subversive historische Gedichtaktionen aus dem Realsozialismus mit zeitgenössischen osteuropäischen Stimmen. So will man nichts weniger als die Performancegeschichte neu schreiben.

«Poetry and Performance. The Eastern European Perspective» in: Zürich Shedhalle in der Roten Fabrik, noch bis 28. Oktober 2018, www.shedhalle.ch.

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