Nr. 43/2018 vom 25.10.2018

Wen rächt die Grippe?

Von Stefan Keller

Lazarettsaal der Schweizer Armee. Foto: Schweizerisches Bundesarchiv

«Die Grippe rächt die Arbeiter», titelt die linke «Sentinelle» aus La Chaux-de-Fonds drei Tage nach dem Landesstreik: Dazu druckt sie eine Meldung über die Zunahme von Grippefällen in der Armee, die gegen die ArbeiterInnen im Einsatz steht.

Spanische Grippe und Landesstreik werden künftig gemeinsam durch die Erinnerung geistern. Entweder sind die Behörden schuld oder die Arbeiterführer. Die Epidemie bricht aber bereits im Sommer 1918 aus und fordert viele Tausend Tote, auch in abgelegenen Dörfern, noch bevor der Streik beginnt. Oft sterben ganze Familien; die einen werden krank, die anderen stecken sich bei der Pflege an. Der «Walliser Bote» raunt in einem Leitartikel im Oktober von einer «Denkschrift Gottes».

Kranke Soldaten sterben, anders als auf diesem Propagandabild, in prekären Unterkünften, manchmal zwei auf einer Matratze. Das grenzenlos überlastete Pflegepersonal ist vorwiegend weiblich. Die linke «Sentinelle» wird sich für ihren hämischen Titel später entschuldigen. Weltweit tötet die Grippe 25 Millionen Leute, mehr als zuvor der Krieg.

In der nächsten WOZ: Das Frauenregime im Volkshaus

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