Nr. 43/2018 vom 25.10.2018

Die Rolexisierung der Welt

Von Karin Hoffsten

Vor vielen Jahren sagte ein Lehrerkollege staunend zu mir: «Was, ihr habt eine Videokamera?» – mit starker Betonung auf «ihr». «Warum denn nicht?», fragte ich zurück, worauf er erklärte: «Ihr Linken seid doch sonst total gegen Konsum!» Daran muss ich denken, seit #Rolexgate durch Twitter flimmert.

Die deutsche SPD-Staatssekretärin Sawsan Chebli besitzt eine Rolex-Uhr. Nun hat jemand ein vier Jahre altes Foto, auf dem sie diese trägt, ausgegraben, auf Twitter gestellt und dazu geschrieben: «Alles was man zum Zustand der deutschen Sozialdemokratie 2018 wissen muss.»

Erst erhob sich der zwangsläufige Shitstorm gegen Frau Chebli. Dann drehte sich der Wind, und es stürmte heftig zurück: Was sie von ihrem selbstverdienten Geld kaufe, sei ihre Privatsache. FDP-Parteichef Christian Lindner schrieb: «Man muss nicht arm sein, um gegen Armut zu sein» – und ausnahmsweise bin ich da ganz bei ihm, auch wenn ich keine Rolex besitze. Alle sind sich einig: An Männerhandgelenken, ob knochig, fett, behaart oder nackt, hat eine Rolex noch nie jemanden gestört, selbst wenn sie nur geerbt wurde.

Nur bei einem einzigen Mann findet man so ein teures Stück anscheinend imageschädigend. Auf einem Foto des orthodoxen Patriarchen Kyrill wurde dessen Uhr wegretuschiert, doch man vergass ihr Spiegelbild auf dem polierten Schreibtisch.

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