Nr. 43/2018 vom 25.10.2018

Berührung ist mehr als ein Reiz

Von Franziska Meister

Er ist «ultraleicht», gibt «äusserst realistisches Feedback» und ermöglicht «beispiellose Präzision und Bewegungsfreiheit». Die ETH spart mal wieder nicht mit Eigenlob, wenn es um eine Entwicklung aus ihren Labors geht: einen Virtual-Reality-Handschuh. Wer ihn sich überstreift, kann virtuelle Objekte «berühren» und manipulieren. Der Handschuh wurde bereits erfolgreich von Freiwilligen getestet. Wobei der Erfolg dann doch ein stark relativer ist – denn das erklärte Ziel ist, dass sich die Berührung gleich anfühlen sollte wie in der realen Welt. Die ETH spricht von einer «grossen Herausforderung», die «zurzeit noch ungelöst ist».

Das ist nicht nur optimistisch formuliert, sondern vielleicht auch etwas naiv. Für die technische Hochschule ist ein realistisches Berührungsgefühl dann erreicht, wenn es gelingt, die menschliche Sensorik – und die beschränkt sich im Verständnis der ForscherInnen auf die Vielzahl unterschiedlicher Rezeptoren in der Haut von Fingern und Hand – zu simulieren. Menschliche Sinneswahrnehmung ist aber ungleich komplexer. Das Gefühl einer Berührung kann sich auf dem Weg in höhere Gehirnregionen verändern – weshalb wir uns zum Beispiel nicht selber kitzeln können. Verantwortlich dafür ist eine Art sensorischer Wächter, der die Berührung vorwegnimmt und das Signal reduziert. NeurowissenschaftlerInnen aus Tübingen haben nun herausgefunden, dass dieser Wächter nicht auf dem Signalweg ins Gehirn hockt, sondern im Hirnstamm selbst. Der sensomotorische Kortex, also jene Hirnregion, die für die Wahrnehmung einer Berührung verantwortlich ist, sendet dabei ein Signal an den Hirnstamm, das die erwartete Berührung vorhersagt. Kommt dann das von der Berührung ausgelöste Signal, hat der Wächter im Hirnstamm dem sensomotorischen Kortex bereits mitgeteilt, wie er es einzuordnen hat.

Wie der Wächter auf ein Signal aus dem Virtual-Reality-Handschuh der ETH reagiert, darüber kann nur spekuliert werden.

Tatsache ist: Vielen Menschen wird in einer Virtual-Reality-Interaktion schwindlig.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch