Nr. 43/2018 vom 25.10.2018

Wolkenbruch bricht aus

Von Alice Galizia

Sie schreit und keift und heult – und fährt vor Freude auch mal direkt ins Heck des Autos vor ihr. Sie, das ist Motti Wolkenbruchs Mame (wunderbar: Inge Maux), und sie will eigentlich nur eines: dass ihr Sohn endlich heiratet. Motti (Joel Basman) hat darauf keine Lust, was aber nicht so einfach ist in einer jüdisch-orthodoxen Familie, in der die Mame dauernd Verabredungen mit jungen Frauen aus anderen jüdisch-orthodoxen Familien arrangiert. Da nützt es auch nichts, dass Mottis Tate (Udo Samel) auf seiner Seite steht: Mames Regime ist so einfach nicht zu stürzen.

Alles wird noch viel komplizierter, als sich Motti in eine Schickse – eine Nichtjüdin namens Laura (Noémie Schmidt) – verliebt. Motti geht mit Laura aus, macht eine Reise nach Tel Aviv, ersetzt seinen altmodischen Anzug durch Jeans und T-Shirt und empfindet die Bevormundung seiner Familie zunehmend als einschränkend. Michael Steiners Verfilmung von Thomas Meyers Erfolgsroman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» nimmt sich der Enge einer streng religiösen Gemeinschaft auf leichtfüssige Art und Weise an, ohne dabei je respektlos zu sein.

Die Affäre zwischen der hippen Laura und dem verknorzten Motti, der in seinem Leben kaum Beziehungen ausserhalb der jüdischen Gemeinde hatte, schrammt gerade so an der Unglaubwürdigkeit vorbei. Das ist aber auch in Ordnung, ist der Film doch vor allem eines: eine Komödie. Umso überzeugender ist dafür die Darstellung von Mottis Familie, die neben der übermässigen Kontrolle eben auch eine starke Gemeinschaft und ein Zuhause für ihn ist. Man versteht, dass Motti Wolkenbruch sich trotz allem nicht ohne Weiteres von ihr lösen kann.

Die vielen jiddischen Dialoge machen hier einen grossen Teil des Charmes des Films aus; schade nur, dass sie im Kino untertitelt sind, wurden sie doch eigentlich extra verständlich auch für ein nicht jiddischsprachiges Publikum geschrieben. Trotzdem: Dem Vergnügen tut das kaum Abbruch.

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