Nr. 43/2018 vom 25.10.2018

Gangster war gestern

Der deutsche Rapper Kollegah hat einen Erfolgsratgeber für junge Männer geschrieben. Erschreckend ist daran vor allem, wie bieder es ist.

Von David Eugster

Zeigt den Buben, wie man «bosshaft» wird: Lebensberater Kollegah. Foto: Lars Henning Schröder

Ein Mann, der Felix Blume heisst, tut sicher gut daran, sich ein Pseudonym zuzutun, bevor er eine Karriere als Rapper startet. Deswegen nennt Blume sich Kollegah und macht Gangster- und Battle-Rap. Den letzten Skandal produzierte er, als er im Frühling mit Farid Bang für ihr gemeinsames Album «Jung, brutal, gutaussehend 3» den Pop-Preis «Echo» verliehen bekam und gewisse Textzeilen als antisemitisch kritisiert wurden. Der «Echo»-Preis wurde daraufhin abgeschafft. Neben seiner Karriere als Musiker führt Blume eine Fitnesslinie namens Bosstransformation, die jedem, «egal ob Schwabbel, Fettsack oder abgemagertem Spargeltarzan», eine «stahlharte Optik» zu verleihen verspricht.

Nun hat der Tausendsassa auch noch ein Buch geschrieben: «Das ist Alpha! Die 10 Boss-Gebote». Es verkauft sich bestens, ist seit einigen Wochen auf der Bestsellerliste. Darin beschreibt Blume, wie er der erfolgreiche Rapper Kollegah wurde, und lehrt junge Männer Zucht und Mass: «Nutze so viele freie Zeitspots dazu, an deinen Zielen zu arbeiten, wie möglich – du hast noch einen weiten Weg vor dir und nur eine begrenzte Anzahl an Lebensjahren zur Verfügung!» Blume reiht sich mit diesen biedermeierlichen Ratgeberphrasen in die unendliche Bibliothek der Bücher ein, deren AutorInnen versprechen, ihren LeserInnen in wenigen Schritten zu einem besseren, leistungsfähigeren Selbst zu verhelfen.

Gegen den inneren Lauch

Beratungsliteratur braucht immer einen inneren Schweinehund, den es zu verjagen gilt. Der Feind von Alpha-Boss Blume ist der innere Lauch. «Lauch» ist in der Jugendsprache ein gebräuchlicher Ausdruck für Jugendliche, die untrainiert sind – solche mit «55 Kilogramm Körpergewicht und einem 22er Bizeps». Doch für Blume ist der Lauch auch ein Typ, der primär redet und nichts anpackt, ein Hänger oder ein Klugscheisser mit Fiat Panda und leerem Portemonnaie. Dem gegenüber – und das verspricht Blume – muss man sich zum «Alpha» entwickeln, der sich gegenüber «Betas» durchsetzt. «Richtig, wären Tiere etwas weiter entwickelt, die Kinderzimmer der Jungtiere wären verziert mit Postern von Alphas.»

Damit hechelt Blume sozialdarwinistischen Idealen nach, wie sie auch in der US-amerikanischen Maskulinistenszene hyperventiliert werden, wo verunsicherte Jungs danach streben, ihren Männlichkeitsstatus von «Beta-Male» zu «Alpha-Male» upzudaten, um endlich ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Auf diese Klientel zielt auch Blume: «Wir gehen davon aus, dass du, lieber Leser, der absolute Extremfall bist: Die niederste Form des Mannes. Ein verarmter, fauler, ungefickter, unsicherer, erfolgloser, skinny-fatter TOTAL-LAUCH. Und das ändern wir.»

Als Vorbild liefert Blume sich selbst: Das Buch ist durchgängig illustriert mit Fotos von Blume, auf etlichen posiert er in einem güldenen Brustpanzer – einmal sogar mit einem ganz grossen, schweren Stein in der Hand. Blume gibt den Pin-up-Conan für verunsicherte Jugendliche, Selbstironie ist nicht erkennbar. Auch auf dem Buchumschlag sieht man ihn, in der Mitte geteilt: Die linke Hälfte zeigt ihn im Anzug und mit Protzuhr, auf der anderen sind seine durchtrainierten Muskeln freigelegt. Sie sollen bezeugen, dass Blume auch seine Freizeit nicht für Vergnügungen verschwendet. Der gepanzerte Körper genauso wie der Anzug – auf Schweizerdeutsch heisst er nicht umsonst «Schale» – sollen dem Lauch Kontur und Haltung geben und Feinde abwehren.

Prügel und Respekt

Denn nicht zuletzt rät Felix Blume: «Obacht vor den Bitches!» Natürlich, das wurde schon oft geschrieben, ist das ein sexistisches Buch – zunächst mal, weil es sich nur an Männer wendet. Doch gemessen am Erwarteten, ist es vergleichsweise harmlos – Kollegah hat immerhin schon stolz davon gerappt, wie er Frauen «herbstliche Ahornblatt-Farben» ins Gesicht schlägt. Dass Coach Blume sich zurückhält, hat vielleicht auch damit zu tun, dass seine Fitnesslinie seit diesem Jahr auch um Kundinnen wirbt – mit «Bossladytransformation». Im Buch rät er, im Umgang mit Frauen «immer respektvoll und aufmerksam zu sein», und gesteht ihnen sogar zu, dass sie ebenfalls Bosse werden können.

