Nr. 43/2018 vom 25.10.2018

Friede, Freude, Kaffee und Diskurs

Weltweit wird der Ton in politischen Diskussionen immer aggressiver. Die Aktion «Die Schweiz spricht» hielt dagegen, indem sie dazu einlud, mit einem völlig fremden Menschen die eigene Position zu diskutieren. Ob so die Demokratie gerettet werden kann, blieb offen. Aber spannend wars.

Von Karin Hoffsten (Text und Foto)

Schwierig, sich von Angesicht zu Angesicht mit Unflat zu bewerfen: «Schweiz spricht» in Zürich.

«Machst du das auch zum ersten Mal?», höre ich neben mir einen jungen Mann zu seiner Begleiterin sagen, als ich mir gerade an der Bar einen Kaffee mit Brownie hole. «Das» war ein Massen-Blind-Date, zu dem sich am Sonntag in der ganzen Schweiz Menschen trafen, um paarweise kontrovers über politische Fragen zu diskutieren oder gar zu streiten – so zumindest die Erwartung.

Das Projekt «Die Schweiz spricht» sollte Menschen zusammenführen, die über bestimmte Themen möglichst entgegengesetzt denken. Wer mitmachen wollte, beantwortete vorgängig ein paar Fragen mit Ja oder Nein (unter anderen: Mehr Nähe zwischen Schweiz und EU? Adoptionsrecht für homosexuelle Paare? Frauenquoten in Verwaltungsräten?); dann mixte ein Algorithmus möglichst unpassende Paarungen zusammen, auf dass diese sich zoffen mögen.

Neugierig auf Zoff

Ich habe mich nicht angemeldet. Mir fehle jegliche Lust, mich unter Umständen über zwei lange Stunden mit einem (ich bitte höflich um Entschuldigung) «rechten Arschloch» unterhalten zu müssen, vertraute ich einer Kollegin an. Gleichzeitig stellte sich mir die peinliche Frage, ob ich so nicht dabei helfe, die wachsende gesellschaftliche Unversöhnlichkeit weiter anzuheizen. Aber neugierig auf Zoff war ich schon.

Doch als ich beim Zürcher Bogen F ankomme, treffe ich auf einen Hort des Friedens: Gut gelaunte, freundliche Menschen vertiefen sich bei warmen und kühlen Getränken ins Gespräch, manche lachen, alle sind hoch konzentriert; niemand erhebt streng die Stimme, und handgreiflich wird schon gar keiner.

Die Idee zu diesen Zwiegesprächen hatte 2017 die Redaktion von «Zeit Online». Vor dem Hintergrund, dass sich immer mehr Menschen ausschliesslich in ihren weltanschaulichen «Blasen» bewegen und in Kommentarspalten unflätigst geschimpft, gedroht und geblockt wird, entwickelte man die Datingplattform «My Country Talks». Das Programm ermöglicht Medien, Leserinnen und Zuschauer mit unterschiedlichen Meinungen zu Diskussionen einzuladen. In Deutschland und Österreich fanden bereits Treffen statt, für das Projekt «Die Schweiz spricht» taten sich hiesige Medien zusammen: «Zeit», SRG-Sendungen, «Watson», «Republik», Tamedia-Zeitungen und die WOZ. 1400 Menschen meldeten sich schweizweit an.

Nun diskutieren also rund fünfzehn Paare in der Zürcher Herbstsonne, und auch das mediale Personalaufkommen ist beachtlich. Man nutzt die Gelegenheit zu brancheninternem Small Talk, zum Beispiel hinter mir: «Sag mal, und wie läufts bei euch so?» – «Ach gut, gut, wir haben gerade die Zahlen bekommen!» – «Ein guter Chefredaktor ist die halbe Miete!» Als nach rund anderthalb Stunden erste Teilnehmende zu Bier oder Wein übergehen, wage ich, einige Paare anzusprechen.

Wieso diese Eintracht?

Zwei Herren mit erheblichem Altersunterschied haben sich gar nicht über die vorgegebenen Fragen unterhalten, sondern einfach über Politik – und da seien sie immer noch dran. Zwei ältere Damen stellen fest, stark übereinzustimmen, und meinen, vielleicht hätte man auch eine Frage stellen müssen, in der sogar die Linke gespalten sei, wie die nach einem Burkaverbot. Unterschiedlich beurteilt ein junges Gesprächspaar die Frage nach der Frauenquote, was man auf den Erfahrungsunterschied zurückführe: Sie, schon länger berufstätig, sei unbedingt für eine Quote, er – mit zwanzig – sei der Meinung, der Frauenanteil erhöhe sich zwangsläufig durch Änderungen im gesellschaftlichen Umfeld wie einem Vaterschaftsurlaub et cetera. Zwei Damen haben sich ausschliesslich über ihre Lebensentwürfe unterhalten; dass sie bestimmte Fragen hätten thematisieren sollen, sei ihnen nicht bewusst gewesen. Zufrieden sind alle.

Die Gründe für die breite Eintracht ortet eine Mehrheit in der grossen Konsensfähigkeit von SchweizerInnen, zumal es schwierig sei, sich von Angesicht zu Angesicht mit Unflat zu bewerfen. Doch alle sind sich einig: Zu solch einer Veranstaltung kommen sowieso nur Menschen, die grundsätzlich gesprächsbereit sind. Ich persönlich vermute, dass sich die Harmonie auch den beteiligten Medien verdankt: Die stärksten Stänkerer haben nicht mitgemacht, folglich bewegte man sich immer noch in einer Art Bubble.

Sollte das Projekt wiederholt werden, werde ich aber dabei sein: Der von mir im Voraus imaginierte Unsympath liess sich nirgendwo sehen oder hören.

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