Nr. 43/2018 vom 25.10.2018

Hier dampft der Weltgeist persönlich

Das Tier sind wir? Peter Mettler und Emma Davie streifen in ihrem Film «Becoming Animal» durch die nordamerikanische Wildnis – und machen uns zur Schnecke.

Von Florian Keller

Auf andächtigem Trip durch die belebte Natur: Das leise Grunzen des Bisons. Still: Maximage

Da! Ein zottiges braunes Fell wie von einem riesigen urzeitlichen Fabeltier. Die ganze Leinwand atmet, dazu ist ein leises Grunzen zu hören. Du möchtest die Hand ausstrecken und wie ein Kind mit den Fingern in dieses Fell greifen. Fantasy in 3-D? Beides nicht, das Fabelwesen ist ein gewöhnlicher Bison, und den 3-D-Effekt steuert das Hirn von selbst bei.

So kann es einem ergehen im hyperempfindlichen Kino des Peter Mettler («Gambling, Gods and LSD»). Dessen filmische Essays, die man jetzt im Zürcher Kino Xenix nochmals entdecken kann, sind in gewisser Weise immer auf potenziertes Bewusstsein angelegt – rauschähnlich, aber bei klarem Kopf.

Seine neuste Forschungsreise hat der Kanadaschweizer nun im Verbund mit der schottischen Filmemacherin Emma Davie unternommen, und zusammen tasten sie sich in «Becoming Animal» sachte an unser Verhältnis zur Natur heran. Nein, schon falsch: Wer von unserem Verhältnis zur Natur spricht, hat ja den Menschen implizit bereits von dieser entkoppelt. Und das ist für Mettler und Davie hier der entscheidende Punkt: dass wir die gesamte Biosphäre, als deren Teil wir uns bewegen, zuallererst als riesiges Netzwerk der Kommunikation erfahren, in das wir mit unseren Sinnen immer schon selbst eingebunden sind.

Oder mit anderen Worten: Wenn ich einen Baum anschaue, woher will ich wissen, dass er nicht zurückschaut, der Baum? Und die Schnecke, denkt sie nicht mit jeder Faser ihres Körpers?

Das sind so Fragen, wie sie David Abram umtreiben, einen Wegbereiter der US-Ökologiebewegung. Der 61-jährige Umweltforscher ist der wissenschaftliche Gewährsmann in «Becoming Animal», fungiert also gewissermassen als Reiseleiter für diese filmische Exkursion ins terrestrische Bewusstsein. Wildlederjacke mit Fellkragen, dazu der breitkrempige Lederhut: Wenn Abram so durch die konservierte Wildnis des Grand Teton National Park schreitet, wirkt er wie ein Cowboy mit einem Doktor in Naturverbundenheit. Einmal breitet er auf einer Anhöhe die Arme aus und hebt sie auf und ab wie Flügel, im Geist offensichtlich ganz bei den Vögeln im Himmel. Oder dann legt er seine Hand an die Rinde eines Baums und sagt: «Ich spüre, dass der Baum mich berührt, wie er die chemische Zusammensetzung meiner Haut mustert.»

Wie ein Achtsamkeitsprediger

Man ist also ganz froh, dass der Film dann nicht allein bei David Abram hängen bleibt. Das eigentliche Vorhaben von «Becoming Animal» formuliert Emma Davie recht früh im Film: Ihr gemeinsames Ziel sei, so sagt sie, Abrams Worte und Mettlers künstlerische Vision zusammenzuführen. Davie selber tritt dann aber bald einmal in den Hintergrund, und Mettler übernimmt neben der Vision immer mehr auch das Wort.

In diesen gedanklichen Schlaufen spannt Mettler einen schwindelerregenden anthropologischen Bogen. Das reicht von Höhlenmalereien über die Erfindung der Schrift als einer neuen Form von Animismus bis hin zur etwas wohlfeilen Diagnose, dass die Natur unserem Bewusstsein desto mehr entgleite, je mehr wir uns auf Technologien einlassen, die zwischen unseren Körpern und der sinnlichen Welt intervenieren – und sei es nur etwas so Profanes wie die Parkierhilfe auf dem Display im Auto, die uns sogar beim Einparkieren den Blick zurück auf die reale Umgebung erspart.

Dass er diese Kritik der technologischen Zerstreuung ausgerechnet im Kino formuliert, also unter Aufbietung eines umfassenden audiovisuellen Geräteparks: Diese Ironie entgeht Mettler natürlich nicht. Aber was er im Kino sucht, ist auch nicht der Zerstreuungsapparat, sondern der Immersionsraum für ein höheres Bewusstsein, und Mettler versteift sich auch nie auf simple Technologiekritik. Beim Blick aus dem Flugzeugfenster etwa erinnert er fast schon an Filmemacher und -theoretiker Alexander Kluge, wenn er, ganz staunender Analytiker, Natur und Technik überblendet: «Im Skelett dieses Flugzeugs steckt der Vogel, der uns das Fliegen beigebracht hat.»

Wenn er so räsoniert, klingt Mettler wie ein Achtsamkeitsprediger, und das hat manchmal auch etwas Affektiertes: wie er seinen Text stellenweise fast unmerklich verschleppt, als würde er noch nach dem passenden Wort suchen. Nur kurze Momente des Zögerns sind das, als wollte uns der Filmemacher damit bedeuten, dass wir ihm hier bei der allmählichen Verfertigung seiner Gedanken lauschen dürften. Dabei sind seine Überlegungen auch nicht immer so tiefschürfend, wie sie gedacht sind, gerade dort, wo er sprachphilosophische Fragen berührt. Und manchmal wirkt Mettlers Stimme auch so beschwörend, dass sie die Bilder eher zudeckt als gedanklich erweitert.

Improvisation zwischen Körpern

Aber dies ist eben ein Essayfilm im emphatischen Sinne: kein dokumentarischer Parcours mit bestimmter Destination, sondern eine einzige Suchbewegung, bei der die Bilder die Gedanken immer wieder in neue Richtungen lenken, und umgekehrt genauso. «Becoming Animal» ist ein andächtiger Trip durch die belebte und scheinbar unbelebte Natur, zwischen den Fühlern einer Schnecke in Grossaufnahme und dem Dampf, der über einem See wabert wie der Weltgeist persönlich.

Wahrnehmung, so heisst es einmal im Film, sei letztlich eine fortwährende Improvisation zwischen Körpern. Was das heissen könnte, machen uns Emma Davie und Peter Mettler in den besten Momenten ihres Films unmittelbar bewusst, weil sie hier ihrerseits mit unserer Wahrnehmung improvisieren.

«Becoming Animal» läuft jetzt im Kino.

Eine Retrospektive mit den Filmen von Peter Mettler läuft ab 1. November 2018 im Kino Xenix in Zürich. www.xenix.ch

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