Nr. 43/2018 vom 25.10.2018

Das letzte halbe Jahr

Von Silvia Süess

Als Nahid erfährt, dass sie nur noch ein halbes Jahr zu leben hat, ist sie wütend. Wütend auf die Ärztin, die ihr das mitteilt, und wütend auf ihre erwachsene Tochter Aram, die erst 4 Stunden und 45 Minuten nachdem Nahid den Bescheid erhalten hat, zu ihr kommt. Als Aram endlich kommt, sagt Nahid kühl: «Du hast keine Mutter, du hast überhaupt niemanden. Du bist eine Waise.» Worauf die Tochter wortlos das Zimmer verlässt.

Der Roman «Was bleibt von uns» von Golnaz Hashemzadeh Bonde erzählt eine verstörende Mutter-Tochter-Geschichte – doch im Grunde handelt das Buch vom Überleben. Denn das ist es, was Nahid seit Jahrzehnten macht. Die Ich-Erzählerin, konfrontiert mit ihrem baldigen Tod, erinnert sich an ihr Leben, das von Schuld, Schmerz und Gewalt geprägt war: «Wir waren zwanzig Jahre alt, und in mancher Hinsicht endete da unser Leben. (…) Wir hätten in dieser Nacht sterben sollen, und alle Jahre, die folgten, waren geliehen.» Dabei hatte diese Nacht voller Hoffnung begonnen: Es war 1980, und im Iran war die Revolution ausgebrochen. Mit auf der Strasse in Teheran und voller Euphorie die zwanzigjährige Medizinstudentin Nahid mit ihren FreundInnen und ihrer vierzehnjährigen Schwester. Doch dann wird ein Freund erschossen, und die Schwester verschwindet – die Schuld an diesem Drama überschattet Nahids Leben. Sie flieht schliesslich mit ihrem gewalttätigen Mann nach Stockholm, wo sie versuchen, ein neues Leben anzufangen. Doch das gelingt nicht. «Es hat gerade erst angefangen», will Nahid den fliehenden Menschen, die sie heute in den Nachrichten sieht, zurufen: «Die Flucht sitzt euch im Blut, und sie wird übertragen auf eure ungeborenen Kinder, und wie ein Tumor wird sie mit der Zeit in euch wachsen.»

Golnaz Hashemzadeh Bonde, die 1983 im Iran geboren wurde und als Kind nach Stockholm flüchtete, ist mit «Was bleibt von uns» ein wuchtiges Buch gelungen. In ihrer kargen Sprache nimmt die wütende Ich-Erzählerin einen vom heutigen Stockholm mit ins Teheran von damals und lässt einen am Ende völlig erschüttert alleine zurück.

Die Autorin liest am Samstag, 27. Oktober 2018, 19 Uhr, im Rahmen von «Zürich liest» im Zentrum Karl der Grosse.

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