Nur ein Alphatierchen zu sein, das reicht nicht. Blume will den Buben zeigen, wie man «bosshaft» wird wie er, und dazu gehört auch etwas Galanterie und Bildung. Denn zum Erfolg braucht es nicht nur einen Körper hart wie Kruppstahl, sondern auch Köpfchen. Blume fordert die Jungs deswegen dazu auf, kochen zu lernen, zu meditieren, sich mehr Dokumentarfilme und weniger Pornos anzusehen. Gleichzeitig ist Blume so beflissen zu zeigen, dass er seinen Erfolg verdient hat, dass es fast schon rührend ist. Neben seinen Mucki-Shots bildet er deswegen auch Kopien von seinen Diplomen ab, zum Beispiel von einem Englischintensivkurs. Selbst seine Karriere als Drogendealer baut er in sein Erfolgsnarrativ ein: «Hier lernte ich erste Grundlagen des Unternehmertums.» Seinen Lesern rät er hingegen von Kriminalität ab und geht für sie der Frage nach, ob sie eher in Gold, Aktien oder Immobilien investieren sollen. Gangstern war gestern.

Rap für ambitionierte Filialleiter

Die Diskussion um Gangsterrap ist seit seinen Anfängen in den achtziger Jahren eine um Rollenprosa: Meinen die das ernst? Oder ist das alles übertrieben?

Ein Reiz an Gangsterrap bestand genau darin, dass er die harte Welt der Strasse mythologisierte und damit einen heroischen Soundtrack für den alltäglichen Krampf lieferte. Die Geächteten zelebrierten ihre Abkehr von legalen Jobs, die sie nicht kriegten – und fantasierten von Tonnen von Koks, teuren Autos, Knarren und ganz viel Macht in der Unterwelt. Und das überflügelte bisweilen einiges an Mittelstandspoesie: Einer wie der Rapper Haftbefehl galt dem deutschen Feuilleton zeitweise nicht nur aus Koketterie als unflätiger Enkel des Schriftstellers und Arztes Gottfried Benn mit Migrationshintergrund.

Blume hingegen schlägt in «Das ist Alpha!» mit schmerzhaft altbackenen Sätzen um sich: «Ein guter Verkäufer kann sprichwörtlich einem Eskimo eine Kiste Eiswürfel verkaufen.» Doch letztlich produziert Kollegah bereits seit längerem Gebrauchsgedichte. Viele seiner Lyrics kommen daher wie Motivations-Tapes für ambitionierte Filialleiter, wie die von «Du bist Boss» von seinem 2014er Album «King»: «Du bist Boss, wenn du Gefühle kontrollierst / Deine Physis modellierst / Dich weiterbildest um die Psyche zu trainieren. / Schau in den Spiegel, sag ‹Du bist Boss!›»

Als Rapper ersetzt Blume die poetische Imagination von Strassenrap durch strategische Autosuggestion. Im Buch geht er in diesem Programm nur noch einen Schritt weiter in Richtung Briefkastenonkel: «Wenn du reich werden willst, geh sogar so weit, dass du Fotomontagen von dir zusammen mit all den schönen Dingen, die du dir in Zukunft leisten können willst, an deine Wände klebst – so, dass du sie immer siehst. Nutze dein Unterbewusstsein als Instrument zum Erfolg.»

Alle gegen alle

Der Aufstieg der Ratgeber- und Selbsthilfeliteratur in den letzten Jahrzehnten erklärt sich vor allem aus der Angst, ausgemustert zu werden oder gar nie einen Job zu kriegen. Und auch wenn diese wachsende Verunsicherung aufzeigbare ökonomische Gründe hat, positioniert Beratungsliteratur das Problem immer beim Einzelnen. Bei Blume findet diese Perspektive mit jener des Gangsterrap zusammen: mit dem Glauben nämlich, dass so etwas wie gesellschaftliche Solidarität nicht existiert und das Lamentieren über soziale Hintergründe etwas für rückgratlose Schwächlinge ist. O-Ton Kollegah, als Rapper: «Ich lach über diese Rapper mit moralischen Werten, die sozialkritisch werden.»

Es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur den Kampf aller gegen alle. Der selbsternannte Ghettoking besingt genauso wie die Start-up-ProphetInnen den unerschütterlichen Mythos des starken Individuums, das sich aus eigener Kraft verbessern kann. Die Klage über gesellschaftliche Strukturen ist was für Weicheier – letztlich ist alles eine Frage des richtigen «Mindsets». Probleme löst man alleine, sei es nun mit Mackerattitüde, Maschinenpistole oder harter Meditation.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch